Sind Schweizer Unis zu international?

Die Besetzung von Lehrstühlen ist wieder zum Politikum geworden. Im Fall der Nachfolge eines Publizistik-Professors an der Universität Zürich hat der «Tages-Anzeiger» laut geklagt, dass einem schweizerischen Bewerber eine Amerikanerin vorgezogen wurde. Dies, obwohl zum Aufgabenbereich der Professur auch die Analyse der Schweizer Medienlandschaft zähle. Auf die hohe wissenschaftliche Qualität der Amerikanerin habe die Unileitung nur gesetzt, weil das «dem Ranking» der Uni Zürich nütze.

Man sollte sich an dieser Stelle daran erinnern, dass in den späten 90er-Jahren das «Magazin» in einer Reportage Hohn und Spott über den angeblich zum Einschlafen langweiligen Lehrkörper der Philosophischen Fakultät der Uni ausgegossen hatte. Denn statt bei Berufungen auf Exzellenz zu setzen, seien Hausberufungen gang und gäbe, nach dem Motto: Der langjährige Oberassistent wird Nachfolger seines Chefs (beides Schweizer).

Dieses Bild war zwar überzeichnet, aber nicht ganz abwegig: An den Schweizer Unis war Heimatschutz dieser Art verbreitet. Doch seither hat sich einiges geändert: Bewerberinnen und Bewerber für eine Professur haben sich in breit zusammengesetzten Berufungskommissionen und in einem mehrstufigen, mehrfach kontrollierten und von politischen Vorgaben freien Verfahren zu bewähren. Die Veränderung war spürbar, die zunehmende Internationalisierung hat den Universitäten gutgetan.

Bei der Nachwuchsförderung darf der Pass keine Rolle spielen.

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Geht es bloss um das Ranking? Hauptgebäude der Universität Zürich. Foto: Keystone

Dennoch regt sich jetzt Widerstand. Nationalkonservative Kreise möchten die ungeliebten Unis in ein geistiges Reduit stellen und politisch wieder in die Zange nehmen. Denn kritisches Denken gilt als «links» und unschweizerisch, Schweizer Themen sollen von Schweizern bearbeitet werden, ein «deutscher Filz» verhindere die Karrieren von Schweizern.

Differenzierter kritisiert der St. Galler Historiker Caspar Hirschi, dass die Internationalisierung kein nachhaltiges Geschäftsmodell für unsere Unis sei: Die Mehrzahl der Doktoranden komme aus dem Ausland auf gut bezahlte Stellen in die Schweiz, verlasse diese aber nach dem Abschluss wieder; und viele Professoren importiere die Schweiz zum Nachteil des eigenen Nachwuchses. Diesem stünden viel zu wenig Stellen zur Verfügung, um schrittweise und vor allzu viel Unsicherheit abgesichert den akademischen Karriereweg einschlagen zu können. Daher würden die jungen Schweizer nur selten Interesse an einer Unikarriere zeigen.

Wer Überfremdungsängste schüren will, könnte sich hier bestätigt fühlen. Was also ist von dieser Kritik zu halten? Erstens, und dazu nur kurz: Solange sich die Schweiz mit 18 Prozent eine extrem tiefe Matura-Quote leistet, muss man sich über den fehlenden akademischen Nachwuchs nicht wundern. Zweitens: Wer genau gehört eigentlich zum akademischen Nachwuchs? Wer in der Schweiz in die Schule ging (oder gar den roten Pass besitzt)? Oder zum Studium in die Schweiz kam? Oder erst fürs Doktorat? Nationalisten setzen auf den roten Pass, Caspar Hirschi scheint jene zu meinen, die hier zur Schule gingen.

Auch wenn es gut gemeint sein mag, so ist doch beides falsch. Denn während die Bildungspolitik alle Kinder und Jugendlichen zu fördern hat, die hier aufwachsen, gilt für die Nachwuchsförderung an der Uni eine andere Regel: Hier darf der Pass keine Rolle spielen. Soll man denn Amerikanern, Deutschen oder Franzosen, die z. B. seit dem Masterstudium hier leben, studieren und forschen, bei der Vergabe von Stellen oder Stipendien bescheinigen, man könne ihre Anträge nicht unterstützen, weil sie damit eventuell einem Schweizer im Weg stehen würden? Soll man als akademischer Vorgesetzter bei Stellenbesetzungen oder in Kommissionen zur Vergabe von Forschungsstipendien auf die Herkunft schauen und Schweizer auch dann bevorzugen, wenn sie weniger qualifiziert sind als andere? Wohl kaum! Denn auch für Schweizer gilt: Ihre Förderung muss darauf hinauslaufen, sie international konkurrenzfähig zu machen. In einer Welt der globalisierten Wissenschaften wäre das geforderte nationale Einhegen von Unikarrieren ein Schuss ins Knie, der der Schweiz noch sehr lange sehr wehtun würde.