Der digitale Drill Sergeant

Eine App übernimmt nun sein Kommando: Drill Instructor in «Jarhead». (Foto: Universal Pictures)

Er hat ausgedient, der Drill-Instruktor, der neben dem Sportler oder dem Soldaten steht und ihm ins Gesicht schreit, um ihn zu Höchstleistungen zu treiben. Denn, die Schweizer Armee ist im digitalen Zeitalter angekommen und hat gemeinsam mit dem Bundesamt für Sport (Baspo) eine App für Smartphones entwickelt: die «Ready-App».

Ein Test zeigt: Sie ist tauglich – und wie! Nicht nur für Rekruten und Soldaten, sondern auch für Zivilisten. Die Nutzerin kann nämlich nicht nur auf eine bestimmte Truppenfunktion (etwa Panzertruppen sowie Logistiktruppe) oder einen Soldatentyp (zum Beispiel Hufschmied und Rettungssoldat) hin trainieren. Sie kann mit der App auch einen individuellen Trainingsplan generieren wie zum Beispiel für Kraft und Ausdauer.

Ich habe die App getestet. Die Schweizer Armee hat bisher noch keine Frau als Fallschirmaufklärerin brevetiert. Obschon das Aushebungsalter für mich längst passé ist, konnte ich der Herausforderung nicht widerstehen und wählte diesen Soldatentyp als Grundlage für das Training. Bevor die Sportlerin loslegen kann, muss sie ein persönliches Profil erstellen. Dazu gehören persönliche Körpermasse, Alter, Geschlecht sowie medizinische Fragen.

Weil für mich keine Aushebungsresultate vorliegen, muss ich einen Fitnesstest durchlaufen: Geprüft werden mit diversen Übungen mein Gleichgewicht, meine Explosivkraft, meine Rumpfkraft sowie meine Ausdauer. Grundsätzlich haben die Entwickler dabei ganze Arbeit geleistet, denn sie führen mich äusserst kompetent durch die Übungen – sowohl optisch als auch akustisch. Dabei legen sie Wert auf die korrekte Ausführung.

Allerdings zeigt die App beim Test noch Kinderkrankheiten: Die Disziplinen können nicht zeitlich unabhängig voneinander durchgeführt werden – was je nach Wetter angenehmer wäre. Aber: Wer Fallschirmaufklärer werden will, muss da wohl durch. Auch beim Ausdauertest ist bei der App noch Luft nach oben: Ich muss innert vier Minuten so weit laufen, wie ich kann – so weit so gut. Allerdings muss ich dazu mein Mobiltelefon mitführen – und lasse es in der Hitze des Gefechts fallen, was den Test verfälscht. Könnten die Daten von meiner Sportuhr übernommen werden, würde dies nicht passieren – aber eben: Für eine Fallschirmaufklärerin nichts als Luxusprobleme.

  • Gemeinsam mit dem Bundesamt für Sport hat die Schweizer Armee die «Ready-App» entwickelt. (Fotos: Screenshot)

  • Bevor es losgeht, muss der Sportler einen Leistungstest absolvieren – es sei denn, er hat Angaben von seiner Aushebung. Dazu gehört eine Gleichgewichtsübung...

  • ... eine Sprungübung ...

  • ... eine Plank-Übung ...

  • ... sowie ein vierminütiger Lauftest!

  • Hat man den Selbsttest hinter sich gebracht, wird man zum ersten Mal gefeiert ...

  • ... und erhält ein Diplom ...

  • ... sowie die erreichten Resultate bei den einzelnen Übungen.

  • Daraus generiert die App einen individualisierten Trainingsplan mit Kraft und Gleichgewichtsübungen sowie ...

  • ... Ausdauer und Tempotrainings. Die geplanten Trainings können auch ersetzt werden mit eigenen Einheiten.

  • Der Plan passt sich im Laufe der Zeit an – abhängig von den Angaben zum Anstrengungsgrad, den ein Sportler angibt.

  • Nach jedem absolvierten Training hat man die Möglichkeit, ein Selfie zu schiessen und die Leistungen zu teilen.

  • Das Beste ist aber: Nach jedem Training erhält man eine Belohnung in Form von Brainfood. Das können Motivationstipps oder Erklärungen der Fachleute sein.

  • Dabei geht es etwa um die Definition von mentaler Stärke – die bei weitem nicht nur Soldaten dient.

  • Damit aber nicht genug! Wer fleissig ist, erhält Auszeichnungen – wie der Nachtschwärmer, wenn man fürs Training Nachtschichten einlegt.

Kaum sind die vier Minuten Lauftest durch, werde ich das erste Mal gefeiert! Ich erhalte ein Diplom, auf dem Bildschirm meines Telefons schneit es Konfetti. Mein Herz schwillt in der Brust, wie motivierend! Doch nach dem Zuckerbrot kommt gleich die Peitsche, denn bei genauerem Hinsehen wird klar – da wartet noch viel Arbeit auf mich: Mein Fitnessstand ist bei 49 Prozent. Wobei es am schlechtesten um meine Rumpfkraft steht, wie die Auswertung der einzelnen Übungen zeigt.

Mit diesen individuellen Ergebnissen erstellt die App meinen Trainingsplan – kostenlos wohlgemerkt! Das ist für einen auf persönliche Werte basierenden Plan in der Sport-App-Landschaft eine Seltenheit. In einer sehr übersichtlichen Darstellung erscheinen vier bevorstehende Einheiten: Kraft, Gleichgewicht und Stabilität sowie zwei Laufeinheiten (Ausdauer und Intervall). Ein totales Trainingspensum von gut vier Stunden. Und oben drüber steht: Woche 1, Tag 1. Einmal leer Schlucken. Ich war mir zwar bewusst, dass Fallschirmaufklärer besonders fit sein müssen, aber vier Stunden Sport alleine am ersten Tag? Mir graut es augenblicklich vor Tag 2. Glücklicherweise zeigt sich, dass es sich um eine irreführende Bezeichnung handelt – die vier Trainings sind das Pensum meiner ersten Woche.

Flexible Einheiten und verständliche Videos

Der Wochenplan ist jedoch nicht in Stein gemeisselt, wofür wohl nicht nur Journalisten mit mitunter unberechenbaren Arbeitszeiten dankbar sind. So kann ich eigene Trainings manuell eingetragen – und mit ihnen die geplanten Einheiten ersetzen. Allerdings ist dieses Feature nicht einfach zu finden, und auch hier wäre es benutzerfreundlicher, liessen sich die Einheiten über eine Sportuhr einlesen.

Die verschiedenen Trainings sind laienverständlich erklärt – zum Beispiel bedienen sich die App-Entwickler bei der Tempo-Angabe im Intervalltraining eines Bildes: Die schnellen Einheiten soll ich so absolvieren, dass ich kaum noch sprechen kann. Die Kraft- und Gleichgewichtsübungen sind in einem Video veranschaulicht, wobei deutlich wird, dass Sportexperten am Werk waren: Um die Verletzungsgefahr zu minimieren und das Training zu maximieren, ist mit optischen Elementen hervorgehoben, worauf ich bei der Ausführung achten soll.

Trainieren, marsch!

Nach jedem absolvierten Training will die App von mir wissen, wie streng ich die Einheit empfand – und passt so den Plan dynamisch an. Auch das ein Feature, dass bei anderen Anbietern nur geht, wenn ich das Portemonnaie zücke. Nach jedem Training gibt es bei der «Ready-App» der Armee aber auch eine Belohnung in Form von Futter, genauer von Gehirnfutter. Ein cooles Zückerchen, das Antworten liefert auf Fragen wie: Was ist mentale Stärke? Was bringt sie mir im Alltag? Wie baue ich sie auf? Oder wozu dient ein Motivationsspruch? Oder weshalb ergibt Auslaufen Sinn? Wie andere Apps funktioniert auch diejenige der Armee zusätzlich mit Auszeichnungen in Form von Medaillen, die ich nach und nach erhalte und die mich animieren sollen, weiterzumachen. Etwa die Auszeichnung «Trainingsmeister Kraft», wenn alle Krafttrainingseinheiten einer Woche erledigt sind. Oder der «Nachtschwärmer», wenn frau fürs Training regelmässig eine Nachtschicht einlegt.

Durch die App angefixt, erleide ich aber eine kleine Enttäuschung, nachdem ich alle geplanten Einheiten der Trainingswoche absolviert habe: Ich muss ganze drei Tage warten, bis mir der Plan für die folgende Woche offenbart wird.

Fazit: Trotz der Kinderkrankheiten und der Aussichtslosigkeit, dass ich je das Niveau eines Fallschirmaufklärers erlangen werde, hat mich die neue Sport-App der Armee und des Baspos sehr überzeugt. Ab jetzt heisst es: Trainieren, marsch!

***

Nachtrag:
Die Entwickler wollen die Kinderkrankheiten ausmerzen und versprechen mit dem Update, das
im Juni/Juli ansteht, folgende Verbesserungen:

● Anpassung der Beschreibung bei der Trainingsansicht mit vier Kacheln von «Woche 1,
Tag 1» auf «Woche 1, noch 7 Tage». Die Tage der Trainingswoche werden dann
runtergezählt.
● Seite zur Eingabe zusätzlicher Trainings besser auffindbar machen
● Verbesserung der Kommunikation mit handelsüblichen Sportuhren
● Verbesserung der Distanz- und Geschwindigkeitsangaben
● Die Möglichkeit, die einzelnen Disziplinen beim Selbsttest zeitlich aufgeteilt durchzuführen
● Im Protokoll alle Ergebnisse im Selbsttest ablesbar machen – und nicht nur die
Einschätzung des Fitnesslevels
● Wenn die Zeit beim Ausdauertraining abgelaufen ist, man aber weiterläuft, wird die
zusätzlich zurückgelegte Distanz und Zeit weiter aufgezeichnet
● Training pausieren und wieder weiterführen können
● Angabe zum Energieverbrauch nach jedem Training anzeigen

2 Kommentare zu «Der digitale Drill Sergeant»

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