Die Doppelmoral des Zuschauers

Schwarzwurzeln aus der Dose, Erinnerungslücken, K.-o.-Tropfen-Verdacht und ein lädierter Rücken: Das sind nur einige der Ingredienzen der sogenannten Zuger Sexaffäre. Seit drei Wochen werden der Öffentlichkeit keine Details rund um jene Nacht erspart, die das Leben zweier Kantonalpolitiker komplett auf den Kopf gestellt hat. Nachdem sich die beiden in einer Bar für Sex auszogen, müssen sie nun vor der ganzen Schweiz die Hosen herunterlassen.

Medien haben früh entschieden, die Beteiligten mit Namen zu nennen, den Missbrauchsvorwurf zu kolportieren und die Unschuldsvermutung in Nebensätzen zu verstecken. Leser und Social-Media-User wiederum zögerten nicht, wahlweise die grün-alternative Frau oder den SVP-Mann vorzuverurteilen. Ein breiter Konsens scheint zu bestehen: Diese leidige Geschichte gehört in die Öffentlichkeit. Doch das gehört sie nicht. Denn solange sich nicht erhärten lässt, dass es beim nächtlichen Zusammentreffen zu einem Offizialdelikt kam, ist der Vorfall nicht öffentlichkeitsrelevant. Der Konflikt zwischen den beiden Politikern hätte zuerst in aller Stille strafrechtlich geklärt werden müssen. Hätten sich die Vorwürfe dabei als wahr erwiesen, hätten die Zuger Wähler ein Recht auf Information gehabt. Erst dann.

Ein Konsens scheint zu bestehen: Diese Geschichte gehört in die Öffentlichkeit. Doch das gehört sie nicht.

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Der wohl bekannteste Sexskandal: Die Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky kostete US-Präsident Bill Clinton 1998 beinahe sein Amt. Foto: Keystone

Kritiker werden nun einwenden, die Politiker hätten die Publizität selbst gesucht. Das darf bezweifelt werden: Niemand breitet freiwillig intimste Geheimnisse in Boulevardblättern aus. Doch die beiden Protagonisten gerieten in einen Rechtfertigungsstrudel, gaben immer neue Intimitäten bekannt – und trieben damit ihre eigene Demontage voran. Bei dieser Flucht nach vorne ist ihnen die Kontrolle über die Berichterstattung entglitten. Das ist typisch für die mediale Dynamik, die eine solche Affäre entfaltet: Je mehr berichtet wird, desto mehr sehen sich weitere Medien gezwungen, nachzuziehen.

Erst ein halbes Jahr ist es her, seit der Badener Stadtammann und grüne Nationalrat Geri Müller über seine Nacktselfies stolperte. Wortreich wurde bei Gerigate herbeigeschrieben, warum dieser Fall öffentlichkeitsrelevant sei: Amtsmissbrauch! Nacktbilder aus dem Büro! Entblösste Geschlechtsteile im Nationalratssaal! Was in der Essenz übrig blieb: Ein älterer Herr hatte via Handy die Hosen vor einer jüngeren Frau heruntergelassen.

Leserzahlen zeigen, dass das Publikum nach solchen Affären geradezu dürstet. Kein Wunder – es kann sich aus sicherer Distanz über die Fehltritte anderer amüsieren. Schliesslich hat die Schweiz keine Royals, über die sich die kollektive moralische Empörung entladen könnte. Also werden Politiker in die Rolle der Hofnarren gedrängt.

Wenn aber das Private öffentlich und jede Handlung politisch wird, schafft das ein gefährliches Klima. Politik verkommt auf diese Weise zur Posse. Und es stellt sich die Frage: Warum haben wir als Gesellschaft derart hohe Ansprüche an die Moral der Politiker? Weil wir sie in ein würdevolles Amt gewählt haben, das hohe Anforderungen an ihre Integrität stellt, lautet die gängigste Antwort. Ist das Vertrauen verspielt, tritt an dessen Stelle die Schadenfreude. Aber wo ziehen wir die Grenze – welche privaten Verfehlungen von Milizpolitikern sind für die Ausübung ihres politischen Amtes massgebend?

Interessanterweise scheinen wir bei Wirtschaftsführern nicht dieselben Massstäbe anzusetzen. Private Eskapaden könnten zwar durchaus zum Risiko für ihr Unternehmen werden, weil dadurch ihre Leistungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit beeinträchtigt wird. Befürworter einer öffentlichen Beurteilung privater Probleme sollten daher auch bei den Herren über zahlreiche Arbeitsplätze ein öffentliches Interesse geltend machen. Und doch: Kaum je lesen wir von deren privaten Misstritten.

Klar, Wirtschaftskapitäne exponieren sich persönlich weniger als Politiker. Letztere suchten ja die Öffentlichkeit, also muss auch dort über sie gerichtet werden, so die verbreitete Meinung. Aber Grossunternehmer sind ganz einfach auch weniger greifbar, vom Publikum abgeschirmter und daher unnahbar. Und so offenbart sich die Doppelmoral der Öffentlichkeit: Denn egal, wo man tiefer graben würde, unkorrektes Verhalten und Versäumnisse fänden sich überall. Bei jedem einzelnen Bürger. Das wiederum heisst, dass wir gerade Politiker bei solchen Affären mit Massstäben messen, die sie als Menschen nur schwer erfüllen können.

Diskutieren Sie mit! Was darf, was soll, was muss an die Öffentlichkeit? Wo liegen die Grenzen der Privatheit?