Ueli, der Bremser

Eigentlich steht die Ampel auf Grün. Doch Ueli Leuenberger und seine Truppe kommen nicht vom Fleck. Der Präsident der Grünen Partei Schweiz tut im Moment so ziemlich alles, damit seine Partei nicht vom Fukushima-Effekt profitieren kann. Ginge es mit rechten Dingen zu und würden die Grünen elementarste Regeln des Politmarketings beachten, fände Folgendes statt: Auf allen Kanälen wäre ein Parteipräsident zu sehen, der selbstbewusst aber nicht rechthaberisch aufzeigt, dass die Grünen die einzig wahre Anti-Atom-Partei sind – während er die bürgerliche Mitte als Atom-Wendehälse und die Grünliberalen als Modeerscheinung ohne Leistungsausweis entlarvt. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, würde eine solche Partei in allen kantonalen Wahlen seit Fukushima klar zulegen, sich bei den nationalen Wahlen von 9,6 Prozent auf gegen 15 Prozent steigern und zur Partei mit ernstzunehmenden Bundesratsambitionen werden.

Die Realität sieht anders aus. Die Grünen legen in den kantonalen Wahlen nur leicht zu oder stagnieren, während die Grünliberalen durchstarten. Wird ein Grüner wie Martin Graf in Zürich oder Isaac Reber in Baselland in die Regierung gewählt, dann wegen seines pragmatischen Profils, mit dem er sich vom Fundi-Kurs der Parteispitze abhebt.

Im Oktober bietet sich den Grünen die einmalige Chance, dass sie von Leuten gewählt werden, die bis vor kurzem noch nicht mal im Traum daran gedacht haben. Will die Partei das aber erreichen, muss sie jetzt dringend pragmatische Köpfe ins Rampenlicht stellen.

Trotz Fukushima kommen die Grünen unter seiner Führung nicht vom Fleck: Ueli Leuenberger.

Trotz Fukushima kommen die Grünen unter seiner Führung nicht vom Fleck: Ueli Leuenberger.

So will Parteichef Leuenberger neuerdings, dass die Kantone weniger ausländische Firmen ansiedeln. Zudem sollen diese gezwungen werden, soziale und ökologische Kriterien zu erfüllen und zu einem gewissen Prozentsatz nur noch Schweizer Arbeitnehmer anzustellen. Erinnert irgendwie an Kuba. Und wer kürzlich eine halbe Stunde lang zugehört hat, wie Vizepräsidentin Franziska Teuscher in der «Samstagsrundschau» von Radio DRS wehleidig Endzeitstimmung verbreitete, wäre danach am liebsten in Sack und Asche durch die Strasse gezogen.

Wie sehr der 59-jährige Sozialarbeiter Leuenberger einer vergangenen Politikergeneration angehört, zeigte sich an der letzten Delegiertenversammlung der Grünen. Ihm zur Seite stand Claudia Roth, Chefin der deutschen Grünen. Ihre Partei hat es trotz jahrelanger Querelen zwischen Fundis und Realos bis in die Regierung geschafft und liegt heute gemäss Umfragen bei nahezu 30 Prozent. Die bereits als Kanzlerkandidatin gehandelte Roth strotzte vor Selbstvertrauen und Witz, verbreitete Wahlkampfstimmung und wurde mit stehenden Ovationen bedacht. Dann kam Ueli Leuenberger. Sein uninspiriertes Referat holte die Delegierten rasch wieder auf den Boden helvetisch-grüner Realität zurück.

Leuenberger ist seit 2008 Präsident der Grünen und führt die Partei erstmals in einen nationalen Wahlkampf. Bereits seine Wahl war von Misstönen begleitet; zu alt, zu welsch, zu links hiess es. Der Genfer mit Deutschschweizer Wurzeln setzte sich gegen alle Widerstände durch und leitet seither die Partei. Die Öffentlichkeit hat es kaum zur Kenntnis genommen. Für Journalisten ist er ein dankbarer Gesprächspartner, wenn es darum geht, pragmatische Köpfe aus den eigenen Reihen zu kritisieren. Als sich etwa Sergio Savoia, Präsident der Tessiner Grünen, kürzlich gegen eine Listenverbindung mit der SP aussprach, kritisierte Leuenberger diese Taktik umgehend.

Im Oktober bietet sich den Grünen die einmalige Chance, dass sie von Leuten gewählt werden, die bis vor kurzem noch nicht mal im Traum daran gedacht haben. Will die Partei das aber erreichen, muss sie jetzt dringend pragmatische Köpfe wie Bernhard Pulver, Antonio Hodgers, Susanne Hochuli oder Alec von Graffenried ins Rampenlicht stellen. Denn es gibt genug Leute, die den Grünliberalen-Hype zunehmend skeptisch betrachten. Und eigentlich lieber das Original wählen würden.

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