Kann denn Velofahren Sünde sein?

Damit soll nun Schluss sein: Radfahrerinnen bereicherten bis vor kurzem noch das Strassenbild in den Städten Irans. (Foto: Gonetravelo.com)

Ausgeradelt: Radfahrerinnen bereicherten bis vor kurzem noch das Strassenbild in den Städten Irans. (Foto: Gonetravelo.com)

Ja, es kann. Aber nur für Frauen. Und nur in einigen islamischen Ländern, seit kurzem auch im Iran. Neu sind religiös motivierte Fahrverbote für Velofahrerinnen aber nicht.

Laut BBC hat im Iran das Staatsoberhaupt Ali Chamene`i kürzlich verkündet, dass es Musliminnen nicht erlaubt sei, in der Öffentlichkeit oder wenn Fremde anwesend sind, radzufahren. Da Chamene`i auch der religiöse Führer der islamischen Republik mit 75 Millionen Einwohnern ist, gilt sein Wort als Gesetz.

Bisher wurden Radfahrerinnen im Iran geduldet – wenn sie nicht in bunten, hautengen Shorts und Trikots pedalierten, sondern in der ortsüblichen Strassenkleidung mit schwarzem, langem Mantel und Kopftuch. Mit der Kampagne «autofreier Dienstag», die initiiert wurde, um die oft miserable Luftqualität in den Städten Irans zu verbessern, gerieten die radfahrenden Frauen nun ins Fadenkreuz der konservativen Religionswächter. Unglaublich, im 21. Jahrhundert, in dem jedes andere Land und sogar die Arabischen Emirate stolz auf ihre radfahrenden Frauen sind, die mithelfen, die Luft reinzuhalten!

Velofahrerinnen wehren sich

Dagegen regt sich Wiederstand bei den iranischen Velo-Enthusiastinnen. (Foto: Facebook)

Widerstand bei den iranischen Velo-Enthusiastinnen. (Foto: Facebook)

Das finden auch die betroffenen Frauen. In den sozialen Medien wehren sie sich gegen die diskriminierende, frauenfeindliche Fatwa mit dem Hashtag #IranianWomenLoveCycling. Auf der Facebook-Seite wurden Erfahrungsberichte von Radfahrerinnen veröffentlicht, die sich gegen das Verbot auflehnen und dafür offenbar von Ordnungshütern wie Kriminelle ins Gefängnis gesteckt und von Passanten mit abfälligen Bemerkungen angefeindet wurden.

Dies berichtet Masih Alinejad, die die Kampagne gegen das Dekret von New York aus ins Leben gerufen hat. Sie sagt: «Iranische Frauen wollen in der Gesellschaft aktiv sein. Das ist den konservativen Religionsführern ein Dorn im Auge. Sie sähen die Frauen am liebsten nur zu Hause am Herd.» Alinejad ist jedoch überzeugt: «Der Kampf für Gleichheit ist ein historischer Prozess. Auf die gleiche Weise, wie die Frauen in Europa und den USA erfolgreich für ihre Rechte gekämpft haben, werden es auch die Frauen im Iran tun.»

Radfahrerinnen einst auch im Westen geächtet

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass es bis etwa 1920 auch für die Frauen im Westen verpönt war, radzufahren. Aus den genau gleichen Gründen, wie konservative Mullahs bis heute argumentieren, störten sich auch die Kirchenvertreter an der Unzüchtigkeit der Velozipedistinnen, die ihre Korsetts und Röcke ablegten, um in sportlichkörperbetonter – sprich: männlicher – Kleidung mit leicht gespreizten Beinen zu kurbeln. Man störte sich an der Unabhängigkeit, der Kraft und der Freude, die Frauen beim Radfahren ausstrahlten. Und man sorgte sich um ihre Jungfräulichkeit, die auf harten Velosätteln womöglich Schaden nehmen könnte.

Bis weit ins letzte Jahrhundert hinein ignorierte die männliche Gesellschaft die weibliche Leistungsfähigkeit auf dem Velo. Velofahrerinnen waren bestenfalls eine Attraktion auf Jahrmärkten und wurden als nette Begleitung auf Radtouren geduldet. Im Jahr 1900 nahm der deutsche Radfahrer-Bund das offizielle Verbot von Frauenrennen sogar in seine Statuten auf, wo es bis 1967 stehen blieb. Hierzulande wurden Radrennen für Frauen 1940 vom schweizerischen Rad- und Motorfahrerbund (SRB, heute Swiss Cycling) zugelassen. Bis zum ersten offiziellen Damenstrassenrennen dauerte es aber noch bis 1976!

5 Kommentare zu «Kann denn Velofahren Sünde sein?»

  • Gaby sagt:

    Vorboten der Zukunft. Unserer Zukunft!
    Mit der islamisierung des Westens wird in 50 Jahren jede zweite Europäerin ein Kopftuch oder eine Burka tragen (müssen). Vor da an ist es dann auch nicht mehr weit, die Rechte der Frauen einzuschränken.

    • Flori Antha sagt:

      Signale der Vergangenheit. Unserer Vergangenheit! Haben Sie den Artikel eigentlich gelesen? Bei uns war es bis vor kurzem sehr ähnlich. Und keine Sorge, das Verbot wird im Iran nicht lange halten.

      • Ruedi sagt:

        Wann gab es denn früher ein Verbot bei uns? Artikel nicht gelesen?

        • gabi sagt:

          Hey, Frau Antah

          Sehen Sie sich doch mal die ägyptische Vergangenheit – bis in die 80er hin – an. Oder maghrebinische.

          Es gibt einen, arabischen, YouTube -Beitrag, auf dem das Publikum (komplett Kopftuch-, geschweige denn Schleier, los) noch herzhaft ins Gelächter einstimmt, als Nasser einem vollen Versammlungssaal erzählt, der Chef der Muslimbrüder habe ihn dazu aufgefordert ein Gesetz zu erlassen, welches eine züchtige Kopfbedeckung verlangt.

          Was genau bringt sie zur Annahme, dass Ihr Vergangenheits und Zukunftsbild derart verlässlich ist?

  • Christoph Bögli sagt:

    Leider nicht das einzige Land, in Saudi-Arabien dürfen Frauen auch nur in Parks auf das Velo um dort im Kreis zu fahren, natürlich überwacht vom obligaten männlichen Begleiter. Vermutlich wird es noch andere Regionen geben, wo es Frauen das Velofahren zumindest de facto unmöglich ist. Und wie der erwähnte Blick in die Vergangenheit zeigt, ist solche Idiotie auch bei uns leider noch nicht lange passé. Aber zumindest gibt auch das Hoffnung, dass in einigen Jahren Iraner belustigt auf dieses bizarre Verbot zurückblicken werden..

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