Neues Material für Eisstürmer

Wenn Wunschdenken greifbar wird: Die Entwicklung des Eiskletterns lebt von materiellen Innovationen. (Foto: iStock)

Das Aluminium ist definitiv angekommen in der Eisklettersicherung. Nach Petzl bringt nun auch Black Diamond seine erste Alu-Schraube. Die Vorteile durch weniger Gewicht sind offenkundig – doch kann das Alu auch in Sachen Funktion und Stabilität mit dem Stahl mithalten?

Eisklettern ist eine jener Sportarten, deren Entwicklung von Anfang an einherging mit der Entwicklung des Materials. Anders als beim Fussball, wo sich der Sport theoretisch entfalten konnte, sobald ein Ball rollte und zwei Tore markiert waren, musste beim Eisklettern immer eine materielle Innovation vorausgehen, ehe neue Massstäbe gesetzt werden konnten.

Solide Fixierung? Schön wärs!

So hatten die ersten Steileispickel noch gerade Schäfte und Handschlaufen, geklettert wurde höchstens senkrecht. Heute sind die Schäfte gekrümmt, die Handschlaufen fielen weg – geklettert wird in überhängenden Dächern mit akrobatischen Bewegungen.

Auch in der Sicherungstechnik hat sich einiges getan. Eine solide Fixierung im Eis war zu den Anfängen des Eiskletterns Wunschdenken. Man schlug einfach sogenannte Eishaken ins Eis, in der Hoffnung, sie würden bei Belastung nicht rausgezogen. Dass man sie reinhämmern musste, bedeutete auch, dass das Eis rundherum zersplitterte und folglich schlechte Eigenschaften aufwies, um bei einer Sturzbelastung standzuhalten. Die ersten Rohrschrauben in den 60er-Jahren waren ein gewaltiger Fortschritt. Ihre Haltekraft in solidem Eis entspricht etwa jener eines Bohrhakens. Bis heute ist das Prinzip gleich geblieben.

Ein nächster solcher Schritt wurde in den letzten Jahren getan: das Aluminium hat die Eisschrauben erreicht, nach Petzl dringt nun auch der andere grosse Eiskletter-Ausrüster Black Diamond in den Markt. Nicht dass es die Stahlschrauben jetzt nicht mehr gäbe, Black Diamond führt seinen Bestseller die Express-Ice-Screw nach wie vor im Sortiment, jenes Modell, welches man an den gefrorenen Eisfällen wohl am meisten sieht.

Entsprechend vorsichtig war der amerikanische Ausrüster mit der Weiterentwicklung in Aluminium, 5 Jahre liess man sich Zeit, ehe man die sogenannte Ultralight-Eisschraube nun an der vergangenen ISPO präsentierte. Ein voriges Modell hatte man wieder verworfen, nachdem es im Gebrauch nicht mit der Express-Schraube mithalten konnte.

Skeptische Eiskletterszene

Inzwischen war Konkurrent Petzl mit seiner Aluminiumschraube schneller auf dem Markt gewesen. Bei der 2015 lancierten Laser Speed light von Petzl sind nur noch die scharfen Zähne an der Spitze aus Stahl gefertigt, schliesslich müssen diese möglichst lange scharf bleiben. Schaft und Lasche sind aus Aluminium. Eine anfängliche Skepsis herrschte in der Eiskletterszene: Wenn immer etwas leichter wird, stellt sich auch die Frage, ob Funktion und Stabilität noch gewährleistet sind. Doch die Belastungstests beseitigten die Zweifel.

So bricht bei ausserordentlich hoher Belastung zwar jeweils die Aluminium-Lasche der Petzl-Schraube, doch dies geschah erst bei einer Krafteinwirkung von 14 Kilonewton (kN) – zum Vergleich: ein normaler Karabiner hat in der Querbelastung lediglich eine Bruchfestigkeit von 7 kN. Eine Mindestbruchkraft von 10 kN gilt als ausreichend. Zum ausführlichen Test von Bergundsteigen:  

Die Ultralight-Srew von Black Diamond ist jetzt nochmals rund 15 Prozent leichter als jene von Petzl. Auch hier sind die Belastungstests so weit erfolgreich verlaufen. Auf den Markt kommt die Schraube jedoch erst im Herbst. Bis dahin sind erst Prototypen bei ausgewählten Athleten im Einsatz.

 

Die neue Ultralight Eisschraube von Black Diamond.

 

Wer sich gar nicht gedulden kann, der kann am Fusse der Eigernordwand auf die Suche gehen. Der englische Bergführer John Bracey, Tester im Auftrag von Black Diamond, führte letzten Winter einen Gast durch die Eigernordwand, als er plötzlich ein verdächtig leiser werdendes Pling-Pling-Pling hörte. Der Gast hatte aus Versehen beim Rausdrehen eine Schraube fallen gelassen – ausgerechnet den Prototyp.  

 

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