Grosser Marathon durch eine kleine Bergwelt

  • Sonnenaufgang am Grib Goch, einem der 14 Berge Snowdonias, die alle rund 1000 Meter hoch sind. Alle Fotos: Dominik Osswald

  • Ein selten klarer Himmel empfängt uns frühmorgens, aber das sollte sich noch ändern …

  • Der Grib Goch ist einer der felsigen Berge in der Region.

  • Die Traverse vom Grib Goch zum Snowdon ist etwas ausgesetzt: «Scrambling» ist angesagt.

  • Im Hintergrund ragt der Höchste der Region auf: Der Snowdon, 1085 m ü.M.

  • Am Gipfel des Snowdon ist es winterlich und die Wolken ziehen auf.

  • Eine Zahnradbahn führt auf den Snowdon, Betrieb ist aber nur im Sommer.

  • Meist dominieren saftige Wiesen. Auch Ende November liegt noch kaum Schnee, vom Atlantik her kommt warme und feuchte Luft.

  • Wer sich tagsüber in den Hügeln kalte Zehen holt, findet danach in den Ortschaften jede Menge gemütlicher Cafés, um sich wieder zu beleben.

Der Snowdonia-Nationalpark in Nordwales trägt einen Namen, wie er auch in einem Tolkien-Roman vorkommen könnte. Wer ihn betritt, landet tatsächlich in einer Märchenwelt. Die Berge sind niedrig, ebenso die Steinhäuser in den Tälern, die sich zu kleinen Ortschaften mit komplizierten Namen versammeln. Doch auch in kleinen Bergen gibt es grosse Abenteuer, etwa die Welsh 3000s Challenge: Es gilt, alle 14 Gipfel Snowdonias innert 24 Stunden zu begehen, was insgesamt 42 Kilometer Distanz und 3000 Höhenmeter ergibt. Das inoffizielle Rennen wird oft von Bergläufern gemacht, die hier Fellrunner heissen. Die Rekordzeit stellte der Schotte Colin Donnelly im Jahr 1988 auf, er brauchte lediglich 4 Stunden und 20 Minuten.

Wir starten unseren Versuch nicht zur optimalen Zeit: Ende November sind die Tage kurz, ein leichter Flaum aus Schnee und Eis liegt. Und das Wetter ist natürlich britisch: abwechslungsreich, selten sonnig, oft windig – und kalt. Wer die Challenge schaffen will, tut gut daran, sich in Sachen Wegfindung vorzubereiten, ansonsten kann man sich leicht in Sümpfen und endlosen Wiesen verlieren. Auch wenn wir kaum die Hälfte schaffen, so erkennen wir, dass dieser Marathon durch die kleine Bergwelt ein ganz grosser ist. Mal klettert man auf luftigem Felsgrat, dann nutzt man wieder die von Schafen angelegten Pfade. Tun sich die Wolken auf, kann man zum rauen Atlantik sehen. Schon bald zwingt uns ein Navigationsfehler in die Knie: Wir verlieren viel Zeit in einem Sumpf und lassen prompt einen der 14 Gipfel links liegen. Schliesslich gibt uns die Kälte den Rest, wir flüchten durch einen felsigen Abstieg, der Devil’s Kitchen heisst, und wollen nur noch in die Wärme.

Unterschätztes Zwergenland

Solche Exkursionen machen die Gemütlichkeit in den Tälern erst komplett. In den Bed and Breakfasts lebt die Geborgenheit von Spannteppichen, grossen Sesseln vor Kaminfeuern, Geweihen an den Wänden und natürlich Tee und Gebäck. Die Pubs bieten nicht nur Bier und Fussball, sondern sind meist auch hervorragende Restaurants mit lokalen Fischgerichten (die über Fish and Chips hinausgehen).

Einer jener Pubs heisst Pen y Gwrid, er liegt am Fusse des Snowdon, dem mit 1085 m ü.M. höchsten Berg Snowdonias. An den Wänden hängen alte Pickel, Steigeisen, Bergschuhe und Schwarzweissbilder von Expeditionen in den hohen Bergen, auch eines der Erstbegeher-Expedition um Edmund Hillary am Everest. Die Wirtin klärt auf: Hier pflegten Hillary und seine Begleiter den Tag abzurunden, wenn sie am Snowdon trainierten. Man ist überrascht, zu hören, dass Edmund Hillary offenbar für den grössten Berg der Welt im Zwergenland trainiert hat. Andererseits wissen wir ja um unseren gescheiterten Versuch der Welsh 3000 Challenge – das Zwergenland ist nicht zu unterschätzen!

Im Pen y Gwrid zeigt die Wirtin schliesslich an die Decke, wo so ziemlich jede Bergsteigerlegende mit ihrer Unterschrift verewigt ist. Ein schwungvolles Gekritzel stammt vom Amerikaner Alex Lowe, dessen Leiche letztes Jahr noch von Ueli Steck am Shishapangma gefunden wurde, nachdem er seit sechzehn Jahren verschollen war. Jetzt sind beide tot. Der Pub entpuppt sich als ein Knotenpunkt alpiner Schicksale, doch auch der geteilten Leidenschaft für die Berge. Nach und nach kommen Alpinisten in die warme Stube, sie waren unterwegs, am Snowdon oder am Grib Goch, haben dem Wetter getrotzt. Jetzt sitzen sie mit einem Humpen Bier am Kaminfeuer, an dem sich Hillary schon die Hände gewärmt hat, und tauschen ihre Erlebnisse aus. Über ihnen schweben die Unterschriften.

 

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5 Kommentare zu «Grosser Marathon durch eine kleine Bergwelt»

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