«Pokémon Go» bis zum Crash

Vorsicht, Smombies: In Stickholm reagieren die Behörden mit Schildern auf die Handysstarrenden Fussgänger. Foto: Martin Platter

Vorsicht, Smombies: In Stockholm reagieren die Behörden mit Schildern auf die handystarrenden Fussgänger. Foto: Jacob Sempler (Instagram)

«Heeeeey!» Vor Schreck hat der Junge fast sein Smartphone fallen gelassen. Mit Kopfhörern in den Ohren von der Umwelt abgestöpselt, den Blick starr auf den Touchscreen gerichtet, ist er mir unvermittelt vors Tandem gewankt. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn anzuschreien, um ihn für einen Moment in die reale Welt zu holen und die Kollision zu vermeiden. Als wir uns dann für einen kurzen Moment Auge in Auge gegenüberstanden, hätte ich ihn am liebsten an den Haaren gepackt und durchgeschüttelt, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass dem Jungen völlig egal war, in welche Gefahr er sich und andere mit seiner Teilnahmslosigkeit bringt. Ohne ein Wort der Entschuldigung ist er einfach weitergegangen, den Blick wieder aufs Handy gerichtet. Mir dagegen schlug das Herz bis zum Hals. Mit dem Tandem ist man gegenüber einem normalen Velo deutlich schwerfälliger. Agile Ausweichmanöver sind nicht möglich. Ohne Vollbremsung und gleichzeitige Warnung hätte das also ziemlich ins Auge gehen können.

Auch wir waren am Samstagnachmittag unterwegs, um den fulminanten Sommerausklang zu geniessen. Mit meinem Achtjährigen als Stoker auf dem Tandem und dem Badezeug im Gepäck haben wir uns aufgemacht, um vom Säuliamt um den Zugersee zu fahren. Auf halbem Weg in Arth hat es eine kleine Badi mit Sprungturm und Tampolin-Floss, die mein Sohn liebt. Die Fahrt um den Zugersee ist ein Genuss, denn der Kanton Zug pflegt ein gut ausgebautes Radwegnetz. Bis an den Zugersee kann man entlang der Lorze vollkommen abseits von Autostrassen pedalen. In Zug neben der Vorstadtstrasse bis zur Seepromenade haben die Velofahrer sogar gleich viel Strassenraum wie die Autos.

Auch Autos werden von Smombies gefahren

Der Haken ist nur, dass sich Velofahrer und Fussgänger den Platz teilen müssen. Markierungen am Boden würden zwar zeigen, wer wo zu gehen und zu fahren hat. Doch das beachten nur die wenigsten. Kunststück: Viele sind wie der eingangs beschriebene Junge als «Smombies» unterwegs, bewegen sich aufs Handy fixiert im Strassenverkehr wie lebende Tote. Die anderen müssen für sie schauen, sonst fliegen sie buchstäblich auf die Schnauze. Wobei: Das Smombie-Problem beschränkt sich nicht auf Fussgänger. Auch vereinzelte Velofahrer sind uns aufs Handy blickend entgegengeschwankt, ganz zu schweigen von den autofahrenden Smombies, die zum Stadtbild gehören.

Dass das Phänomen der in der Öffentlichkeit geistesabwesenden Mitmenschen seit geraumer Zeit um sich greift, zeigt auch dieser zynische Präventionsfilm, mit dem das Bundesamt für Unfallverhütung vor 15 Monaten international für Aufsehen sorgte. Und bereits ist der nächste Trend da: IO Hawk, das Segway-ähnliche Fahrzeug mit kleineren Rädern an der Seite, aber ohne Lenkkonsole und wesentlich günstiger. Gesteuert wird es einzig durch Gewichtsverlagerung. Auch IO Hawks werden von Smombies gefahren – auf dem Radweg, notabene.

 

 

2 Kommentare zu ««Pokémon Go» bis zum Crash»

  • Peter Steiner sagt:

    Es gibt auch schon handystarrende Velofahrer. Scheint eine allgemeine Tendenz zu sein: das Virtuelle ist attraktiver als das Reale.

  • Peter sagt:

    Und wehe wenn man sie denn anhupt. Das führt bei den Smombies direkt zu einem reflexartig hochgestreckten Mittelfinger, sind sie doch per Definition über jegliche Verkehrsregeln erhaben.

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