Die Wirtschaft im Zugzwang

Moralische Empörung kühlt in der Schweiz schnell ab. Dann beginnt man zu rechnen – und deshalb hatte die 1:12-Initiative keine Chance: Die Angst, dass rigide Lohnvorschriften für die obersten Chefs am Schluss wirtschaftlich allen schaden könnten, war stärker als die Sehnsucht nach Gerechtigkeit.

Im Land der kühlen Rechner lässt man den Unternehmern traditionell viel Freiheit, weil die grosse Mehrheit der Bevölkerung damit immer gut gefahren ist. Zu glauben, die deutliche Absage an die Juso-Initiative offenbare ein unerschütterliches Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in ihre Wirtschaft, wäre aber ein Irrtum. Der Ärger über Lohnorgien in Chefetagen und über Unternehmer, die vergessen haben, was die Schweiz ausmacht, ist nicht verflogen. Die Initiative hat nur deshalb nicht mehr Zuspruch erhalten, weil sie so extrem war.

Gegenseitige Rücksichtnahme zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, bekannt als Sozialpartnerschaft, relativ liberaler Arbeitsmarkt, gut dosierte Skepsis gegen Staatseingriffe: Vieles von dem, was als Schweizer Erfolgsrezept gilt, muss immer aufs Neue gesichert sein. Deshalb können die Unternehmer und Wirtschaftsverbände jetzt unmöglich glauben, der Sturm sei mit dieser Volksabstimmung vorbei.

Die Unternehmer erwarten in den nächsten Monaten und Jahren viel vom Stimmvolk.

(Keystone)

Die Ablehnung von 1:12 war kein Freipass: Demonstration der Juso auf dem Paradeplatz in Zürich, 2. November 2013.(Keystone)

Zu viele Arbeitnehmer im Land machen gegenwärtig die Faust im Sack. Trotz immer höherer Leistung erhalten sie keine oder nur magere Lohnerhöhungen. In manchen Branchen stehen die Arbeitnehmer unter permanentem Druck, mit dem rasanten Wandel zurechtzukommen. Andere spüren am Arbeitsplatz die verschärfte Konkurrenz des europaweit geöffneten Arbeitsmarktes.

Die Unternehmer erwarten in den nächsten Monaten und Jahren viel vom Stimmvolk: Es soll Nein sagen zur linken Initiative für landesweite Mindestlöhne, damit die Chefs weiterhin je nach Region weniger bezahlen können. Es soll rechte und ökologische Angriffe auf die Personenfreizügigkeit abwehren, sodass die Firmen jederzeit Zugriff auf passende und günstige Arbeitskräfte aus der EU haben. Es soll einer Unternehmenssteuerreform zustimmen, damit der Standort Schweiz attraktiv bleibt, wofür aber in einigen Kantonen der Steuerzahler einen Teil der Kosten übernehmen muss.

All das wird die Wirtschaft nur bekommen, wenn sie in das Vertrauen der Arbeitnehmer investiert. Die Verwaltungsräte im Land müssen transparente Vergütungssysteme mit Cheflöhnen durchsetzen, die für den Normalbürger einigermassen nachvollziehbar sind. Ein weniger kompromissloses Renditedenken könnte in vielen Betrieben die Stimmung heben. Und in Tieflohnbranchen braucht es Zugeständnisse an die Gewerkschaften.

Die Gerechtigkeitsdebatte geht weiter. Nur wenn die Mehrheit des Stimmvolks das Gefühl hat, dass die Wirtschaft ihre Freiheit nicht missbraucht, wird die Bereitschaft weiterhin vorhanden sein, linke Regulierung und rechten Isolationismus abzulehnen. Die Beweislast ist jetzt gleichsam umgekehrt: In nächster Zeit muss die Wirtschaft zeigen, wieweit sie selber für Gerechtigkeit sorgen kann.

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