«Nicht mehr alle Tassen im Schrank»

Bundesrat Ueli Maurer ist ja inzwischen bekannt als einer, der spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. «Verdammti Sauerei», urteilte er vor laufenden Mikrofonen über Indiskretionen in seinem Departement. Da muss es einen nicht wundern, wenn er wenig später in einem Interview («Die Zeit») sagt, «heute will ja niemand mehr, der noch alle Tassen im Schrank hat, in die EU». Rustikal ist er, dieser Kommunikationsstil.

Wenn Maurer nach innen (gegen seine eigenen Leute) wettert ist das eine Sache (man bleibt ja unter sich). Allenfalls fragt sich der eine oder andere politische Mitbürger, ob es sich für einem Bundesrat gehört, sich solcher Kraftmeierei zu bedienen. Anders wird es, wenn man gegen die ausländischen Nachbarn derart despektierlich vom Leder zieht.

Auf internationaler Ebene pflegt man in der Regel den diplomatischen Stil.

Bundesrat Ueli Maurer. (Keystone)

Pflegt einen rustikalen Kommunikationsstil: Bundesrat Ueli Maurer, 7. Juni 2012. (Keystone)

Klar ist die Formulierung «niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat» an Schweizerinnen und Schweizer gerichtet. Im europäischen Ausland wird man das aber durchaus zu deuten wissen. Mit Schalk wurde das Maurer-Interview im Blog der deutschen Ausgabe des  «Wall Street Journal» kommentiert: «EU-Bashing at its best vom früheren Kommandeur eines Fahrradbataillons der Schweizer Streitkräfte», ulkte Autor Christian Grimm.

Gut, wenn’s mit Humor aufgenommen wird. Heikel wird es, wenn Maurer nächstes Jahr als Bundespräsident zu Verhandlungen nach Brüssel reist. Auf internationaler Ebene pflegt man in der Regel den diplomatischen Stil. Und wer in Brüssel spricht schon gern mit jemandem, der für dieses Gemeinschaftsprojekt fast nur Abscheu empfindet.

Das Bashing (Maurer) eines Angeschlagenen (EU) ist natürlich eine einfache Sache. Was aber, wenn der Patient genest und wieder aufsteht? Wenn die EU – ganz nach dem Motto, «was mich nicht umbringt, macht mich stark» – an Tempo und Gewicht zulegt? Wie wurde über Deutschland hergezogen, als es sich mit dem Wiederaufbau der DDR verausgabte und dabei fast strauchelte? Heute wird Deutschland für seine Stärke und Wettbewerbsfähigkeit bewundert. Manch einer wünschte, Angela Merkel würde ihn zur Brust nehmen und aufpäppeln.

Man stelle sich den Aufschrei in der SVP vor, sollte dereinst – in 10 oder 20 Jahren – der dannzumalige EU-Kommissionspräsident sagen, «niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, wagt jetzt noch den Alleingang». Von Erpressung wäre die Rede – und von mangelndem Respekt.

Wenn die Schweiz dann in Brüssel ankriecht, und um Mitgliedschaft und volle Teilnahme am weltweit wichtigsten Wirtschaftsmarkt bittet, dann dürfte man sich nicht einmal zu sehr wundern, wenn in Brüssel die Nase gerümpft würde. Aber vielleicht hat Bundesrat Maurer ja auch einfach Glück und in der EU weiss niemand so recht den Ausdruck «nobody, who has got all the cups in the cupboard» zu deuten.

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