Wir brauchen eine neue Bildungsoffensive

In der Rubrik Bildung des Politblogs geht es um aktuelle Themen der Bildungspolitik. Autoren sind Andreas Pfister (Leitung), Philipp Sarasin, Patrik Schellenbauer und verschiedene Gäste.

Wer die Schweizer Medien nach Bildungsthemen durchforstet, stösst spätestens aufgrund der penetranten Wiederholungen auf ein Paradox: Der akademische Bildungsweg, also das Gymnasium und die Universitäten, insbesondere die Geisteswissenschaften, bezieht regelmässig mediale Prügel, während der Run auf genau diese Institutionen ungebrochen bleibt oder noch zunimmt. Das Umgekehrte gilt für den dualen Bildungsweg: Während sich dort eine Lobeshymne an die nächste reiht, zeigen neuste Zahlen, dass das Wachstum der Berufsmatura ins Stocken geraten ist.

Warum gerät «Akademisierung» hierzulande zum Schimpfwort?

BILDUNG, HOCHSCHULE, UNIVERSITAET, ZUERICH, UNI, STUDENTEN, VORLESUNG, HOERSAAL, NOTIZEN

Studenten an der Uni Zürich. Foto: Martin Rütschi, Keystone

Das Problem, wollen uns Bildungspolitiker weismachen, liege bloss im falschen Wertesystem unserer Gesellschaft, etwa im dummen Prestigedenken unwissender Eltern. Entsprechend liege die Lösung nicht etwa im Beheben der gegenwärtigen Missstände, nämlich der unverhältnismässig strengen und frühen schulischen Selektion sowie des Fokus auf dem dualen Bildungsweg, sondern das Heil liege in Informations- und Prestigekampagnen, nötigenfalls in neuen Titeln. Bei sich selbst sieht man keinen Handlungsbedarf, umso mehr bei allen anderen: Mit missionarischem Eifer versucht man, nicht nur Immigrantenfamilien, sondern auch internationale Firmen mit ihren offenbar gänzlich verstockten Personalchefs, am liebsten den ganzen in die Akademisierungsfalle getappten Erdball zum allein selig machenden Schweizer Bildungssystem zu bekehren.

Was läuft hier schief? Warum gerät «Akademisierung» hierzulande zum Schimpfwort? Woher kommt die vehemente Kritik an allenfalls «unnützer» Bildung? Und warum wird auf der anderen Seite die Lehre gebetsmühlenartig zum Allheilmittel gegen Jugendarbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, mittlerweile sogar gegen Terror zum nationalen Mythos hochstilisiert?

Um hier eins klarzustellen: Ich habe nichts gegen die Lehre. Im Gegenteil: Auch ich bin stolz auf dieses Erfolgsmodell, insbesondere auf seine Flexibilität und Reformfreudigkeit, etwa durch die immersive Lehre oder den graduellen Ausbau des schulischen Anteils. Doch die erstickende Einseitigkeit, mit der hier auf den dualen Weg gesetzt wird, steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung des akademischen Bildungswegs und zu seinem Anteil am Wohlstand der Schweiz. Die Begeisterung für die Lehre ist schön, doch wenn sie umschlägt in die Forderung nach weniger Gymnasiasten, weniger Akademikerinnen, einer tieferen gymnasialen Maturaquote, dann verselbstständigt sich ein Mythos und wird zum Irrläufer, dann beraubt sich die Bildungsnation Schweiz ihres künftigen Potenzials.

Viele sind sich indes einig in der Auffassung, die Schweiz bilde zu viele und vor allem die falschen Akademiker aus: Die politische Rechte fordert wieder Mut zur gymnasialen Elite(-Schule). Die Linke kümmert sich lieber um die Förderung und Integration sozial Schwacher und überlässt das Feld der höheren Bildung kampflos den Privilegierten. Dem Gewerbe ist naturgemäss die Lehre am nächsten. Und die Bildungspolitiker und -beamtinnen? Die stimmen mit begeisterter Larmoyanz ein in das alte kulturpessimistische Lied von den angeblich immer schlechteren Studienanfängern, deren haarsträubenden Sprachfehlern und lamentablen Mathematikkenntnissen, kurz: von der dringenden Notwendigkeit, diesen Augiasstall – sorry, Bildungssprengsel! – endlich mal auszumisten. Zwar reden sie gern von Fachkräfte-Initiativen und dergleichen – aber noch lieber brüsten sie sich damit, eine nationale Bildungsstrategie schon gar nicht erst ins Auge zu fassen. Gerne berufen sie sich dabei auf Lehrpersonen (die sie persönlich kennen!), so, als wären diese nicht Teil des Systems und als sprächen sie mit einer einheitlichen Stimme.

Tatsächlich würde es ein Teil der Lehrerschaft wohl begrüssen, würde das Gymnasium endlich um jene 10 Prozent (warum sind es eigentlich immer 10 Prozent?) erleichtert, «die einfach nicht ans Gymi gehören». Natürlich gibt es solche Fälle. Aber was ist mit all jenen, die, wie der Bildungsbericht aufzeigt, von ihrem Potenzial her sehr wohl ans Gymi gehören würden, die aber trotzdem nicht da sind? Warum redet keiner von denen? Es ist ein riesiges Potenzial an fähigen Jugendlichen vorhanden, dessen die Schweiz Jahr für Jahr verlustig geht. Aufgrund dieses ungenutzten Reservoirs sind auch die Ängste unbegründet, das Niveau würde bei einer moderat höheren Gymnasial- bzw. Akademikerquote quasi proportional absinken. Wir sind noch lange nicht am Anschlag. Auch deshalb nicht, weil das Wort Bildung immer auch Schaffung, Herstellung bedeutet: Der Anteil an Hochqualifizierten ist nicht einfach gegeben – er wird gemacht. Bildung ist kein Mysterium, sondern Denken ist ein Handwerk. Man kann es lernen, und zwar in der Praxis der Schule.

Trotz dem hohen Bedarf an Akademiker(-innen) in der Hochleistungsgesellschaft Schweiz kommt die Forderung nach weniger, dafür besseren Maturand(-innen) immer noch gut an. Lieber importiert man die Hochqualifizierten aus dem Ausland, statt sie selbst auszubilden. Man stelle sich dieses skrupellose Vorgehen etwa in der Landwirtschaft vor, wo die einheimische Produktion stark geschützt wird vor ausländischen Importen. Was ist uns verglichen damit der eigene akademische Nachwuchs wert? Ist er etwa weniger schweizerisch, weniger schützenswert als Milch und Käse?

Es gibt zahllose Mythen, welche die Bildungsdiskussion prägen: Das jugendliche Potenzial sei ausgeschöpft, Bildungsqualität und -quantität liessen sich nicht gemeinsam steigern, Theorie und Praxis entsprächen jeweiligen Bildungswegen, in der Schule lerne man nicht arbeiten und so fort. Besonders beliebt ist die undifferenzierte Story von den arbeitslosen oder überqualifizierten Geisteswissenschaftlern. Fakt ist: Die Wirtschaft braucht Fachkräfte, die Forschung Wissenschaftler, die Gesellschaft Intellektuelle. Die Schweiz hat nicht zu viel davon – sie hat zu wenig. Langfristig bleibt die Wissensgesellschaft Schweiz nur dann erfolgreich, wenn sie in neuer Form auf ihre althergebrachten Trümpfe setzt: die Schweizer Qualität und unseren einzigen Rohstoff – die Bildung. Hoch spezialisierte Produkte und Dienstleistungen verlangen nach top gebildeten Leuten – und damit nach einer neuen Bildungsoffensive. Diese kann sowohl über den akademischen als auch über den dualen Berufsweg führen, doch die Stärkung des dualen darf nicht zulasten des gymnasialen Wegs gehen. Es braucht beides: eine Erhöhung der gymnasialen, aber auch der Berufsmaturaquote.

Sehr langsam fängt ein Umdenken an. Dass etwa der Numerus clausus kontraproduktiv ist, darüber etabliert sich derzeit ein Konsens. Auch die geplante Fachkräfte-Initiative dürfte die Notwendigkeit von besserer Bildung unterstreichen. Die eigentlich erfreuliche Nachfrage aus der Wirtschaft kann den Ruf nach mehr Bildung für mehr Menschen unterstützen. Doch bekanntlich legitimiert sich Bildung nicht allein über ihre Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Der eigentliche Grund, sich für eine neue Bildungsoffensive starkzumachen, die nicht bloss auf mehr Akademiker zielt, sondern auf mehr Bildung für alle, explizit auch auf mehr Allgemeinbildung in der Lehre, also auf mehr Chancengleichheit und ein höheres Bildungsniveau – dieser Grund liegt nicht ausserhalb der Bildung, sondern in ihrem Eigenwert. Auf die Gefahr hin, nach Sonntagspredigt zu klingen, sei an dieser Stelle mit dem nötigen Pathos formuliert: Wer jemals selbst erfahren hat, wie Bildung nie geahnte Welten eröffnet, welche Befreiung sie darstellt und welche Möglichkeiten sie bereithält, der wird ihr ganz anders begegnen als einem blossen Mittel zum Zweck: mit Respekt nämlich und Dankbarkeit.

Dieser Bildungsblog (beziehungsweise die Rubrik Bildung im Politblog) ist Ausdruck davon. Der «Tages-Anzeiger» macht im Mai die Bildung gleich doppelt zum Thema: Die Serie #Schulewohin greift aktuelle Bildungsthemen auf, und der Bildungsblog macht regelmässig die Bildungspolitik, insbesondere die nachobligatorische Schulzeit betreffend, zum Thema. Der Blog will jenseits der fixen Gegenüberstellung von Lehre und Gymi über die Möglichkeiten einer intensivierten Bildung auf allen Stufen nachdenken. Dies auch mit dem Ziel, dass künftig, wer die Schweizer Bildungslandschaft nach Bildungsthemen durchforstet, eine Plattform findet, welche Bildung nicht als unnötigen Ballast oder Verschwendung, sondern als Chance für alle versteht.