Ist ein Marathon nur für Leute in der Midlife-Crisis?

Ein Marathon-Finisher gilt heute als «jemand»: New York Marathon.

«Ein Marathon-Finisher gilt heute als jemand»: New York Marathon.

Sportler machen sich das Leben einfacher, wenn sie sich ein Ziel setzen und gezielt dafür trainieren. Aber muss es gleich ein Marathon sein? Was dieser 42,195 Kilometer lange Wettkampf bringt, welche Läufer sich dafür eignen und wie lange die Vorbereitung dauert, sagt unser Running-Profi *Markus Ryffel:

Herr Ryffel, Ende Februar laufen Sie in Tokyo Ihren 68. Marathon. Was ist der Reiz?

Ein Marathon bedeutet: Bewältigung einer grossen Aufgabe, die eine konsequente Vorbereitung erfordert. Der Reiz, die eigene Leistungsfähigkeit maximal auszuloten. Seine Grenzen zu erkennen und zu erleben. Sich selber zu überwinden und Schwächen zu besiegen. Während der Vorbereitung lernt man seinen Körper als wunderbares System kennen, man entdeckt die Freude an der Bewegung und erlebt die Natur zu allen Jahreszeiten. Während des Marathons geniesst man dann das Gemeinschaftsgefühl, Tausende von Gleichgesinnten, die miteinander und nicht gegeneinander laufen. Das «Runner’s High» – was auch immer das ist – setzt ein. Ein aussergewöhnliches Erlebnis. Für mich ist jeder Marathon ein Gipfelerlebnis. Ein emotionaler und physischer Höhepunkt.

Die meisten Marathon-Strecken führen über Asphalt und durch Städte. Allgemein geht der Lauf-Trend aber Richtung Natur, das heisst Waldläufe, Crossläufe, Trailrunning, etc. Hat diese neue Faszination einen Einfluss auf die traditionelle Marathon-Kultur?

Trailrunning-Wettkampf ist eine Disziplin, die wachsen wird. Heute will der Läufer aus der Betonwelt raus, er bevorzugt das «Stadion Natur», wo er nicht nur körperlich, sondern auch geistig auftanken kann. Trotzdem: Etwa der New-York-Marathon, der durch Asphaltschluchten führt, bleibt für alle etwas ganz Spezielles. Bis 1975 fand er im Central Park statt, in der «Lunge von New York». Seit 1976 führt er dort durch, wo es für die vielen Zehntausend Zuschauer Platz hat. Nirgendwo sonst wird Läufern so viel Wertschätzung und Respekt entgegengebracht wie in New York, egal wie lange einer für den Wettkampf braucht, die Leute bleiben da und jubeln jedem zu.

Was für Leute laufen Marathons?

Nehmen wir die Auswertungen des Chicago-Marathons, der zu den «Big 5» zählt: Vergangenes Jahr beendeten dort  44,3 Prozent Frauen den Lauf. Das ist eine grosse Entwicklung: Erstmals lief mit der Amerikanerin Kathrin Switzer eine Frau 1967 einen internationalen Marathon. Und erst 1984 wurde die Disziplin auch für Frauen olympisch.

Viele wollen es mit 40 «nochmal wissen» und nehmen einen Marathon in Angriff. Ist der Langstrecken-Wettkampf vor allem für Leute in der Midlife-Crisis?

Ich glaube, das ungebrochene Interesse an Marathons hat weniger mit der Midlife-Crisis als  mit unserem Computerzeitalter zu tun. Viele Jogger fühlen sich im Alltag als unbedeutenden Teil eines komplexen und unüberschaubaren Ganzen. Beim Marathon kann man nichts delegieren, jeder muss selber durchhalten und keiner kann uns diese sportliche Leistung wegnehmen. Frauen im Alter zwischen 25 und 29 Jahren bildeten die grösste Laufgruppe am Chicago-Marathon. Sie machten 25,2 Prozent aller Teilnehmer aus. Die grösste Laufgruppe der Männer waren mit 17, 2 Prozent Läufer zwischen 35 und 39 Jahren.

Was bringt eine solche Leistung?

Ein Marathon-Finisher gilt heute als «jemand». Er hat die Konsequenz, die dafür nötig ist, in seiner Lebensführung unter Beweis gestellt. Er kann anpacken, durchhalten, lässt sich nicht so leicht vom Ziel abbringen. Was auf 42 Kilometern möglich ist, ist auch im Leben möglich. Ich glaube, wer sich heute auf eine Stelle bewirbt und im CV einen Marathon vorweisen kann, hat auf jeden Fall einen Vorteil.

Kann jeder mit entsprechendem Training einen Marathon schaffen?

Der Marathon ist eine Grenzbelastung und darum eine körperliche Sünde. Aber weil das Training so gesund ist, kann sich der Körper diese kurze Sünde leisten. Die nötige körperliche Verfassung gibts nicht auf Knopfdruck. Für einen Marathon muss man zwei bis drei Jahre trainieren, in dieser Zeit Volksläufe und Halbmarathons bestreiten. Wer sich diese Zeit nimmt und auch einen Arztbesuch nicht scheut, kann einen Marathon schaffen. Das Alter spielt keine Rolle, es ist nie zu spät, damit anzufangen.

Wie lange im Voraus muss man mit dem Training beginnen?

Erst sollte man einen Halbmarathon erfolgreich beendet haben. Anschliessend dauert das gezielte Marathon-Training idealerweise rund ein Jahr. Erst 12 Wochen «Einstimmungstraining» mit 6 Stunden Aufwand pro Woche. Dann 2 x 16 Wochen Grundlagen-Training mit 7 Stunden pro Woche. Dann einen Monat Wettkampftraining mit 5 Stunden pro Woche.

Weshalb laufen Sie Marathon?

Ich liebe das «Runner’s High». Und mich fasziniert, wie sich Körper und Emotionen auf diesen 42 Kilometern verflechten und gegenseitig verstärken.

Hier der Link zur Broschüre von Markus Ryffel: «Marathontraining – gewusst wie»: www.ryffel.ch/_media/pdf/broschueren/Marathon_de.pdf

Buch-Tipp:

«Marathon leicht gemacht – Basiswissen, Trainingsprogramme, Coaching». Von Markus Ryffel und Thomas Weissinghage.
2010, 175 Seiten, mit farbigen Abbildungen, Südwest-Verlag.

Markus Ryffel

Gibt bei «Running im Outdoorblog» Profi-Tipps: Markus Ryffel.

* Markus Ryffel (55) ist ehemaliger Langstreckenläufer, Olympia-Silbermedaillengewinner, 19-facher Schweizer Meister und bis heute Schweizer Rekordhalter über 3000 und 5000 Meter. Er betreibt zusammen mit seinem Bruder Urs die Ryffel Running AG. www.ryffel.ch/

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