Bruderduell

Gehören Sie auch zu denjenigen, die ein Ziel brauchen, um sich fürs Training aufzuraffen? Mein Kumpel hatte da eine grandiose Idee.

Mit Kälte und Nebel hat der Winter in den letzten Tagen seine Vorboten gesandt – nicht unbedingt die bevorzugte Zeit, um sich mit dem Rennrad fortzubewegen. Mein Problem ist, dass ich mir vor allem im Winter sportliche Ziele stecken muss, damit ich mich fürs Training aufraffen kann.

Einfach nichts zu tun, das habe ich schon ausprobiert. Der folgende Frühling wurde dann aber zur Hölle. Bis die angefutterten Kilos wieder weg waren und ich mich konditionell nicht mehr den Frotzeleien der Velokollegen ausgesetzt sah, war die halbe Saison schon vorüber. Das wollte ich mir nicht nochmals antun und beschloss, trainingsmässig «am Rad» zu bleiben.

Das wissen nun natürlich auch meine Kollegen und machen sich das zunutze. «Fährst du auch am Radquer in Mettmenstetten?»,  fragte mich neulich OK-Präsident und Radrennclub-Amt-Kollege Andreas Fuhrer. Schon hörte ich mich «Ja, natürlich!» sagen. Nun gab es kein Zurück mehr, auch wenn mich die linke Gehirnhälfte inzwischen aufdatiert hatte, dass dies eine ziemlich intensive Schinderei werden würde.

Wenn leiden, dann mit Stil

Wenn schon, dann wenigstens mit Stil und so leicht wie möglich leiden, meldete sich die rechte Gehirnhälfte wieder zu Wort. Mein altes stählernes 11-kg-Eigenbau-Quervelo kam also nicht infrage. Es musste etwas Zeitgemässes sein. Eines wie das Thömus Sliker X, das mir Thömus Veloshop freundlicherweise zur Verfügung stellte. Es sieht zwar aus wie ein Rennvelo, von dem es auch abstammt. Mit Scheibenbremsen und Steckachsen besitzt es jedoch feinste Mountainbike-Technik. Das macht das Velo sehr stabil und sicher zu fahren, obschon es komplett ausgerüstet mit Pedalen und Flaschenhalter nur 7,8 Kilo wiegt.

Da stand ich nun und konnte dem Material keine Schuld mehr geben, wenn ich im Rennen hinterherfahren würde. Um mich herum 68 weitere «Jedermänner» und immerhin vier Frauen, die sich im 30-minütigen Hobbyrennen an der reichlich coupierten 2,5-km- Runde versuchen wollten. Noch zwei Minuten bis zum Start. Die Cracks wurden an die Startlinie gebeten. Zusammen mit etwa 20 anderen musste ich zuhinterst im Feld starten. Mein Glück, denn so geriet ich nicht in Versuchung, zu schnell loszurasen und später dafür zu büssen. Der Startschuss fiel. Wir standen noch eine gefühlte Ewigkeit, bis sich der Tross endlich in Bewegung setzte. Schon in der ersten Kurve verhakten sich einige Mitstreiter vor mir und ich konnte einige Plätze gutmachen.

Mit Karacho ging es hinaus aufs offene Feld. Die erste Böschung sprinteten wir zu Fuss hoch. Danach konnte ich alles fahren bis zur ruppigen, etwa 100 Meter langen Steigung im hinteren Teil der Strecke. Obschon ich im kleinsten Gang eine 1:1-Übersetzung hatte, beschloss ich, nicht mit letzter Kraft hochzufahren, sondern zu gehen.

Die guten Vorsätze, wie weggeblasen

Nach der ersten Runde waren die Positionen weitgehend bezogen. Ich wollte eigentlich so kraftschonend wie möglich über die Runden kommen und erst nach der Rennhälfte zusetzen. Da naht von hinten überraschend mein vier Jahre jüngerer Bruder und wuchtet in besagter Steigung schwer schnaufend an mir vorbei. Sofort meldete sich mein Kampfgeist zurück. So geht es natürlich nicht! Bergab holte ich ihn wieder ein und klemmte mich in seinen Windschatten.

In der dritten von sechs Runden waren wir gerade dabei, die Letzten zu überrunden – da werden wir selber von der Spitzengruppe überrundet. So gross ist das Leistungsspektrum. Kein Wunder: Bis zu 29 Jahre jünger waren die drei Erstplatzierten, wie ich später feststellte. Im Bruderduell konnte ich zwischenzeitlich sogar die Führung übernehmen. In der letzten Runde lief auch er in der steilen Rampe – und sicherte sich so die Energie, um mich 500 Meter vor dem Ziel um elf Sekunden zu distanzieren. So eine Schmach! Spass hat es trotzdem gemacht. Das wird nicht mein letztes Radquer in dieser Saison gewesen sein. Fast alle Schweizer Cross-Events bieten inzwischen Jedermann- und Kinderrennen an. Damit wird der Radquerbesuch zum perfekten Familienerlebnis.


 

Der Deutschweizer Radquer-Kalender


2 Kommentare zu «Bruderduell»

  • w grämer sagt:

    Der stählernde Eigenbau Peugeot vom Autor ist schon modernisiert worden,denn er hat schon die Schaltung oben.In den 1980er Jahren war die Schalung noch unten am Rahmen.

  • Marcel Zufferey sagt:

    Ein Termin wurde vergessen: Die Tortour Ciclocross vom 10. bis 12. Februar 2017. Das wäre eine Art von Ciclocross-Rennen, die erheblich attraktiver wäre, als die Bestehenden mit ihren Rundstrecken!

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