Velofahren wird komplizierter

Diese Woche ist Highlife angesagt. Die weltgrösste Fahrradmesse Eurobike zeigt in Friedrichshafen die neuesten Errungenschaften der Veloindustrie. Die Entwicklung zeigt dabei in die gleiche Richtung wie beim Auto- und Motorrad: Immer mehr Elektronik hält Einzug.

Dabei hatte alles so friedlich begonnen. Vor 30 Jahren perfektionierten die beiden japanischen Fahrradkomponentenhersteller Suntour und Shimano die Kettenschaltung mit raffinierter Mechanik so weit, dass die Gänge selbst unter Pedaldruck auf einen Klick einrasteten. Ruhe kehrte ein beim Radeln. Permanent ratternde und am Zentralschalter schleifende Ketten gehörten von nun an der Vergangenheit an. Während 20 Jahren beschränkten sich die Hersteller hauptsächlich darauf, die Bedienungsfreundlichkeit ihrer Komponenten weiter zu verfeinern und etwa alle drei Jahre noch einen Gang mehr auf die Ritzelkollektion am Hinterrad zu packen. Mavics vielversprechende Versuche mit der drahtlosen Schaltung Mektronic in den Jahren 1999 bis 2004 schafften es nicht zum Durchbruch.

Piepsende Pulsmesser und sprechende Navigationsgeräte

Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Mit der fortschreitenden Digitalisierung wird die Ruhe beim Radeln von elektronischen Nebengeräuschen traktiert. Zu den piepsenden Pulsmessern kommen inzwischen sprechende Navigationsgeräte. Heutige Velocomputer vermögen sämtliche Vitaldaten des Pedaleurs zu sammeln, zu navigieren und mit dem Smartphone zu kommunizieren.

Nicht nur deshalb brechen schlechte Zeiten an für gesundheitsbewusste Velofahrerinnen, die sich um Handystrahlung sorgen. Ausgerechnet das Fahrrad, der Inbegriff für simple und umweltfreundliche Fortbewegung, wird mit Elektronik verkompliziert. Der US-Hersteller SRAM hat mit E-Tap eine Schaltgruppe entwickelt, die vollkommen ohne Kabel auskommt. Das Signal für den Schaltimpuls kommt vom batteriebetriebenen Sender im Schalthebel, der es an die batteriebetriebenen Empfänger an Umwerfer und Wechsler sendet. Es ist der nächste Schritt elektronischer Schaltungen, die Shimano mit der DI2 bereits 2009 eingeführt hat. Da konnte natürlich auch Campagnolo, der dritte im Bunde bedeutender Rennradkomponentenhersteller, nicht nachstehen und präsentierte die Record EPS.

Seither ersetzen an immer mehr hochwertigen Rennrädern und Mountainbikes Stromkabel die althergebrachten Bowdenzüge für die Schaltung. Ein hochfrequentes Zirpen löst das akustische Klackern beim Gangwechsel ab.

Elektrifizierung als nächste Evolutionsstufe

Man darf sich fragen: wozu? Die Antwort ist naheliegend: Der Bedienkomfort mechanisch betätigter Schaltungen wurde in den letzten Jahren derart verfeinert, dass als weitere Evolutionsstufe eigentlich nur noch die Elektrifizierung blieb. Sie hat auch Vorteile. Theoretisch funktioniert sie immer gleich gut, während sich die Stahlkabel mechanisch betätigter Schaltungen abnutzen und auch verschmutzen, was der Funktion abträglich ist. Der grösste Vorteil der Elektronik ist jedoch, dass man x-beliebig viele Schaltstationen am Lenker anbringen kann, was mit Bowdenzügen unmöglich ist. Und man kann dank ausgeklügelter Elektronik den vorderen Umwerfer und den hinteren Wechsler gleichzeitig mit nur einem Tastendruck schalten. Aber das braucht Strom – in Zeiten der Energiewende und des proklamierten Stromsparens. Bei Funktionsstörungen und nach Stürzen kann nur noch der Fachmann weiterhelfen. Unabhängigkeit ade.

So funktioniert die elektronische Schaltung: Shimano Ultegra Di2. (Youtube)

7 Kommentare zu «Velofahren wird komplizierter»

  • Ivo Baumgartner sagt:

    „ich muss doch keine elektronische Schaltung kaufen oder mein Bike mit meinem Phone verbinden. “

    Das ist zur Zeit noch so. Aber wenn mir einen Blick auf die Laufradgrössen werfen, stellen wir fest das dieses Verhalten von der Indsutrie über die Jahre hinweg unterbunden wird.
    Sprich man lässt das alte einfach Aussterben und schon ist der Kunde gezwungen aufzurüsten. Oder bietet noch jemand ein XC Race-Bike ab der Stange mit 26″ Laufräder an? Also mir fällt spontan kein Hersteller ein. Heute hat man 29″ oder 650b. Dies wird über kurz oder lang auch bei der Schaltung geschehen. Mir persöndlich gefällt das überhaupt nicht. Denn ich will ausser der Lampe keinen Strom am Bike.

  • Hans Heiri sagt:

    Schliesslich soll das doch jeder selbst entscheiden. Kaufen kann man sich ja nach wie vor Velos mit oder ohne Elektronik und auch bei den Gadgets hat man die Wahl. Ich selbst habe beides, 1 Velo mit Ultegra Di2 (elektronisch) und eines mit SRAM Red (mechanisch). Mit der elektronischen Schaltung sind die Schaltvorgänge sehr präzise, konstand und insbesondere unter Last markant besser. Ich als Velofreak und Technikfan freue mich jedenfalls über zahlreiche Gadget, die ich zwar nicht unbedingt brauche, aber einfach will =). Gleiches gilt ja auch mit den Carbonlaufrädern mit hohem Profil, wirklich schneller ist man damit nicht, aber man fühlt sich jedenfalls so.

  • Paul Tamburin sagt:

    Danke für den schönen Beitrag. Ich benutze gerne Technik, wo sie mir neue Möglichkeiten eröffnet. Benutzen wir sie nur noch aus Faulheit oder Unwissenheit, dann ist technischer Fortschritt überhaupt keiner. Aber ich teile auch die Befürchtung, dass „es damit jetzt vorbei ist“, denn gerade die Veloindustrie hat immer wieder bewiesen, dass sie produziert, was sie will, und nicht was die Kunden möchten. So gibt es bald keine Mountainbikes mit Alurahmen und hochwertigen Komponenten. Die Industrie will nur noch teure Karbonrahmen anbieten, auch wenn die für 95 % der Abnehmer keinerlei Nutzen haben. Vogel, friss oder stirb. Hat sie wohl vom TV oder von der Autoindustrie gelernt.

  • Michael sagt:

    Wie bei Auto und Motorrad – weniger wäre mehr ! Das ganze Hightech Zeugs – was bringt es ? Ich liebe meinen Wagen wo die Fensterheber manuell genau das machen was ich will und das einzige Hightech Teil das Autoradio ist. Und Strom fliesst in meinem Velo nur vom Dynamo in die Lampe – und das wird auch so bleiben ! Ich schraube – also bin ich !

    • Martin Gebauer sagt:

      Für den Alltagsvelöler bringt’s nicht viel. Triathleten schätzen die elektronische Schaltung sehr. Habe an meinem Tribike allerdings eine mech. Dur Ace die ich nicht missen möchte. Sie ist viel einfacher zu warten. Elektronik ermöglicht schalten am Basebar und an den Extensions. Das macht das Fahren sicherer. Die Hände müssen bergab, resp. bergauf nicht mehr vom Basebar genommen werden. Auch eine Kurbel mit Wattmessung ist ne tolle Sache. Erleichtert sie doch die korrekte Trainingssteuerung sehr. Ja, ich weiss, das ist nicht wirklich wichtig und irgendwie sinnbildlich für unserer Überflussgesellschaft. Trotzdem sind die ganzen Gimmicks irgendwie ne coole Sache. Wer mit solchem Zeugs nichts am Hut hat, kriegt nach wie vor ein von aller unnötigen Technik und Elektronik entschlacktes Velo.

  • Vierauge sagt:

    wieso „damit ist es jetzt vorbei“ ?
    ich muss doch keine elektronische Schaltung kaufen oder mein Bike mit meinem Phone verbinden. Und das werde ich auch sicher nicht tun.

    • Karl Knapp sagt:

      Natürlich macht das erst dann richtig Sinn, wenn man die im Handy-Akku gespeicherte Energie zum Passfahren nutzen kann (und bergab wieder aufladen, wegen dem, äh, ökologischen Reifenabdruck oder so). Der Rest kann mir gestohlen bleiben.

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