Wenn die Magie bröckelt

Neulich im Arch Valley, Rocklands, Südafrika (Impressionen siehe Video):

«Schatz, leg doch bitte unsere zweite Matte unter diesen Bogen, ich möchte den als Nächstes klettern», sagte sie, den Blick schräg über ihre Schulter in unsere Richtung geneigt. «Ich glaube, die haben den auch gerade im Visier.» Sie klettert weiter, ihr Freund reserviert derweil schon einmal das nächste Boulderproblem.

Dass ich nebst Englisch auch Deutsch spreche, wussten die beiden nicht. Ich nervte mich über ihr Benehmen, sagte aber nichts. «Do you mind us trying that problem quickly?» – nein, es machte ihnen nichts aus. Dennoch lag da ein Gefühl von Missgunst in der Luft, es tönte etwas nach «Ich-bin-nur-zwei-Wochen-hier-also-lass-mich-zuerst-klettern».

Ich finde es schade, wenn man beim Bouldern ein solches Konkurrenzdenken an den Tag legt. Es gibt genügend Blöcke für alle, meiner Meinung nach sollte man sich vielmehr zusammentun und sich gegenseitig pushen, als sich vor andere zu drängen.

Unnötige Spuren des Menschen

Im Allgemeinen empfinde ich den sozialen Umgang unter Kletterern als sehr angenehm und freundlich. Im Umgang mit der Natur allerdings sieht es ganz anders aus. Je bekannter und beliebter das Bouldern in einem Gebiet wird, desto grösser wird die Gefahr für die oftmals sehr sensiblen Ökosysteme in diesen Tälern und Wäldern. Toilettenpapier, Zigarettenstummel, nicht fachmännisch gefällte Bäume, bekritzelte oder gar abgebrochene Felsbrocken ziehen wie ein Nebel durch die Bouldergebiete der Welt.

Abfall hat im Wald nichts zu suchen: Fingertape-Reste im Magic Wood bei Ausserferrera GR, Sommer 2018. Foto: Marc Fehr

So stiess ich kürzlich auf den englischen Artikel «Losing the Magic» im «Project Magazine», in dem diese Problematik am Beispiel Magic Wood im Averstal beschrieben wird. Darin nennt David Mason die seiner Meinung nach auffälligsten Veränderungen im Magic Wood über die letzten zehn Jahre:

  • Fels und Griffe, die so voller Magnesium und Schuhgummi sind, dass der Grip komplett verloren gegangen ist.
  • Pfade und Wege wie Autobahnen, wo einst Vegetation war.
  • Offen stehende Baumwurzeln, die einen wundern lassen, dass der Baum überhaupt noch lebt.
  • Ein erschreckend hohes Volumen an Abfall, das im Wald herumliegt.

Man darf Felsen markieren, muss aber alle Markierungen und Griffe nach Gebrauch abbürsten. Foto: Marc Fehr

Zehn Gebote für Kletterer

Damit diese sensiblen Ökosysteme nicht zerstört werden, ist es wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen, an das sich jeder Kletterer hält. Mason fasst die wichtigsten Regeln in einer Art «Zehn Gebote» zusammen:

  1. Klettere nie an nassem Fels (der Fels bricht schneller).
  2. Nimm nicht nur deinen Abfall mit nach Hause, sondern auch allen Abfall, den du unterwegs finden kannst.
  3. Reinige die benutzten Griffe nach Gebrauch mit einer Bürste.
  4. Wische Tickmarks (Magnesium-Markierungen) ab, ob es nun deine sind oder nicht.
  5. Trage Crashpads herum, statt sie durch den Wald zu schleppen.
  6. Putze Kletterschuhe vor jedem Versuch, damit der Fels nicht dreckig wird.
  7. Beschränke den Lärm auf ein Minimum.
  8. Halte dich an markierte und etablierte Wege und Pfade, statt durchs Dickicht zu kriechen.
  9. Verrichte deine Notdurft abseits der Boulder und nimm dein Toilettenpapier mit nach Hause – nicht verbrennen oder einfach auf den Boden werfen. Niemand will wissen, wo wir unsere Fäkalien verstreuen.
  10. Höre keine laute Musik, das Bouldern ist ein Natursport. Lautsprecher haben da nichts zu suchen.

Wenn immer möglich auf den offensichtlichen, bestehenden Pfaden laufen und das Crashpad tragen, auch wenns nicht weit ist. Foto: Marc Fehr

So kletterten wir dann doch noch an diesem Felsbogen im Arch Valley herum, wenn auch ohne Erfolg. Ich verabschiedete mich schliesslich freundlich und in sauberem Deutsch von dem europäischen Paar, was diesem sichtlich unangenehm war. Macht ruhig andere auf deren Fehlverhalten aufmerksam – nur durch das Bewusstsein in jedem Einzelnen kann das Bouldern im Einklang mit der Natur bestehen.

«If we all do a small thing each time we are out…
then we can start to create a much more sustainable future
for climbing in the great outdoors.»
David Mason

Dies alles gilt natürlich nicht nur für den Magic Wood in der Schweiz, sondern auch für alle weiteren Bouldergebiete auf der Welt. Ob in unbekannteren Orten wie Chimanimani in Zimbabwe oder den etablierten französischen Wäldern in Fontainebleau – das Umweltbewusstsein ist entscheidend für eine saubere und respektvolle Zukunft des Kletterns am Fels.

Sauberer Zauberer: Unser Autor auf der Brücke in den Magic Wood. Foto: Thomas Egli

Das war der vierte und letzte Teil der Sommerserie «Raus aus der Kletterhalle – ran an den Fels». Ich freue mich über Feedback zum Thema: marc.fehr@gmail.com. Und ich wünsche einen guten Start in die Herbst-Boulder-Saison in der Schweiz, safe landings!

Die ersten drei Teile der Serie: Der Boulder-Slang – von Arête bis Undercling, Raus aus der Kletterhalle, ran an den FelsRaus aus der Kletterhalle, aber: Vorsicht am Fels!

5 Kommentare zu «Wenn die Magie bröckelt»

  • Ueli Lehmann sagt:

    Der Kommentar von Martin Tschachtli bringts perfekt auf den Punkt.

  • Michel Bassermann sagt:

    Meine Eltern haben ein kleines Haus in Ausserferrera, keine 5 Gehminuten vom Magic Wood entfernt. Der Wandel in den letzten 10 Jahren ist tatsächlich extrem. Wenn sich jemand fragt, warum der Magic Wood diesen Namen trägt, dann muss man sich vorstellen dass dieser Name Programm ist. Der Wald ist einfach wunderschön und hat tatsächlich etwas magisches. Nun reihen sich jedes Jahr vermehrt die Fahrzeuge beim kürzlich modernisierten, einst lediglich provisorischen Campingplatz. Als begeisterter Kletterer verstehe ich die Begeisterung für diesen Spot. Jedoch hoffe ich, dass sich der einst unberührte Magic Wood mit dieser rasanten, für die Natur schädlichen Entwicklung, nicht in ein Massentourismus-Spot entwickelt. HEBED SORG!!!

  • Martin Tschachtli sagt:

    Tipps zu einem respektvollen Umgang mit der Natur von einer Person die zwischen Zürich und Kapstadt pendelt? Da bröckelt der Fels schon fast von alleine.

  • flori antha sagt:

    Zu Regel 8. Es wäre für Kletterer, Boulderer und die Natur besser, wenn es überhaupt markierte oder etablierte Zustiegspfade gäbe und nicht ein Chrüsimüsi von Pfaden quer durchs Dickicht, wie man es zum Teil selbst in den grossen und relativ touristischen Klettergebieten findet.

  • Stefan Moser sagt:

    11. Macht überhaupt keine Tickmarks!
    Denn diese werden fast nie weggeschrubbt. Ich frage mich sowieso, wieso sich Boulderer, die ja weissgott nicht gerade 80 Züge aneinanderreihen müssen, Tickmarks brauchen. Lernt endlich den Felsen zu lesen, erhöht auch die Chance auf on sights!

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