Grossmütter wollens wissen

Grossmütter machen mobil. Sie mischen sich ein in die Diskussion um die Familieninitiative der SVP, die am 24. November zur Abstimmung kommt. Sie fordern Steuerabzüge oder Gutschriften für ihre Arbeit bei der Betreuung ihrer Enkelkinder oder bei der Pflege ihrer Angehörigen, ihrer pflegebedürftigen Männer.

Für sie ist klar: Wenn Eltern nach einem Ja zur Initiative der SVP, meistens eben Frauen, für die Betreuung der Kinder zu Hause auch Steuerabzüge geltend machen können, wollen auch sie zu ihrem Recht kommen. Sie fragen sich selbstbewusst: Warum sollen nicht auch sie begünstigt werden? Sie leisten wohl den grössten Beitrag bei der Kinderbetreuung, sie springen ein, wo sie auch immer können. Viele haben mit ihren erwachsenen Kindern einen festen Plan, nach dem sie die Kinder ihrer Kinder betreuen: einmal bis mehrmals in der Woche. Sie entlasten so die Budgets ihrer Kinder, wie die des Staates.

Sie leisten das alles freiwillig, sie sind auch da, wenn alle Stricke reissen. Wenn beispielweise auch die Mutter, die zu Hause die Kinder betreut, durch Krankheit, wegen eines unvorhergesehenen Ereignisses ausfällt. Sie bilden das ultimative Netz. Die Grossmütter, die sich um die ehemalige Zürcher Stadträtin Monika Stocker gruppiert haben und unter dem Namen «GrossmütterRevolution» nach aussen treten, belegen dies in der «NZZ am Sonntag» auch statistisch: «Grossmütter hüten 79 Millionen Stunden pro Jahr Kinder.»

Die Schweizer Wirtschaft, unsere Gesellschaft überhaupt, hat bei der Kinderbetreuung den Grossmüttern viel, sehr viel zu verdanken.

Eine Grossmutter spielt mit ihrem Enkel, 16. November 2006. (Keystone/Gaëtan Bally)

Eine Grossmutter spielt mit ihrem Enkel, 16. November 2006. (Keystone/Gaëtan Bally)

Und in der Tat. Wir stimmen am 24. November über eine Initiative ab, die bei einer Annahme neue Begehrlichkeiten auslösen wird. Die Initiative kommt auf den ersten Blick gerecht und sehr logisch daher. Warum sollen nicht auch die Familien begünstigt werden, bei denen die Mütter, wie zu Gotthelfs Zeiten und wie schon immer, daheim die Kinder betreuen? Das ist so klar wie einsichtig. Nur, die Sache ist weit komplexer.

Die Zürcher Finanzdirektorin Ursula Gut sowie die St. Galler Professorin für Volkswirtschaftslehre Monika Bütler warnen in der «NZZ am Sonntag»: Allein der Kanton Zürich und die Gemeinden müssten einen Steueraderlass von 250 Millionen Franken hinnehmen; hochgerechnet auf die Schweiz ergibt das über eine Milliarde CHF pro Steuerjahr, die durch einschneidende Sparmassnahmen, oder eben andere Steuern, kompensiert werden müsste.

Betroffen wären vor allem kinderlose Steuerzahler. Und die Profiteure der Initiative wären bei den Gutverdienenden zu finden. Der gutverdienende Mann, der es sich leisten kann, dass seine Frau die Kinder zu Hause betreut, der sich auch freut, dass ihm alles vom Leibe gehalten wird, was ihn in seiner Karriere stört, könnte nach Annahme der Initiative seine Steuerrechnung markant reduzieren. Die Familien aber, die auf zwei Einkommen angewiesen sind, die darauf Steuern zahlen müssen und dadurch in eine höhere Progressionsstufe gelangten, müssten zudem mit einer Reduktion des bisherigen Steuerabzuges rechnen.

So kommt wieder einmal eine Initiative vor das Volk, die auf den ersten Blick, und allein betrachtet, eine Ungerechtigkeit aus der Welt schafft, aber neue, bislang noch unbekannte Ungerechtigkeiten hervorbringt und das an sich schon komplexe Steuersystem weiter belastet. Monika Bütler bringt es auf den Punkt und fordert eine Vereinfachung: Den Steuerabzug soll künftig nur geltend machen können, wer die Fremdbetreuung mit einer Berufstätigkeit auch belegen kann. Und die SVP sei an ihren Steuergrundsatz erinnert: «Wir setzen uns ein für mehr Pauschalabzüge und tiefere Steuersätzen statt für eine Vielzahl von abzugsberechtigten Einzelinteressen.» Zu lesen auf der Home-Page der Partei.

Und schliesslich ist eines unbestritten, wird aber viel zu wenig beachtet: Die Schweizer Wirtschaft, unsere Gesellschaft überhaupt, hat bei der Kinderbetreuung den Grossmüttern (zunehmend auch den Grossvätern) viel, sehr viel zu verdanken. Ihre Leistungen, auch die für die Pflege ihrer Angehörigen und Freunde, sind künftig einzubeziehen, nicht als Einzelinteresse, sondern als Teil einer gesamtheitlichen Ausrichtung, auch und gerade in der Steuerpolitik.

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