Träumer und Warner – die zwei Extremszenarien zur AKW-Debatte

Die AKW-Debatte vom nächsten Mittwoch steht unter dem Eindruck zweier extremer Szenarien: Goldene Zukunft mit erneuerbaren Energien oder überteuerte Energie und als Folge davon wirtschaftlicher Absturz. Wir träumen mit den Ausstiegseuphorikern und schauen mit den Warnern über den Abgrund. Die Wahrheit wird dazwischen liegen.

Best Case

Das Parlament stimmt dem Plan des Bundesrates, mittelfristig aus der Atomenergie auszusteigen, bereits in der laufenden Sommersession zu. Beflügelt davon arbeitet Leuthards Uvek eine Vorlage aus. Eckpunkte: Eine Förderabgabe zugunsten des Ausbaus erneuerbarer Energien. Eine Lenkungsabgabe, welche den Umstieg forciert. Ein Verzicht, später wieder in die Atomenergie einzusteigen.

In der Vernehmlassung stösst die Vorlage auf Zuspruch. Economiesuisse gibt den Widerstand gegen den Ausstieg zähneknirschend auf und zieht fortan am gleichen Strick. Im Parlament wird die bundesrätliche Vorlage grossmehrheitlich gutgeheissen. Die FDP macht mit, man will ja nicht noch mehr Stimmen an die Grünliberalen verlieren. Die SVP verzichtet auf ein Referendum, sie will die Gewerbler und die Bauern nicht vergraulen, weil beide vom Umstieg profitieren. Bereits 2013 tritt das Gesetz in Kraft.

Nun holt Leuthard Verbände, Industrie und Investoren an den runden Tisch. Beim «Masterplan Energiezukunft» signalisieren Umwelt- und Naturschützer Entgegenkommen, die Banken sorgen für Investitionen und die Industrie verspricht die nötigen Kapazitäten.

«Freude herrscht», wenn Bastien Girod 2034 als erster grüner Bundesrat in Leibstadt das Schweizer Atomzeitalter beendet

Noch stammt viel Schweizer Strom aus Atomkraftwerken: AKW Leibstadt bei Nacht.

Noch stammt viel Schweizer Strom aus Atomkraftwerken: AKW Leibstadt bei Nacht.

Fortan kommen neue Projekte zügig voran. Scheunendächer in der ganzen Schweiz werden mit Photovoltaikanlagen bestückt, Windräder an exponierten Lagen erreichtet, Geothermische Kraftwerke aus dem Boden gebohrt und Staumauern erhöht. 2019 wird Beznau I vom Netz genommen. 365 Megawatt Leistung fehlen. Zu einer Stromlücke kommt es nicht. Auch mit Beznau II und Mühleberg im Jahr 2022 bricht die Stromwelt in der Schweiz nicht zusammen. Nochmals gehen je ca. 370 Megawatt vom Netz. Der Optimismus steigt, zumal Deutschland wie versprochen das letzte seiner 17 AKW abgestellt hat. Der Härtetest in der Schweiz erfolgt allerdings erst sieben Jahre später. 2029 ist Lichterlöschen in Gösgen. Fast 1000 Megawatt Strom müssen ersetzt werden. Zwei Gaskraftwerke helfen mit, den drohenden Ausfall zu ersetzen.

Das leistungsstärkste Kraftwerk der Schweiz ist als letztes dran: 2034 zieht Bastien Girod, der erste grüne Bundesrat – dannzumal 54 Jahre alt –, in Leibstadt den Stecker und beendet damit das Zeitalter der Atomenergie in der Schweiz. «Freude herrscht», eröffnet er seine Rede und erntet dafür beim älteren Publikum ein zufriedenes Lächeln. Die Schweiz fährt mit fast 100 Prozent erneuerbarem Strom in die Zukunft. 2035 erhält Doris Leuthard – inzwischen 72 Jahre alt – den alternativen Nobelpreis für ihr visionäres Schaffen und den unermüdlichen Einsatz für den Atomausstieg.

Worst Case

Im Parlament kommt es zu einem jahrelangen Hickhack um Ausstiegszeiten, Abgaben und Forschungsverbote. Die Vorlage zieht sich bis 2014 hin. Ein Referendum sorgt für eine weitere Verzögerung. Erst 2016 tritt die zahnlose Gesetzesänderung in Kraft. Der beschlossene Energierappen reicht nirgends hin, die Lenkungsabgabe hat ihren Namen nicht verdient. Zudem wurde gesetzlich verankert, dass die Schweiz bei guten Forschungsergebnissen auf die Atomenergie zurückkommen kann. Fortan wird der nötige rasche Ausbau der neuen erneuerbaren Energien durch Einsprachen und Gerichtsentscheide verzögert. Die Investoren zögern.

Bereits 2019 fehlen mit Beznau I 365 Megawatt Leistung. Dabei ist die Bevölkerung in dieser Zeit rasant weitergewachsen. Stromsparen entpuppt sich als Illusion, es kommt zur Stromlücke. Die Schweiz wird vom Ausland abhängig. Viel zu spät setzt man auf Gaskraftwerke als Ersatz für den fehlenden Atomstrom. 2022 spitzt sich mit dem Aus von Beznau II und Mühleberg die Lage zu. Der Bundesrat will Beznau II länger laufen lassen. Es kommt zu Massendemonstrationen. Nach einem weiteren Jahr ist dennoch Schluss.

Weil die Schweiz beim europäischen Stromabkommen umgangen wurde, wird nichts aus weiteren Grossimporten. Das Übertragungsnetz wird um die Schweiz herum gebaut. Die Stromversorger müssen ihr knappes Gut rationieren. Pro Haushalt gibt es nur noch eine gewisse Menge Strom, jede weitere Kilowattstunde kostet das Zehnfache. Die Industrie ächzt unter horrenden Preisen. Alu- und Papierproduzenten machen dicht und entlassen die Mitarbeiter. In aller Eile werden Gaskraftwerke aus dem Boden gestampft. Weil die CO2-Kompensation im Ausland geleistet werden muss, verteuert sich der Strom massiv. Ein Teil der Wirtschaft verliert seine Konkurrenzfähigkeit, die Schweizer gerät ins Hintertreffen. Tschechien und die Slowakei, welche voll auf Atomenergie setzten, überholen die Schweiz punkte Wirtschaftskraft.

Als 2029 auch Gösgen vom Netz soll, erhalten die beiden letzten Meiler Betriebsverlängerungen. Die drohende Stromlücke würde sonst zu gross. Das Volk, inzwischen desillusioniert, nimmt es zur Kenntnis. 2035 bringen die Franzosen einen risikofreien Atomreaktor auf den Markt. Die Schweiz greift zu – der Ausstieg war eine Fatamorgana. «Wir haben es ja gesagt, tönt es von einigen alten Herren.»

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