Die vier grössten Irrtümer im Sprachenstreit

Sind zwei Fremdsprachen zu viel in der Primarschule? Ist der nationale Zusammenhalt ohne Frühfranzösisch gefährdet? Welche Kompetenzen hat der Bundesrat? Es ist an der Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.

Irrtum 1: Es geht um den «nationalen Zusammenhalt»

Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer behauptet: «Die Sprachen halten unsere Nation zusammen.» Das ist ziemlich kurzsichtig. Tatsächlich trennen die Sprachen unser Land. Wie früher die Glaubensbekenntnisse: Noch 1847 schlugen sich Katholiken und Reformierte bei uns die Köpfe ein. Trotzdem blieb die Schweiz zusammen.

Zum Glück hat sich unser Land nie über eine Sprache oder eine Religion definiert, sonst wäre die heutige Schweiz gar nie entstanden oder schon längst auseinandergekracht. Viel wichtiger ist es, dass wir unseren Staat von unten nach oben organisieren: föderalistisch. Die Gemeinden und die Kantone können selber entscheiden, was gut für sie ist. Gerade für die (Sprach-)Minderheiten im Land ist dieser Aufbau von grösster Bedeutung. Wer nun den «nationalen Zusammenhalt» retten will, indem er gegen Volksentscheide und gegen alle föderalistischen Prinzipien von oben Politik durchsetzen will, gefährdet in Wahrheit selber das Produkt Schweiz.

Die kantonale Bildungshoheit ist nur schon deshalb sinnvoll, damit nicht jeder Kanton jeden Reform-Unsinn mitmachen muss.

Für manche Kinder ist Frühfranzösisch vielleicht Zu-früh-Französisch: Unterricht mit Primarschülern. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Irrtum 2: Die Sprachenfrage ist eine politische Debatte

Was in der Romandie häufig vergessen geht: Deutschschweizer Schüler müssen zuerst einmal mühsam Hochdeutsch lernen. Dazu kommen die vielen Migrationskinder, die mit vier zusätzlichen Sprachen konfrontiert werden: Mundart, Hochdeutsch, Französisch, Englisch.

Wir würden heute nicht über den Sinn von zwei Fremdsprachen in der Primarschule diskutieren, wenn die Resultate so toll wären. Das zeigen die Praxis und auch wissenschaftliche Studien («Tages-Anzeiger» vom 18.8.2014). Darum stellen sich folgende Fragen: Auf welcher Stufe soll der Fremdsprachenunterricht beginnen? Sind die Schüler überfordert mit Frühfranzösisch und Frühenglisch? Stimmen Aufwand und Ertrag überein? Diese Fragen sind pädagogische Fragen – und man soll sie bitte auch pädagogisch beantworten. Bezeichnenderweise sieht die Lehrerschaft den heutigen Sprachenunterricht skeptisch. Bereits 2011 äusserte sich der damalige Chefpädagoge des Schweizer Lehrerverbandes, Anton Strittmatter, deutlich: «Aus sachlichen Gründen müsste man auf die zweite Fremdsprache verzichten, aber politisch ist das derzeit leider nicht durchsetzbar.»

Irrtum 3: Harmonisierung ist per se gut

Man kann auch das Gute übertreiben. Verbindliche Lernziele für die Volksschule sind sinnvoll. Nur wird jetzt unter dem Titel «Harmonisierung» weit über das Ziel hinausgeschossen: Die Erziehungsdirektorenkonferenz versucht, mit dem Lehrplan 21 massiv in den Unterricht einzugreifen. Auf den über 550 Seiten werden 4753 Kompetenzen für die Volksschule definiert. Das ist absurd und ohne jeden Praxisbezug. Auch der Schweizer Lehrerverband geht auf Distanz: «zu umfassend», «zu anspruchsvoll». Harmonisierung ist der Feind der Vielfalt. Die kantonale Bildungshoheit ist nur schon deshalb sinnvoll, damit nicht jeder Kanton jeden Reform-Unsinn mitmachen muss.

Irrtum 4: Die Bundesverfassung verlangt zwei Fremdsprachen in der Primarschule

Innenminister Alain Berset (SP) hat nach dem Thurgauer Entscheid – nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule – die Drohkeule gezückt. Der Bundesrat habe «die Kompetenz zu handeln», sollten die Kantone wichtige Bereiche des Schulwesens «nicht harmonisieren». Er spielt damit auf den 2006 angenommenen Bildungsartikel an. Was er und seine Parteigenossen gerne verschweigen: Im gleichen Artikel ist zu lesen, dass die kantonale Selbstbestimmung in Bildungsfragen gewährleistet bleibe.

Eindeutiger ist das Sprachengesetz: Dort steht, dass die Schüler nach der obligatorischen Schulzeit Grundkenntnisse in zwei Fremdsprachen haben müssen. Also nach neun Schuljahren. Es gibt keine rechtliche Grundlage, dass der Bundesrat zwei Fremdsprachen auf Primarstufe verordnen dürfte.