Der FDP-Fan

Wahlniederlagen von FDP und CVP haben jeweils mediale Nachspiele zur Folge, die nach recht unterschiedlichen Regeln ablaufen. Das gilt auch für die jüngsten Havarien der beiden Mitte-Parteien in Zürich, Luzern und Tessin. Bei der CVP geschieht wie immer: fast nichts, ausser ein wenig in die Mikrofone extrahierte Ratlosigkeit. Die Fortsetzung des FDP-Niedergangs hingegen hat erneut eine Programmdebatte von fiebrigem Eifer ausgelöst. In Gang gebracht wurde sie auch diesmal von einer speziellen Personengruppe, einem soziologischen Phänomen, das so wohl nur in der Schweiz existiert: dem FDP-Fan.

Der FDP-Fan ist als Kategorie ein Unikum. Es gibt SP-Wähler, es gibt SVP-Wähler, es gibt sogar noch einige FDP-Wähler – den Fan jedoch, den hat nur die FDP. Damit ist die hervorstechendste, leider etwas undankbare Eigenschaft des FDP-Fans angetönt: Er legt an der Urne nicht FDP ein. Oder er rät zumindest implizit davon ab. Aus Enttäuschung.

Denn der FDP-Fan ist überzeugt, dass die richtige, gute, wahre FDP anders zu sein hätte als die in der Realität existierende. Sie hätte beispielsweise so zu sein, wie es die mutigen, revolutionären Radikalen bei der Staatsgründung 1848 waren. Oder sie hätte wieder, wie zur Zeit der faschistischen Bedrohung, als institutionelles Bollwerk für Unabhängigkeit, direkte Demokratie und Föderalismus zu fungieren. Oder sie hätte jener empathischen Partei des Staatsaufbaus zu gleichen, die einst führend an der Errichtung der Sozialwerke mitwirkte. Oder sie hätte sich wieder, wie in den 70er Jahren, auf den Schlachtruf «mehr Freiheit, weniger Staat», auf Kampf gegen Regulierung und Fiskalabzocke zu besinnen.

Der FDP-Fan legt an der Urne nicht FDP ein. Oder er rät zumindest implizit davon ab. Aus Enttäuschung. Denn der FDP-Fan ist überzeugt, dass die richtige, gute, wahre FDP anders zu sein hätte als die in der Realität existierende.

Mit blauer Krawatte und Plakette: FDP-Parteigänger.

Kurz: Die FDP sollte nach Ansicht des FDP-Fans so sein, wie er, der FDP-Fan, selber ist. Das heisst also beispielsweise links – so postulieren es, in anderen Worten natürlich, linke Vordenker wie Josef Lang, Andreas Gross oder Frank A. Meyer. Oder scharf rechts – so tönt es bei Rechtsintellektuellen wie Christoph Blocher und Roger Köppel. Die lange, facettenreiche Parteigeschichte der FDP liefert für die «Richtigkeit» jeder politischen Façon genügend Referenzbelege.

Zugegeben: Die genannten FDP-Fans sind als führende Köpfe aus Politik und Publizistik kaum geeignet, ein Massenphänomen zu belegen. Trotzdem sei die These gewagt, dass die FDP-Fankultur nicht auf eine intellektuelle Elite beschränkt ist. So hat wohl fast jeder im Bekanntenkreis schon folgenden Satz gehört:  «Ich würde ja FDP wählen, wenn diese Partei nicht so links geworden wäre» bzw. «nicht so rechts» bzw. «nicht so bankenfreundlich» usw.

Daraus ergibt sich die zweite These: Die FDP sollte bei jeder Gelegenheit versuchen, die alte und neue Konkurrenz in der politischen Mitte – Grünliberale, BDP, CVP – zu umgarnen, sich mit ihr zu verbinden, sie zu schlucken. Die Schweiz ist auf eine pragmatische und konsensorientierte Mitte angewiesen, und zu Recht hat CVP-Präsident Christophe Darbellay festgehalten, dass die gegenwärtigen Atomisierungstendenzen diesem Politsegment schaden. Keine Marke aber ist besser geeignet, das Fortbestehen einer starken Kraftquelle im Zentrum zu gewährleisten, als die so positiv besetzte «FDP» (wohingegen der Niedergang der CVP im Allgemeinen mehr schulterzuckend als bedauernd zur Kenntnis genommen wird). Dass die FDP ein recht breites internes Meinungsspektrum aufwiese, würde sie sich etwa die Grünliberalen einverleiben, bräuchte ihr nicht zu schaden: Es gehört zum Wesen der Mitte-Parteien, dass sie kein so scharfes ideologisches Profil wie eine SVP oder eine SP ausbilden können.

Leider steuert das FDP-Führungspersonal exakt in die umgekehrte Richtung. Abweichungen von der (meist rechtsfreisinnigen) Mehrheitsmeinung werden innerhalb der Fraktion immer weniger geduldet. Und während CVP, BDP und Grünliberale klugerweise über eine engere Kooperation verhandeln, markiert FDP-Präsident Fulvio Pelli Distanz. Damit riskiert er, dass seine Partei, die so unentbehrlich für das politische System der Schweiz ist, in liberal-einsamer Reinheit zugrunde geht. Aus fortschreitendem Mangel an Wählern – dafür mit einer riesigen Fangemeinde.