Mein Sohn schafft das. Oder?

  • Klettern am Fluebabi – der Junge liebt es.

  • Der Bantigerturm nördlich von Bern bietet eine tolle Aussicht aufs Berner Oberland.

  • Die Ruine Geristein: War es den Steinmetzen damals beim Bau der Burg langweilig?

  • Ein weiter Bogen spannt sich über den Jungen: Der Elefant von Geristein.

  • Unterwegs im Lindental, bei den Fluehüsli. Foto: Rémy Kappeler

Ob das wohl gut kommt? Ich wandere zusammen mit dem zehnjährigen Sohn in der Nähe von Bern, südlich der Gemeinde Krauchthal, es ist ein schöner Frühlingstag, und wir haben eben das Fluebabi entdeckt. Es ist ein etwa sechs Meter hoher Pfeiler aus Sandstein, der elegant geschwungen in die Höhe strebt. Er steht auf einem runden Sockel, und an diesem balanciert der Zwergenkönig gedankenverloren entlang. Unter ihm geht es mehrere Meter hinab ins Dickicht, wie weit ist unklar, da das Monument auf einem Felssporn steht. Bei jedem Schritt reiben die Wanderschuhe am sandigen Stein, finden meist sofort Halt, manchmal rutscht der Fuss noch zehn Zentimeter hinunter. Das stört den Jungen nicht, konzentriert und neugierig klettert er weiter. Ob er weiss, dass ich ihn beobachte? Und wie es mir die Pobacken zusammenzieht, je steiler die Wand wird, in der er klettert?

Die Ermahnung liegt mir auf den Lippen, doch ich halte sie bewusst zurück. Den Gedanken verdrängen, was passiert, wenn der Fuss weiter abrutschen und der Junge im Gestrüpp verschwinden würde. Ihn einfach nicht zu Ende denken. Dieses Unbehagen gilt es auszuhalten und guten Mutes an die Fähigkeiten meines Sohnes zu glauben. Denn er klettert viel besser als ich, ist leichter, seine Gedanken sind unbelastet, das Scheitern liegt ihm fern. Eigentlich wunderbar, wäre da nicht … nein, positiv denken ist angesagt! Kompromisslos!

Gitterboden auf 34 Meter Höhe

Bald habe ich die Anspannung überstanden, der Zwergenkönig ruht auf einer Felsplatte in der Sonne. Ich gehe zu ihm – als der auf Sicherheit bedachte Erziehungsbeauftragte wähle ich natürlich den sicheren, viel längeren Weg rund um die Säule herum, wo der Aufstieg weniger schwer ist. Und lasse mir nichts anmerken, sondern lobe ihn mit einem lockeren Spruch.

Die Wanderung geht weiter, sie führt anspannungsfrei durch Wälder und auf den Bantigerturm. Beim Besteigen der fast 34 Meter hohen Plattform fällt der Blick durch die Gitter der Treppenstufen hinunter. Eine schwindelige Sache, aber dennoch herrscht Gewissheit, dass niemand runterfällt. Die meterhohen Geländer aus massivem Stahl beruhigen den Wanderpapa und lassen ihn die Aussicht auf Bern und die Berner Alpen geniessen.

Selber Mut beweisen

Eine halbe Stunde später ist wieder fertig mit der Lockerheit. Eine zweite Felsformation aus Sandstein lockt den Sohn, diesmal ist es ein weiter Bogen, der von der Seite her gesehen aussieht wie ein Elefant und hier in der Gegend unter diesem Namen bekannt ist. Auch da geht es steil bergab – ohne Schrammen käme er bei einem Sturz sicher nicht davon, geht mir durch den Kopf. Ich nerve mich, dass ich schon wieder so denke. Höchste Zeit, dem Sohnemann nachzuklettern und selber die kleine Mutprobe zu bestehen. Mich daran zu erinnern, wie ich früher geklettert bin ohne den leisesten Selbstzweifel. Wie ich manchmal runtergefallen bin, mir Schrammen geholt habe. Und es gleich nochmals versucht habe.

Etwas später sitzen wir zusammen in der Abendsonne, sprechen über unser heutiges Abenteuer und rätseln, wie der Elefant entstanden sein könnte. Erst tags darauf lese ich nach, dass es zwei Versionen gibt: Die eine erklärt die unterschiedliche Erosion durch Wasser, Wind, Frost und Salze damit, dass im Fels verschiedene Spannungsverhältnisse herrschten. Wo mehr Druck war, blieb mehr stehen. Die zweite Erklärung ist menschlicher Art: Gelangweilte Steinmetze hätten während des Baus der nahen Burg Geristein – heute ist nur noch ihre Ruine anzutreffen – zum Zeitvertrieb noch etwas am Felssporn gearbeitet. Wie auch immer – es ist ein Familienkletterpark der besonderen Art entstanden. Auch wenn mein Sohn mich erst davon überzeugen musste.

Die Wanderung führt von Krauchthal südwärts Richtung Fluehüsli, wo das Fluebabi (Koordinaten 2’608’550 / 1’205’405) hinter einer Krete steht. Dann weiter den Hügelzug entlang zum Bantiger und wieder nordwärts zur Ruine Geristein. Hier findet man den Elefanten auf einem Felssporn (2’606’350 / 1’204’340). Bei Krauchthal den Weg über Thorberg wählen; zwischen Hübeli und Lindenfeld hat der Sturm Burglinde den Wanderweg zerstört. Er wird im Frühling wieder hergerichtet.

Lesen Sie vom Wanderpapa auch die Postings «Wandern mit Kindern: Wie hart darf es sein?» und «Winterwandern mit Kleinkind?».

 

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