Schlecht integrierte Konzerne

Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft, Economiesuisse, macht seit geraumer Zeit keine besonders gute Falle. Mitte April sorgte Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli einmal mehr für negative Schlagzeilen – diesmal als Verwaltungsratspräsident des Chemiekonzerns Clariant. Dabei wurde bekannt, dass sein Unternehmen mit 1035 Mitarbeitern keinen einzigen Lehrling ausbildet. Gleichzeitig kämpft Economiesuisse für die praktisch uneingeschränkte Einwanderung aus der EU in die Schweiz.

Als der Bundesrat letzte Woche die Ventilklausel ausrief, bedauerte dies Economiesuisse: «In einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld und bei anhaltendem Fachkräftemangel sind die Unternehmen auf einen offenen Arbeitsmarkt angewiesen und müssen nun mit Rekrutierungsschwierigkeiten rechnen.» Und: «Für Economiesuisse ist klar, dass das Unbehagen in weiten Teilen der Bevölkerung gegenüber der Personenfreizügigkeit nicht ignoriert werden darf.»

Man fragt sich, ist der Verband begriffsstutzig oder einfach nur ein Heuchler? Wenn die anhaltend hohe Zuwanderung deutscher Ärzten, polnischer Krankenschwestern, britischer Rohstoffhändler oder französischer Chemiker wenigstens stabilisiert werden soll, dann muss die Wirtschaft, aber auch der Staat schleunigst damit anfangen, endlich deutlich mehr eigene Fachkräfte auszubilden. Das kostet Geld, was natürlich im Widerspruch zur Gewinnmaximierung, einer tiefen Staatsquote und somit zu den Idealen von Economiesuisse steht.

Je mehr sich eine Firma um den Gewinn und weniger um ihr Image kümmern muss, desto eher verzichtet sie auf die Ausbildung von Lehrlingen.

Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihr Lehrlingswesen: Ein Schüler besucht die Berufsmesse in Zürich (Keystone/Martin Ruetschi)

Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihr Lehrlingswesen: Ein Schüler besucht die Berufsmesse in Zürich (Keystone/Martin Ruetschi)

Ein Beispiel: Unter den 100 grössten Arbeitgebern in der Zentralschweiz bilden bloss drei Firmen keine Lehrlinge aus – darunter Glencore. Der weltgrösste Rohstoffhändler in der Schweiz beschäftigt an seinem Hauptsitz in Baar 530 Mitarbeiter – etwa gleichviel wie die Credit Suisse in der Zentralschweiz oder das Kantonsspital Uri. Doch die Bank und das Spital bilden 75 respektive 85 Lehrlinge aus. Man könnte folglich locker die These aufstellen, dass je mehr eine Firma sich um den Gewinn und weniger um ihr Image kümmern muss, desto eher verzichtet sie auf die Ausbildung von Lehrlingen.

Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihr Lehrlingswesen. Dank dem dualen Ausbildungssystem ist die Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich rekordtief. Doch wenn sich hier ansässige Konzerne zunehmend um Schweizer Gepflogenheiten foutieren, bekommt die Schweiz längerfristig ein Problem. Ein Indikator für ein gut integriertes Unternehmen ist auch die Zahl der Lehrlinge. Zug ist mit seinen rund 100 Handelshäusern eine der weltweit wichtigsten Rohstoff-Drehscheiben. Aber nur ein einziger Rohstoffhändler bildet einen einzigen Lehrling aus: die Kolmar Group. Kaum besser sieht es in den Zentralen von Amgen und Biogen Idec aus. Die grösste und drittgrösste Biotechnologiefirma der Welt beschäftigen in Zug über 500 Mitarbeiter, ihre Lehrlinge lassen sich an einem Finger abzählen.

Der Luzerner CVP-Nationalrat Ruedi Lustenberger reichte eine parlamentarische Initiative ein, damit zusätzliche Anreize für Betriebe geschaffen werden, Lehrstellen anzubieten. So solle bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen die Ausbildung von Lehrlingen durch ein Unternehmen positiv gewichtet werden. Freilich hätte dies keine nennenswerte Auswirkungen auf die international tätigen Rohstoffhändler und Konzerne, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Der Arbeitgeberverband übrigens kritisierte kürzlich, dass ein solches Kriterium im öffentlichen Beschaffungswesen «falsche Anreize» für Unternehmen schaffe. Die Lehrlingsausbildung sei Teil der Firmenkultur und könne nicht als Kriterium bei der Vergabe dienen, sagte Präsident Thomas Daum. Und der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) hielt die Lehrlingsausbildung als Vergabekriterium für ungeeignet, da sie mit der nachgefragten Leistung nichts zu tun habe.

Ruedi Lustenberger hat übrigens die parlamentarische Initiative am 20. Juni 2003 eingereicht. Seitdem wurde sie gezielt durch Fristenverlängerungen neutralisiert. Ist die Politik begriffsstutzig oder eine Heuchlerin?

document.write(„„);