Die Spiele der Schmarotzer

Was will man mehr: Der Jamaikaner Usain Bolt ist und bleibt der schnellste Mensch – hier nach dem Sieg über 200 Meter in Rio. Foto: Diego Azubel (Keystone)

Sein Glanz strahlt ab auf Firmen rund um den Globus: Der Jamaikaner Usain Bolt ist und bleibt der schnellste Mensch – hier nach dem Sieg über 200 Meter in Rio. Foto: Diego Azubel (Keystone)

In den olympischen Wochen glänzen Sportler im Kampf um Edelmetall. Sie schreiben Sportgeschichte. Berühren mit Tränen ungläubiger Freude oder unfassbaren Schmerzes Millionen von TV-Zuschauern. Auf dieser emotionalen Welle reiten Unternehmen verschiedenster Branchen. Von Banken über Fast-Food-Riesen, Automobilfirmen oder Getränkehersteller – ihre Logos sind präsent, wenn die Athleten jubeln und bejubelt werden, wenn die Medaillen und damit die höchsten sportlichen Ehren verteilt werden. Sie glänzen mit den Olympioniken. In einem Bild mit den Sportstars gezeigt oder in einem Atemzug mit ihnen genannt zu werden, verdienen nur ganz wenige. Die meisten von ihnen sind niedere Opportunisten, gierige Schmarotzer.

Mit fremden Federn schmücken

Ihre Beweggründe, sich für Rio zu interessieren, haben mit dem olympischen Gedankengut oder dem Sportgeist überhaupt nichts gemein – im Gegenteil, sie schmücken sich mit fremden Federn.

Das gilt auch für Detaillisten, Versicherer oder Kleinunternehmer hierzulande, die indirekt mit den Leistungen der Sportler werben oder sich dieser Tage mit dem olympischen Slogan vermarkten. Sie sahnen durch die bewegenden Momente ab, brüsten sich mit den sportlichen Leistungen – ohne dass auch nur ein einziger Rappen aus ihrer Firmenkasse in die Tasche eines Athleten fliessen würde. Kein Nachwuchstalent kann auf einen finanziellen Zustupf dieser Unternehmen hoffen, kein einziger Breitensportanlass, ja nicht einmal eine der olympischen Sportarten profitiert von ihnen. Und kaum sind die fünf Ringe nicht mehr tagein, tagaus auf den Bildschirmen in aller Welt präsent, verschwinden auch die sportlichen Slogans dieser Unternehmen von der Bildfläche.

Sponsoren für den Breitensport

Dabei wäre es ein Leichtes, in dieser Hinsicht am Ball zu bleiben und sich tatsächlich etwas sportlichen Ruhm zu verdienen – gerade im Laufsport. Laut der Studie «Sport Schweiz 2014», die das Bundesamtes für Sport erstellen liess, joggen 23,3 Prozent der helvetischen Bevölkerung. Das sind 5,7 Prozentpunkte mehr als in der Erhebung aus dem Jahr 2008. Nur gerade Wandern, Radfahren, Schwimmen und Skifahren sind beliebtere Disziplinen. Die potenzielle Zielgruppe für Sponsoren wächst aber nicht nur kontinuierlich an, in kaum einer anderen Sportart ist sie heterogener, denn die Beweggründe, sie auszuüben, reichen von «draussen in der Natur sein», «abschalten können», «Spass haben» über «die Gesundheit fördern» oder «besser aussehen» bis hin zu «andere Menschen treffen», «an die Grenzen gehen» und «Erfolge feiern».

Mitläufer in Zürich: Die Triatlethin Nicola Spirig gewinnt – begleitet von Autobauern, Banken, Getränkeherstellern und anderen Sponsoren. Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Mitläufer in Zürich: Die Triathletin Nicola Spirig gewinnt – begleitet von Autobauern, Banken, Getränkeherstellern und anderen Sponsoren. Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Die Zahl der Sportvereine in der Schweiz ist enorm, der Veranstaltungskalender der Laufszene gross. Es kann den möchte-gern-sportlichen Firmen also nicht an Möglichkeiten fehlen, in die Basis des Sports zu investieren. Sie würden sich damit das Recht verdienen, sich im olympischen Ruhm der Athleten zu sonnen. Genaueres Hinsehen macht aber deutlich, dass sie dieses Recht tüchtig verwirken: Grosse Unternehmen wie die Post oder die UBS haben kürzlich den Geldhahn für Laufveranstaltungen zugedreht. Sogar Firmen wie Helsana, die nicht nur aufgrund der sportlichen Leistungen, sondern auch des gesundheitlichen Aspektes wegen ein Interesse an Breitensportanlässen hätten, haben sich als Sponsoren zurückgezogen.

Klar ist aber: Wer sich im sportlichen oder gar olympischen Ruhm sonnen will, muss etwas dafür tun – genauso wie die zahlreichen Athleten in Rio.

9 Kommentare zu «Die Spiele der Schmarotzer»

  • Hans sagt:

    Es ist nicht so einseitig. Wenn man im TV Werbungen sieht, wo eventuell jemand auf die Olympischen Spiele aufspringt, dann ist es ja gleichzeitig wiederum Werbung für die Olympiade. Wenn jede Firma, seien es Autohersteller, Getränkehersteller oder was auch immer Werbung mit Sportlern machen wegen der Olympiade, verleiht dies der Olympiade mehr Wichtigkeit. Man muss sich immer bewusst sein, Sportanlässe haben keinen direkten Nutzen. Es wird nichts hergestellt. Es ist Werbung für das auführende Land, es ist Werbung für die Sportler, es ist ein Freizeit Event für die Besucher vor Ort. Für alle TV Zuschauer ist es eigentlich nur ein Zeitverlust. Sie lernen nicht mal wirklich viel dabei.

  • Herbert Meier sagt:

    Schliesse mich Claudia Müller an. Die Behauptungen sind so komplett falsch und das Reglement des IOC mit dem Werbeverbot vor/während/nach den Spielen offen einsehbar. Unglaublich was alles publiziert wird….

  • Albert Muri sagt:

    Vielen herzlichen Dank für diesen engagierten Beitrag! So geht guter Journalismus: unabhängig, relevant, mutig für eine gerechte Sache und mit Schwung geschrieben.

    • maettu sagt:

      Haben Sie den Text gelesen? … oder gar geschrieben?!

      • Albert Muri sagt:

        Haben Sie auch Argumente? Besuchen Sie einen Sportplatz auf dem Dorf und reden Sie mit den Leuten. Der wahre Held im Breitensport ist der örtliche Autohändler, der bei gesamt sechs Angestellten zwei Lehrlinge ausbildet und darüber hinaus den örtlichen Sportclub über Wasser hält.

  • Michael sagt:

    Ich glaube, das es noch viele Athleten gibt, die Sport um des Sportes Willen machen. Das sind alles die Sportarten, bei denen es nichts zu verdienen gibt – zumindest nicht so viel, das es für einen geruhsamen Lebendsabend reichts. Wie bei Ronaldo, Messi und Co. Und man darf nicht vergessen, das der Zeitraum, wo man diese Spitzenleistung bringen kann, extrem kurz ist. Da ist es für mich verständlich, das man die Untersützung von x-belibigen Firmen gerne mitnimmt. Klar ist auch, das der raffgierige IOC oder die FIFA das nicht gerne sieht,weil ihnen da Gelder verloren gehen.

  • Christoph Bögli sagt:

    Die Kritik wirkt etwas konfus. Die wesentlich interessantere Frage wäre doch, was das IOC mit den eingenommenen Abermilliarden an Werbe- und Sponsorengeldern macht. Denn sämtliche mit den Olympischen Spielen verbundenen Einnahmen fliessen ja fast ausschliesslich ans IOC und dieses Privileg wird notabene auch sehr aggressiv verteidigt. Was genau mit dem Geld passiert ist aber dann eher schwer nachzuvollziehen. Natürlich fliesst manches davon über nationale Verbände auch wieder in den Sport, aber ein grosser Teil versickert letztlich auf dem Weg, in die Taschen korrupter Vorstände und die undurchschaubare Verbandsbürokratie. Letztlich mästen die Sponsoren also primär ein paar abgehalfterte Ex-Sportler und -Politiker.

  • Claudia Müller sagt:

    Ich hätte gerne ein ganz konkretes Beispiel für Ihre Behauptung. Die meisten Sponsoren erfolgreicher Sportler unterstützen auch Nachwuchssportler. Und die anderen müssen für ihre Werbefläche ganz schön viel blechen, was ja dann der Veranstaltung bzw. dem Sportler zu Gute kommt.

  • Roman sagt:

    Das IOC/Swiss Olympic gehen sehr strikt gegen Trittbrettfahrer-Werbung vor. Diese habe ich auch nicht wirklich wahrgenommen…
    Zusätzlich blüht die Schweizer Laufszene, es gibt so viele Volksläufe wie sonst kaum. Verstehe ich nun nicht ganz.
    und dass sich Grossfirmen nach vielen Jahren Sponsoring-Mässig neu orientieren ist nur verständlich.
    Dass praktisch alle grossen Veranstaltungen in der Schweiz von Migros/SportXX gesponsort wurden, bringt halt ein gewisses Klumpenrisiko und schloss sämtliche anderen Grossisten und Sportarhändler durch Exklusivität aus. Da darf man sich nicht wundern…

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