Sportsucht: Wie gefährdet sind Sie?

Vom Drang zum Zwang: Bei gefährdeten Sportlern verläuft der Übergang fliessend.

Jogge ich über einen längeren Zeitraum hinweg nur einmal pro Woche, empfinde ich jedes Training als Tortur. Ich muss beissen, kämpfen, mich überwinden. Gehe ich zweimal pro Woche, läuft es leichter. Trainiere ich dreimal, ist der Lauf eine Freude. Und mit vier Einheiten pro Woche wird er zum Genuss.

Je öfter ich laufe, desto weniger leide ich, desto mehr kann ich erreichen. Phasenweise bin ich richtig angefressen vom Laufsport, spüre einen schier unkontrollierbaren Drang, nach Feierabend noch durch den Wald zu wetzen. Was musste ich mir deswegen von bewegungsmuffligen Bürokollegen schon alles anhören: Machst du in deiner Freizeit eigentlich noch etwas anderes als Sport? Jetzt übertreibst du aber. Du trainierst ja schon an neun Tagen pro Woche. Du bist doch laufsüchtig.

Ab wann ist Sport eine Sucht?

Wenn es nur noch um Kalorienverbrennen und Figur geht.

Ich habe viele Freunde, die noch viel öfter, härter und ambitionierter trainieren als ich. Und tatsächlich sagen manche ganz unverhüllt, sie seien definitiv «süchtig» nach ihrem Sport. Natürlich meinen sie das scherzhaft. Sportlers Umgangssprache eben.

Denn auch wenn jemand äusserst intensiv und konsequent trainiert, etwa für einen Wettkampf, ist er noch keineswegs süchtig. Solange die Motivation ein «Wollen» und kein «Müssen» ist. Als gefährdet gilt erst, wer zwanghaft Sport treibt, wer körperliche und psychische Symptome verspürt, sobald er mal ein Training aussetzt.

Sportsucht – und die damit verbundene Begierde nach Leistung und Ansehen – kann zu einer ernsthaften psychischen Erkrankung führen. Eine Abhängigkeit wie bei harten, illegalen Drogen. Betroffen ist etwa einer von hundert Sportlern. Frauen offenbar öfter als Männer, vielfach begleitet mit einer Essstörung bis hin zu einer Sport-Anorexie – bei welcher trotz übermässigem Training nicht mehr gegessen wird.

Wenn der Körperkult zum Körperwahn wird: Ein Suchtverhalten kann bei vielen Sportarten auftreten und sich unterschiedlich äussern.

–    Lauf- und Ausdauersucht: Bis 200 Kilometer pro Woche abspulen, um den inneren Zwang bändigen zu können.

–    Adrenalinsucht: Immer mehr Abenteuer, immer härter an die Grenze, um den damit verbundenen Adrenalin-Kick zu erhöhen.

–    Muskelsucht: Betroffene fühlen sich trotz Muskelbergen schmächtig und stemmen Hanteln bis zum Umfallen.

Regeneration ist wichtig.

Ein Test gibt Aufschluss

Normalerweise wissen ambitionierte Sportler, dass nur gezielte Trainingspläne sie weiter bringen. Und diese beinhalten auch die wichtigen Regenerationstage. Werden sie nicht eingehalten, kann es mit der Fitness und Gesundheit schnell bergab gehen: Verletzungen, Müdigkeit, Gemütsschwankungen – bis hin zum psychischen und physischen Zusammenbruch. Bei gefährdeten Menschen verläuft der Übergang zwischen sportlichem Spass und Zwang gefährlich fliessend.

Sind Sie gefährdet? Folgende Symptome gelten – laut verschiedenen Quellen – als allgemeine Anzeichen. Treffen mehr als fünf der Punkte auf Sie zu, sind Sie womöglich sportsüchtig :

1. Sport machen Sie nur, um Entzugserscheinungen zu vermeiden oder aus dem zwanghaften Gefühl heraus, sich bewegen zu müssen.

2. Ihren Beruf, das Familienleben und auch Ihre Hobbys ordnen Sie dem Sport unter — er ist zum zentralen Motiv in Ihrem Leben geworden.

3. Treiben Sie 24 bis 36 Stunden nicht Sport, treten Entzugssymptome auf: Sie beginnen etwa zu zittern oder fühlen sich allgemein unwohl.

4. Sie missachten die körperlichen Signale der Überlastung — diese können im ungünstigsten Falle zu schweren Verletzungen führen.

5. Ihr soziales Umfeld leidet unter Ihrem Sport. Ihr/e Partner/in hat sich darum von Ihnen getrennt oder will es tun, Freunde ziehen sich zurück.

6. Sofern Sie Ihre Sport-Dosis nicht kontinuierlich steigern, nimmt die Befriedigung, die Sie aus dem Training ziehen, immer mehr ab.

7. Sekundäre Ziele wie Gewichtsverlust oder eine Steigerung des Selbstvertrauens sind Ihre eigentliche Motivation, Sport zu treiben.

Falls Sie jetzt bei sich eine Suchttendenz feststellen, sollten Sie ärztliche Hilfe in Betracht ziehen. Machen Sie aber erst noch diesen zweiten Test:

Gemäss diesen Tests liegt mein Sportprogramm noch im Rahmen: Ich bin (knapp) nicht sportsüchtig. Und Sie?

25 Kommentare zu «Sportsucht: Wie gefährdet sind Sie?»

  • Tony Geisseler sagt:

    Auch ich bin ein Sportjunkie….4mal in der Woche Krafttraining jedesmal 1,5Std. Yes…..zudem arbeite ich noch körperlich….warum nicht….´´????? Hatte bisher aber noch nie Probleme mit Fettliebikeit usw…Wie viele junge Leute haben das heute schon……¨!!!!!???? Ich meine das Ist eine Lebenseinstellung…..!!!!! Lieber Sportsüchtig als Faul,und bequem……..wenn man gelernt hatt zu leiden, kann mann die schönen sachen im Leben viel Eher und Intensiver geniessen.

  • Büdu sagt:

    Hier scheinen manche wohl ein echtes Bewegungsmango-Problem zu haben. Die Krankenkasse hat ihre Freude an all jenen, die das Leben lang Bewegungsmuffel spielen und Uebergewicht herumschieben (und Sulzergelenke lassen grüssen..). Gesunder Menschenverstand machts wohl aus. Sport und Bewegung dienen der Gesundheit und nicht umgekehrt..!!

    • Gerthrud sagt:

      *Bewegungsmango ;) gut gemacht büdu

      • Bühlmann sagt:

        Ich möchte aber eine Bewegungskiwi…?!

        • Christine H sagt:

          Jaja… Eine Bewegungsbanane wäre auch angebracht.
          Ausserdem hier eine kleine Korrektur: Übergewicht ist genau so eine Sucht wie die Sportsucht. Nur von der Sucht kommt man nur sehr schwer wieder weg. Bei wirklich übergewichtigen Menschen hilft auch Bewegung und Diät nichts. (Gut eine Diät hilft sowieso nur dem weiteren Übergweicht etwas). Vernünftigie Ernährung und Bewegung ist das richtige.
          Jeder der aber Übergewichtig ist, hat genau so viel Schuld wie jeder Nikotin- oder Sportsüchtiger. Nur beim Nikotin, Alkohol etc ist man bei einem „Entzug“ abstinent von der „Droge“. Ohne Essen kann jedoch niemand leben… „Nichtrauche“r oder „Nichtmehr-Alkoholiker“ kann man nur dank der Abstinenz sein. Beim Übergewicht ist das nicht so einfach. Schon mal nachgedacht bevor hier schon wieder schubladisiert wird?

  • Schwimmflosse sagt:

    Ou hoppla: Ich bin schwer süchtig! Nach Chlorwasser to be precise…

  • Werner Meier sagt:

    Wozu 200 km pro Woche selber laufen, gibt doch überall gute öV-Verbindungen hier.

  • Hans Durst sagt:

    Brauche den Sport als Ausgleich zur Arbeit. D.h. 40 Stunden Arbeit, 40 Stunden Sport pro Woche. Denke aber nicht, dass ich süchtig bin. Sonst wäre ich ja wohl auch süchtig nach Arbeit!?

    • Auch Hans sagt:

      40 Stunden Sport pro Woche? Genau von dir reden wir hier…

      • ex profisportler sagt:

        kein einziger Profisportler trainiert 40 Stunden die Woche! so ein Quatsch! unmöglich und absolut kontraproduktiv..

        • julian sagt:

          hey bin auch oft über 40 std am skifahren die woche. warum ist das kontraproduktiv?

          • Bühlmann sagt:

            Genau von Dir reden sie hier nicht. Weil, 40 Std. skifahren in der Woche komt im Jahr im Verhältnis nicht oft vor ! Sowiso ist skifahren nicht kontraproduktiv,…weil ich tu`s auch…

          • Michael Strässle sagt:

            Wenn jemand 40h in einer Woche auf der Piste ist den verbringt nicht wirklich 40h beim Skifahren sondern die meiste Zeit sitzt im Seselilift.

  • lionell sagt:

    Simon R.: Je nach Folgeschäden ist Sportsucht schlussendlich wohl allen anderen Süchten gleichwertig.

  • Simon R. sagt:

    Ich bin zwar (ein bisschen) Sportsüchtig – ist aber wohl besser als alkohl- od. nikotinsüchtig zu sein.

  • lionell sagt:

    Eigentlich ein gutes Thema. Ein bisschen mehr als der Hinweis „…solten Sie ärztliche Hilfe in Betracht ziehen“ hätte ich mir aber als Schluss schon gewünscht. Man fühlt sich so ziemlich alleine gelassen.

  • Karin Gut sagt:

    „Bis 200 Kilometer pro Woche abspulen, um den inneren Zwang bändigen zu können“? Kann sein, dass es dann und wann auch zwanghaftes Verhalten ist, so viele km zu laufen. Meistens verlockt wohl eher die Endorphin-Ausschütttung, das „Runners-High“. Das „Glückshormon“ Endorphin lässt einem die körperliche Anstrengung vergessen und gibt das Gefühl „ewig“ weiterlaufen zu können. Erleben können das aber nur hervorragend trainierte LäuferInnen frühestens nach 1 Stunde Laufzeit.

    • Bionic Hobbit sagt:

      Ich bin da nicht so sicher. In meinen jungen Jahren bin ich regelmässig joggen gegangen, aber eher so 3-4x 10km, sicher nie 200km pro Woche. Den Kick habe ich aber dabei ganz sicher schon gespürt. Der Schmerz in den Kniescheiben (chondromalacia) nach 10km hat dann aber die Wirkung des Endorphins und das „Gefühl, ewig laufen zu können“ jeweils gebodigt.

      Zur Sucht: Bei den klassischen Fragen zur Einschätzung der Alkoholsucht (CAGE) fragt man, ob die Freunde oder Familie schon mal bemerkt haben, dass man zuviel trinkt. Vielleicht sollte man die 4 CAGE Fragen
      http://www.stiftung-alkoholforschung.de/Cage-Test.pdf
      einfach auf den Sport anwenden. Diese Fragen erfordern weniger Einsicht in sein eigenes Problem als die des obigen Fragebogens.

      • Angry Monk sagt:

        Also ich bekomme diesen Runners high auch schon nach einer halben Stunde, aber nur bei einem Tempolauf mit sehr hohem Puls. (Herrliches Gefühl)
        Teilweise kann ich mich auch als Suchtgefährdet einstufen.
        Juhuu draussen schneits ;-)

        • Karin Gut sagt:

          Kann schon sein, dass das auch schon nach einer halben Stunde beginnt, vor allem bei hoher Intensität reagiert der Körper wohl schneller mit dem Endorphin-Ausstoss. Das hat alles evolutionäre Hintergründe, der Endorphin-Kick sorgte für mehr Erfolg bei Jagd und Kampf.

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