Warum spricht Doris Leuthard ein so rustikales Hochdeutsch?

Bei TV- und Radioauftritten fällt einem unbefangenen Zuhörer immer wieder das betont rustikale Hochdeutsch unserer Umweltministerin Doris Leuthard auf. Vor allem die Umlaute «eu», «ei» oder «au» sind in der geschlossenen Aussprache auf eine so unverwechselbare Weise verschweizerhochdeutscht, dass es an die klischiertesten Heidirollen im deutschen Spielfilm erinnert. Solche Töne hatte man von Schweizer Amtsträgern einst gehört in einer Zeit, als sie noch wenig Auslandkontakte hatten und bevor sie über deutsches Fernsehen und Radio Anhörungsunterricht bekamen, wie Hochdeutsch tatsächlich klingt.

Nun verfügt unsere Umweltministerin aber spätestens seit ihrem Jahr als Bundespräsidentin offenkundig über zahlreiche Auslandkontakte und soll dort mit ihrer Kompetenz, ihrem Charme und auch ihren Sprachkenntnissen durchaus gut ankommen. Mit Jahrgang 1963 ist sie in einer Zeit aufgewachsen, in der ein Sender wie Südwestfunk 3 in der Deutschschweiz störungsfrei zu hören war und Elke Heidenreich alias Else Stratmann auch hierzulande bald Kult wurde.

Wie sich Deutsche auch nach Jahren in der Schweiz weigern, Schweizerdeutsch zu sprechen, weigert sich Bundesrätin Leuthard im Innersten Hochdeutsch nach Schulbuch zu sprechen.

Bundesrätin Leuthard am Eidgenössischen Volksmusikfest, 2010. (Keystone)

Sie kleidet ihre Sprache in einem rauen Schweizerhochdeutsch: Doris Leuthard am Eidgenössischen Trachtenfest in Schwyz, 2010. (Keystone)

Warum dann das hartnäckige rustikale Hochdeutsch von Doris Leuthard?

Es gibt im Grunde nur drei Deutungsmöglichkeiten: 1. Sie will damit explizit und deutlich ihre Schweizer Mittellandidentität bekräftigen. Das Hochdeutsch soll in dieser Region bewusst anders tönen als weiter nördlich, ähnlich wie Deutschschweizer Schriftsteller in ihre Texte Helvetismen einflechten, um ihre eigene kulturelle Identität zu wahren. Es soll auch Schweizer Schulkinder geben, die beim Schuleintritt perfekt hochdeutsch sprechen, um danach als Teil der Primarschulbildung mühselig die Mittellandvariante zu erlernen.

2. Das Mittellandhochdeutsch ist ihr hörbarer, aber höflicher und undeklarierter Protest gegen eine zahlenmässig zu grosse deutsche Einwanderung und das sich ausbreitende gepflegte Hochdeutsch im öffentlichen Raum hier. Es wäre damit ihre persönlich-akkustische Ventilklausel gegen jenes EU-Land mit der höchsten Zuwanderung, so subtil angerufen, dass es darob keine Verstimmung mit dem EU-Partner gibt. Wie sich Deutsche (zu ihrem eigenen Vorteil) auch nach Jahren in der Schweiz weigern, Schweizerdeutsch zu sprechen, weigert sich Bundesrätin Leuthard im Innersten Hochdeutsch nach Schulbuch zu sprechen.

3. Sie ist sich als ansonsten gute Rednerin dessen nicht bewusst und aufgrund des in der Stadt Bern noch wenig angefochtenen Verhältnisses zu Autoritäten, sagt es ihr auch niemand. Deshalb kommt sie selber auch nicht auf die Idee, sich in ein, zwei Aussprachelektionen in die Geheimnisse der offen ausgesprochenen hochdeutschen Umlaute einweihen zu lassen. Eine Hexerei ist das nicht. Es muss sich nicht gleich anhören wie bühnenreifes Hochdeutsch, eine Qualität, mit der sich die einstige Schweizer «Tagesschau»-Sprecherin Annette Gosztony ihre Sympathien beim breiten Publikum verspielte. Wenn sie der richtigen Aussprache näherkommt, als ein durchschnittlicher Deutschschweizer Sportreporter, hat sie beim globalen Publikum schon eins zu null gewonnen.

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