Kletter-Abenteuer in Kirgistan

Ein Gastbeitrag von Marcel Jaun

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Marcel Jaun (r.) und Damian Göldi bei der Vorbereitung in Chamonix, Frankreich. (Alle Fotos: Marcel Jaun)

Seit Stunden fliegen wir über flache, wüstenähnliche Landschaften. Doch jetzt, am frühen Morgen, beginnt endlich die Landung. Wir können es kaum erwarten, unsere vierwöchige Kletterexpedition in Kirgistan, dem «kleinen» Binnenstaat in Zentralasien, zu starten.

Ich, Marcel Jaun, bin 20-jährig und lebe in Thun. Durch die Berge direkt vor der Haustüre entdeckte ich das Klettern. Es startete mit kleinen Touren im heimischen Gebirge, meist im Unwissen meiner Eltern. Die Faszination des Abenteuers, des Entdeckens ist bis heute mein grösster Antrieb, mich in die wildesten Wände der Berge zu begeben. Und so kam es, dass ich mich mit meinem Kletterpartner Damian Göldi dazu entschloss, eine Reise ins «Unbekannte» nach Kirgistan zu wagen.

Auf der Fahrt durch das wilde Karakolska-Tal, Kirgistan.

Auf der Fahrt durch das wilde Karakolska-Tal, Kirgistan.

In der sowjetisch geprägten Hauptstadt Bischkek absolvierten wir einen Organisationsmarathon. Bis zum Abend mussten wir die gesamte Nahrung für vier Wochen eingekauft haben. Kurz vor der Weiterreise fehlte uns nur noch Benzin. Dieses konnten später in Karakol beschaffen. Karakol liegt am Rand des gleichnamigen Gebirges und war das letzte Dorf, bevor wir ins Karakolska-Tal eintraten. Unser Fahrer nutzte einen alten VW-Bus, denn normale Autos schaffen es nicht über die Naturstrasse. Die folgende Fahrt war haarsträubend. Hinten sitzend, mussten wir bei Schräglage jeweils auf die entsprechende Seite wechseln, um ein Kippen des Busses zu verhindern.

Anmarsch zum Basislager: Hier auf 2500 m. ü. M., etwa in der Mitte des Karakol-Tals.

Anmarsch zum Basislager: Hier auf 2500 m ü. M., etwa in der Mitte des Karakol-Tals.

Nach vier Tagen Schleppen, überstandener Hundeattacke und einigen Flussdurchquerungen waren wir froh, unser geplantes Basecamp auf 3300 m ü. M. zu erreichen. Wir bemerkten erst hier, dass unser Satellitentelefon nicht funktionierte. Dies hatte zur Folge, dass wir den Wetterbericht nicht abrufen konnten. Eigentlich waren wir sogar glücklich darüber, denn damit waren wir nun vollkommen von der Aussenwelt abgeschnitten.

Unser Basecamp: Am Ende des östlichen Seitenarmes des Karakolska-Tals.

Unser Basecamp: Am Ende des östlichen Seitenarmes des Karakolska-Tals.

Hier draussen hatten wir viel Zeit zum Reden und Philosophieren. Wir sind uns einig: Das Abenteuer hat für uns einen viel höheren Stellenwert als alpinistische Leistungen. Für uns ist es sekundär, ob wir am Ende auf dem Gipfel stehen oder nicht. Es geht uns um das Gesamterlebnis: das Entdecken von neuen Orten, das intensive Erleben, die Angst beim Klettern, das Leiden und Kämpfen in schwierigen Situationen, letztlich um das Überleben und das gesunde Zurückkommen in die Zivilisation!

Morgenstimmung im unteren Teil der Dzhigit-Nordwand.

Morgenstimmung im unteren Teil der Dzhigit-Nordwand.

Das Wetter in Kirgistan ist rau: fast jeden Abend ein Gewitter, manchmal tagelanger Niederschlag. Das zehrte an den Nerven. Verzweifelt verbrachten wir viele Tage im engen Zelt und gönnten uns zur Steigerung der Laune auch immer mal wieder eine Tafel Schoggi. Leider war schon bald der gesamte Süsswarenvorrat aufgebraucht. Wir hatten etwas hastig eingekauft: Die Tomatensauce entpuppte sich als Ketchup, die Beutelsaucen als Gewürzmischung und der Kartoffelstock als Kinderbrei. Egal, hier oben ist alles fein.

Ein kulinarisches Highlight: «Grillieren» auf Expedition.

Ein kulinarisches Highlight: «Grillieren» auf Expedition.

Wir gaben die Hoffnung nie auf, standen jede Nacht um 1 Uhr auf, damit wir das Wetter beobachten konnten. Schliesslich gelangen uns vier erfolgreiche Bergtouren. Die Nordwand des Brigantina belohnte uns gleich zu Beginn mit allerbestem Eis zum «Pickeln»! Wir waren begeistert, die Strapazen der vergangenen Tage vergessen.

Pause in der Brigantina-Nordwand, auf ca. 4500 m. ü. M.

Pause in der Brigantina-Nordwand auf ca. 4500 m ü. M.

Motiviert versuchten wir unser Hauptprojekt, eine Erstbegehung in der Nordwand des 4970 Meter hohen Mount Dzhigit. Unerwartet ging es in der Wandmitte nicht mehr weiter. Der vom Wind gepresste Schnee klebte auf der Felsoberfläche, das Risiko, darauf abzurutschen und in die Tiefe zu fallen, war uns einfach zu hoch. Denn eines steht fest, Rettung kommt hier oben nicht!

Damian in einem Eisschlauch der 800 Meter hohen Dzhigit-Nordwand.

Damian in einem Eisschlauch der 800 Meter hohen Dzhigit-Nordwand.

Zwei Tage später, gut erholt, erreichten wir über die einfachere, aber nicht minder schöne Nordostwand des Mount Dzhigit den berüchtigten Gipfelgrat. Dieser verlangte uns nochmals alles an Energie und Konzentration ab. Riesige Wechten, Gletscherspalten und brüchige Felsstufen trennten uns vom Gipfel, doch um 9.30 Uhr des 27. Juli 2016 stapften wir überglücklich die letzten Meter zu seinem höchsten Punkt hinauf!

Am scharfen Gipfelgrat des Dzhigit.

Am scharfen Gipfelgrat des Dzhigit.

Unser Abenteuer endete leider früher als geplant. Aufgrund eines schmerzhaften Ekzems an meinen Fingern und leichter Erfrierungen an den Füssen entschieden wir uns schweren Herzens, ins Tal abzusteigen.

Marcel Jaun (r.) und Damian Göldi bei der Vorbereitung in Chamonix, Frankreich. (Alle Fotos: Marcel Jaun)

Marcel Jaun (r.) und Damian Göldi auf dem 4970 Meter hohen Gipfel des Mount Dzhigit.

Zurück in der Schweiz, schätzen wir den Komfort viel mehr! Doch wir beide planen bereits die nächsten Touren. Denn diesen Herbst zieht es Damian nach Bolivien und mich in die Königskordillere Blanca in Peru. Am liebsten wären wir schon jetzt wieder unterwegs!

5 Kommentare zu «Kletter-Abenteuer in Kirgistan»

  • Roswitha sagt:

    Hallo Ihr zwei!
    Tolle Route habt ihr euch da für euro tour ausgesucht. Wollte dort auch schon mal hin nur reichte meine Ausrüstung bisher noch nicht aus. Ich fürchte ich muss mir erst mal einen neuen <a href="Hallo!
    Gehe ebenfalls sehr sehr gerne in den Bergen klettern. Da ich aber noch nicht so gut ausgeürstet war damals hat man mir vor dem Aufstieg empfohlen mir einen Betastick zulegen.

    liebe Grüße Roswitha

  • Raphael Raphael Wellig sagt:

    hallo marcel und damian

    herzliche gratulation zur tollen leistung. das habt ihr super gemacht. ein sehr schöner bericht, mit eindrücklichen fotos.
    ich wünsche viele schöne bergerlebnisse. machs gut.

    viele grüsse von
    raphael wellig

  • Theresa Kaufmann sagt:

    Auch von mir herzliche Gratulation zu der wilden Klettertour! Welch ein Zufall: mein Partner ist auch gerade mit dem Bike in Kirgisistan unterwegs. Angefangen in Bishkek vor einer Woche, startete er heute von Karakol mit dem Ziel Narin und hat mich schon mal moralisch vorbereitet, dass er sich nun ein paar Tage nicht melden könne… Nun beruhigt mich ihre Geschichte auch ein bisschen, ist sie doch noch ein paar Stufen wilder… Er hat übrigens ziemlich viel Essen mitgenommen. Alles vorgekocht und getrocknet. Gemüse, Früchte, Polenta, Schinken…

  • Lucas Cannolari sagt:

    Gratuliere, tolle Expedition und Bilder, die sehnsüchtig machen! Eine Frage an die Abenteurer: hattet ihr einen lokalen Kontakt oder alles von der Schweiz aus organisiert? Wie gings sprachlich, russisch/kirgisisch?

    • Marcel Jaun sagt:

      Geschätzter Herr Cannolari
      Wir haben alles von der Schweiz aus organisiert (sofern dies möglich war). Ansonsten jeweils direkt vor Ort mit Hilfe der Hostelmitarbeiter. Viele junge Leute in den Städten (meistens in etwas besseren Hotel / Hostel) können etwas Englisch. Es gibt soweit ich weiss auch einige Travel-Agenturen, wir hatten jedoch nie mit solchen Leuten Kontakt. Ansonsten auf dem Land kann niemand Englisch… Zeichensprache.
      Freubdliche Grüsse
      M. Jaun

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