Der eisige Freisinn

Es stimmt schon, die Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz müsste einem Leid tun. Sie verliert eine Wahl nach der anderen, sie versucht eine Strategie nach der anderen, mal bankennah und dann wieder bankenfern, mal staatsmännisch oder angriffig, ohne dass es etwas ändert. Ihr neuer Parteipräsident bringt Publizität, aber keine Resultate. Die Partei ist dermassen heruntergekommen, dass sie schon von der BDP desavouiert werden kann. Ihr Personal ist so konturlos, dass man um jeden dankbar ist, der auffällt, und es sind fast immer Quereinsteiger, von Filippo Leutenegger bis Fathi Derder.

Und doch bleibt die Trauer über den freisinnigen Niedergang gedämpft. Man verspürt keine Sehnsucht bei sich aufsteigen, die FDP möge zu alter Grösse zurückfinden. Denn man erinnert sich, wie es war, damals. Als Filz und Freisinn die Schweiz bedeckten.

Filz, laut Wikipedia «ein textiles Flächengebilde aus einem ungeordneten, nur schwer zu trennenden Fasergut», ist ein ganz besonderer Stoff. Archäologische Funde, die den Filzgebrauch belegen, datieren in die Jungsteinzeit und werden in der Schweizer Politik bis heute nachgewiesen, wobei das nur schwer zu Trennende an diesem Fasergut mit dem Ende des Kalten Krieges eine gewisse Lockerung erfuhr. Als Inbegriff des Filzes bleibt die damalige Schweizerische FDP in Erinnerung, wie sie sich als Staat aufspielte, auf die Gesellschaft einwirkte und in Politik, Wirtschaft und Militär dafür sorgte, dass die Besitzer von Macht und Geld unter sich blieben. Die «Neue Zürcher Zeitung» schrieb das fortlaufende Drehbuch dazu.

Das Schlimmste war die Selbstgefälligkeit dieser Aktionäre und Reaktionäre. Ihre Kombination aus Kleinmut und Grossspurigkeit. Ihr seniles Réduit-Vokabular.

Der Freisinn hat sich gewandelt: Brupbacher und Bundesrat Schneider-Ammann. (Keystone)

Der Freisinn hat sich gewandelt, die Erinnerung an ihre frühere Grossspurigkeit bleibt: FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher und Bundesrat Johann Schneider-Ammann an der FDP-Delegiertenversammlung, 4. Mai 2013. (Keystone)

Das war eine Zeit, in welcher der militärische Ton auch im Zivilleben für Achtung sorgte, das war eine Zeit, in der ein freisinniger Ständerat schon links einsortiert wurde, wenn er Dienstverweigerern einen Zivildienst anbieten wollte. Es war eine Zeit, in welcher der korrekt satirische Franz Hohler das Dienstverweigerer-Lied von Boris Vian nicht im Fernsehen singen durfte. Es war eine Zeit, in welcher sich der amerikanische McCarthyismus in der Person des freisinnigen Subversionsjägers Ernst Cincera reinkarnierte. Es war die Zeit des Befehlstons, des bürgerlichen Bellens, der eisigen freisinnigen Arroganz: die Zeit der alten grauen Männer. «Fassaden steinharter Bürgerlichkeit» nannte das der «Spiegel» damals, in seinem Bericht über die Zürcher Unruhen.

Das Schlimmste war die Selbstgefälligkeit dieser Aktionäre und Reaktionäre. Ihre Kombination aus Kleinmut und Grossspurigkeit. Ihr seniles Réduit-Vokabular. Ihre Vorstellung einer hochgepanzerten Schweiz als Paradies. So hat man das erlebt, damals, und am schlimmsten war es in der freisinnigen Zuchtmaschine der Armee. Man hatte alle Demütigungen verdrängt, den Hass auf diese Leute vergessen, seine ohnmächtige Wut in der Achtungsstellung vor dem spitzbärtigen Sadisten – und brauchte bei Mike Müllers «Truppenbesuch» im Neumarkt nur ein paar Minuten, bis einem alles wieder einfiel.

Natürlich führten sich nicht alle so auf, selbstverständlich gab es Anständige und Differenzierte in der Partei, auch bei der Armee glaubten nicht alle den Mist, den wir Nachrichtensoldaten auf die Landkarten der Offiziere zeichnen mussten, Angriff von Rot über den Rhein, Panzersperre bei Biberist, Widerstandsnest aufgerieben, anschliessend Zwischenverpflegung. Aber es kam uns damals vor, als würde diese bleierne Zeit nie vorübergehen.

Sie ging vorüber. Dafür kam die SVP. Mit ihrer Rechthaberei, ihrem Triumphalismus, ihrer Denunzierung alles Fremden. Mit dem Egoismus und der Brutalität ihrer Politik, mit ihrem Rassismus und ihrer Biederkeit, ihrem Hang zur Provinzialität, ihrer kulturlosen Lärmerei. Früher trug man Krawatte, jetzt rollt man die Hemdsärmel. Man hätte nie gedacht damals, dass es noch schlimmer kommen würde, als es gekommen ist seither.

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