Stromimport ist nicht des Teufels

Energiespezialist Urs Meister von Avenir Suisse sagte jüngst im «Tages-Anzeiger»-Interview: «Wir träumen im Energiebereich von einer Autarkie, die es nicht gibt». Tatsächlich kriegt man als Beobachter der derzeit laufenden Energiedebatte den Eindruck, es sei für die Schweiz Pflicht, 100 Prozent des Stromverbrauchs übers ganze Jahr gesehen mengenmässig im Inland generieren zu können. Viel verwendete Begriffe wie Stromlücke oder Versorgungssicherheit tragen dazu bei, dass die Debatte unter diesen Vorzeichen läuft.

Die absolute Selbstversorgung mit Strom ist jedoch im Reich der Phantasie anzusiedeln. Schon jetzt sind wir in den europäischen Strommarkt eingebunden. Im Winter importiert die Schweiz Strom, im Sommer exportiert sie ihn. Und auch was den Selbstversorgungsgrad anbelangt, sind Fragezeichen angebracht. Müssen es den 100 Prozent, oder annähernd soviel sein? Es galt bisher noch immer als Gütezeichen, wenn die Strombilanz positiv war. Sprich es wurde mehr generiert, als verbraucht.

Der Bau von Gaskraftwerken oder die staatliche Förderung von Photovoltaikanlagen ist genau abzuwägen, gegen den Import von zum Beispiel Windenergie.

Windenergie-Anlage in Cuxhaven (D).

Der Import von Energie kann sinnvoll sein: Windenergie-Anlage in Cuxhaven (D).

Zwar schliesst die Energiestrategie des Bundesrates für die Zukunft am Gesamtkuchen einen Anteil Stromimport ein. Allerdings geht man davon aus, dass dies nur für eine Übergangsphase der Fall sein würde. Im Grunde genommen, wird aber noch immer ein Selbstversorgungsgrad von 100 Prozent angestrebt. Sprich, wenn wir 60 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauchen, sollten wir auch über Anlagen verfügen, welche diese Menge Strom generieren können.

Man fühlt sich an die Debatte bezüglich Lebensmittelversorgungssicherheit erinnert. Wobei wir in diesem Bereich von einer 100-prozentigen Selbstversorgung weit weg sind. Es waren aber jeweils Krisenzeiten, welche der Schweiz deren Abhängigkeit von der Versorgung aus dem Ausland schmerzlich in Erinnerung riefen. Während des Zweiten Weltkriegs – als die Schweiz von den Kriegsparteien eingeschlossen war – führte der Anbauplan von Bundesrat Traugott Wahlen dazu, dass der Selbstversorgungsgrad markant erhöht wurde. Unschwer zu verstehen, dass dies das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erhöhte.

Auch wenn wir heute weit weg sind von solcher (Kriegs)-Not, dürfte der Wunsch nach Selbstversorgung – auch mit Strom – noch immer vorhanden sein. Ganz nach dem Motto: Wer weiss, was noch alles passiert.

Vom Gedanken der Stromautarkie sollte die Schweiz allerdings definitiv Abschied nehmen. Neben der technischen Abhängigkeit vom europäischen Strommarkt ist es auch ökonomisch nicht sinnvoll. In der Konsequenz mag das weitere Abhängigkeit schaffen, bei fossilen Energieträgern aber leben wir seit jeher mit diesem Umstand.

Und damit sind wir bei der politischen Debatte. Der Bau von Gaskraftwerken oder die staatliche Förderung von Photovoltaikanlagen ist genau abzuwägen, gegen den Import von zum Beispiel Windenergie. Diese soll laut verschiedenen Studien in absehbarer Zeit zu Marktpreisen zu haben und in grosser Menge erhältlich sein. Warum nicht beim schweizerischen Strommix auf 20 Prozent Windstromimport setzen? Oder wie es Meister ausdrückte: «Müssen wir wirklich im Inland investieren, wenn es hier besonders teuer ist? Für das gleiche Geld bekommt man in ausländischen Anlagen mehr Strom.»

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