Die Stadt Baden und ihr Jupiter

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Ein Angestellter der Stadt Baden, nennen wir ihn Gino Meier, pflegt an seinem Arbeitsplatz Nacktbilder von sich selber zu schiessen. G. M. arbeitet in der Buchhaltung, er besitzt keine Kaderfunktion, aber ein Einzelbüro. Dort geht es mit runtergelassener Hose, Handykamera und einschlägiger Fantasie zur Sache – das Produkt wird anschliessend elektronisch an eine, sagen wir, Bekanntschaft versandt. Irgendwann machen Gerüchte über G. M.s Treiben in der Badener Verwaltung die Runde, der Vorgesetzte erfährt davon. Unserem kleinen Buchhalter ist klar, dass er jetzt ein Problem bekommt, er fürchtet die Kündigung. Tatsächlich zieht das der Vorgesetzte kurz in Erwägung, am Ende belässt er es aber bei einem formellen Verweis. Kopfwäsche der Abteilung Human Resources inbegriffen.

Diese Geschichte ist fiktiv, aber realistisch. Der Plot lässt sich sogar zuspitzen, wenn wir Gino Meier alias G. M. eine höhere Funktion zuweisen: Einem Abteilungsleiter mit Repräsentationspflicht liesse der Chef Frivolitäten wohl noch weniger durchgehen. Verzwickt wird alles erst, wenn wir uns G. M. als Departementsvorsteher oder sogar als Badener Stadtammann denken. Denn dann ist auf einmal kein eigentlicher Vorgesetzter mehr da. Dem Stadtammann übergeordnet sind die Badener Stimmbürger, die Eskapaden mit der Abwahl des Täters ahnden können – oder ihn wiederwählen, falls sie die Tat zu wenig gravierend finden. Um allerdings in der Lage zu sein, diesen Entscheid zu treffen, müssten sie über die Sachlage Bescheid wissen.

Privatsache von Öffentlichkeitsrelevanz zu scheiden, ist eine Grenzziehung durch vermintes Gelände.

Sein Fall treibt Medien und Kommentatoren um: Geri Müller (19. August 2014). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Und schon sind wir in der Realität, die uns selten mit einfachen Plots beglückt. Über den amtierenden G. M. im Badener Präsidialamt berichten, über ihn schweigen? «Schweigen!» – wird jetzt lautstark gefordert. Und zwar von einer überraschend grossen Zahl von Kommentatoren in Leserbriefen, auf Medien wie Twitter, in Blogs. Die Geri-Müller-Fotos, die an die Presse gelangt sind, seien Geri-Müller-Privatsache.

Privatsache von Öffentlichkeitsrelevanz zu scheiden, ist eine Grenzziehung durch vermintes Gelände. Unseren Amtspersonen werden dabei vergleichsweise grosszügige Refugien zugestanden. Anders als in den USA sieht man hier nie Politiker, die mit reuigem Hundeblick öffentlich um Vergebung für eine aussereheliche Vaterschaft bitten – zum Glück. Wer allerdings findet, über Privates sei nur zu berichten, wenn ein juristischer Schuldspruch vorliege, macht es sich zu einfach. Der frühere Armeechef Roland Nef war ein rechtlich unbescholtener Mann. Trotzdem gibt es einen breiten Konsens, wonach die Berichte über seine privaten Verfehlungen wichtig waren – sie kosteten ihn am Ende denn auch das Amt.

Mit der aktuellen Schmonzette aus dem Badener Rathaus verhält es sich zugegebenermassen weniger eindeutig. Fakt ist, dass eine aussereheliche Vaterschaft die Autorität von Stapi Müller kaum schädigen würde. Seine fotografisch dokumentierte Rocco-Siffredi-Nummer dagegen tut es sehr wohl. Sie ist, so gesehen, relevant für die Beurteilung seines politischen Wirkens, die spätestens am nächsten Wahltermin fällig wird.

Vor allem aber sollten die Advokaten von Geri Müllers Privatsphäre kurz an unseren fiktiven G. M. aus der Badener Stadtbuchhaltung denken. Faktisch fordert die Pro-Müller-Fraktion nämlich, dass man einem hohen Würdenträger erlaubt, wofür ein einfacher Arbeitnehmer bestraft würde. Die alten Römer hätten dazu gesagt, dass der Jupiter auf dem Präsidentensessel darf, was dem Ochsen in subalterner Angestelltenposition verboten ist. Unsere Exekutivpolitiker haben mit den antiken Göttern gemein, dass sie über mehr Macht und ein höheres Einkommen als Normalsterbliche verfügen. Doch das darf nicht heissen, dass an sie die geringeren charakterlichen Anforderungen als an die Ochsen gestellt werden. Eher muss es umgekehrt sein. Die Vorzugsbehandlung von Machtträgern ist ein Kennzeichen von Bananenrepubliken.