Für die meisten Kinder ist das Gymi nichts

Eltern, die für ihre Kinder vorsorgen wollen, sichern ihnen die bestmögliche Bildung. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, nur eine renommierte Hochschule führe zu Reichtum und Ansehen. So bleibt es trotz allerlei Ausnahmen dabei: Gutbetuchte Eltern ziehen ihre Kinder mit grosser Umsicht auf, bringen sie ins Gymnasium und lassen sie nachher etwas besonders Lukratives studieren. Damit haben sie ihnen alles mitgegeben, vererben einen schönen Batzen dazu, und die Jungen florieren weiter.

Jüngst beklagte sich ein Gymnasiallehrer an dieser Stelle über ein eigenartiges Problem. Wenn er sagt, dass seine Kinder die Matura machen sollen, und zwar ohne die üblichen Entschuldigungen beizufügen, etwa dass die Kinder es wollten und besonders befähigt seien, dann werde er «gedeckelt»; er findet es legitim und vernünftig, die Entscheidung zu fällen und vom Staat einzufordern. Und er will für diese Haltung auch Anerkennung.

Wünschenswert ist, dass die Alternativen zum Gymnasium attraktiver werden.

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Eintritt nur für wenige: Eingang des Gymnasiums in Lugano. Foto: Gabriele Putzu (Ti-Press/Keystone)

Man kann ihm zustimmen: Wer das Ziel so klar vor sich hat, soll es doch gleich aussprechen, warum erst verlogene Zugeständnisse an die Wünsche und Fähigkeiten der Kinder machen?

Es ist jedoch fast erschütternd, wenn ein Schweizer Gymnasiallehrer, der unser System und unsere Bildungsmöglichkeiten kennt, Berufslehren und höhere Berufsbildung sowie Fachhochschulen aller Richtungen als nicht brauchbare Alternativen für seine Kinder verwirft, nur das Gymnasium für gut genug hält und sich nicht von Wünschen und Fähigkeiten der Kinder beirren lässt.

Die Tatsache ist bekannt, dass in der Schweiz die Bildungschancen höchst ungerecht verteilt sind. Schon beim Schuleintritt sind die Unterschiede der Schülerinnen und Schüler zwischen «bildungsfern» und gutbürgerlich so krass, dass man sich wundert, dass sie in Jahrgangsklassen unterrichtet werden können. Leider zeigen Untersuchungen, dass die Nachteile während der ganzen Schulzeit nicht aufholbar sind.

Diese ungerechte Diskrepanz sichert den Fortbestand der aktuellen wirtschaftlichen Verteilung: Kinder aus bildungsfernen Schichten kommen kaum ins Gymnasium, sie haben allgemein schlechtere Karten. Dafür haben wir zahlreiche Möglichkeiten für alle Jugendlichen, nach der Sekundarschule eine passende Berufslehre zu finden, und zudem wurde in den letzten Jahren die Möglichkeit zu aussergymnasialen Mittelschulausbildungen ständig ausgebaut. Unsere Nichtgymnasiasten sind keineswegs ungebildet. Man darf sagen, dass wir in einem sozial schlechten System ziemlich gute Auswege und Verbesserungen gefunden haben.

Ich nehme jetzt an, dass der Gymnasiallehrer die 80 Prozent der Jugendlichen einfach vergessen hat, deren Eltern nicht auf eine Maturität pochen. Und es ist anzunehmen, dass seine Kinder keine grosse Mühe in der Schule und keinen unbesiegbaren Widerwillen gegen sie haben, sonst wäre ihnen ein trauriger jahrelanger Kampf sicher. Für die eigenen Kinder geradewegs eine Gymnasialausbildung vom Staat einzufordern, scheint mir dreist. Denn unser stilles Abkommen heisst: Für höhere Bildung auf Staatskosten erbringt der Jugendliche den Tatbeweis mit guten Leistungen, welche sich in Noten ausdrücken.

Bisher ist der Zugang zum Gymnasium durch Selektion erschwert. Der Kanton Zürich hat ausser den Noten zwei herkömmliche Selektionsinstrumente, über deren Sinn man sich streiten kann und die wohl eine Anpassung vertragen würden, das Latein im Untergymnasium und die Aufnahmeprüfung.

Soll man Zugangsbeschränkung und Leistungskontrollen abschaffen, alle Kinder dem Wunsch der Eltern entsprechend in Mittelschulen aufnehmen? Wenn nun alle Eltern die Mittelschule als einzigen Weg für ihre Kinder sähen? Laut Andreas Pfister kann sich im Gymi jeder durchbeissen, dessen Eltern es wollen, denn er argumentiert, in der Primarschule gebe auch niemand auf.

Anzunehmen ist: Die Quote würde wohl 60 Prozent nie übersteigen und speziell die sozial benachteiligten Kinder ausschliessen; die Selektion hingegen verschafft denjenigen von ihnen mit hoher Lern- und Arbeitsbereitschaft den Zutritt zur höheren Bildung, also genau jenem wissenschaftlichen Nachwuchs, der nur dank einem guten System an die Hochschulen gelangt. Im gegenwärtigen Umfeld garantiert Selektion die Qualität der Bildung.

Wünschenswert ist, dass die Alternativen zum Gymnasium und zur Hochschulbildung immer attraktiver und bedürfnisgerechter werden, bis Eltern, welche «das Beste» für ihre Kinder wollen, nicht im Traum mehr daran denken, sie auf einen qualvollen Weg zu schicken, der ihnen nicht entspricht und nicht gefällt.