Pillen, Pulver, teurer Urin

Ein Beitrag von Thomas Renggli*

RIO DE JANEIRO, BRAZIL - AUGUST 10: Justin Gatlin of USA starts during a training session at Olympic Stadium on August 10, 2016 in Rio de Janeiro, Brazil. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Nicht nur bei ihm läuft der Dopingverdacht mit: US-Sprintstar Justin Gatlin in Rio. Foto: Alexander Hassenstein (Getty Images)

Der russische Staat gab seinen Sportlern die Lizenz zum Betrügen. Dies wirft einen Schatten über alle Leistungen an den Olympischen Spielen: Was die Russen schnell macht, kennen auch die Jamaikaner, Amerikaner, Chinesen – und vielleicht sogar die Schweizer. Sportärzte und Dopingfachleute verdüstern das bereits dunkle Bild zusätzlich. Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, sagt: «Mit dem heutigen Wissen ist es möglich, einen Athleten mit verbotenen Substanzen zu präparieren, ohne dass er positiv getestet wird.» Kamber bezieht sich auf das Verfahren in Mikrodosen, bei dem bereits geringste Mengen von verbotenen Substanzen zu einer Leistungssteigerung verhelfen.

Der langjährige Schweizer Olympia-Arzt und Antidoping-Spezialist Beat Villiger geht in seiner Lagebeurteilung noch einen Schritt weiter: «Der wissenschaftliche Fortschritt macht das Dopen immer einfacher.» Villiger liefert ein konkretes Beispiel:  «Es gibt Substanzen, die die körpereigene Produktion von Wachstumshormonen fördern, aber nur kurz nachweisbar sind. Wer diese Mittel um 23 Uhr einnimmt – und um 05 Uhr auf die Toilette geht, kommt problemlos durch jeden Test.» In diesem Zeitfenster werden – um dem Athleten die Ruhephase zu garantieren – keine Kontrollen durchgeführt.

Auch Breitensportler sind empfänglich für Doping

Was bedeutet diese Erkenntnis für den Breitensportler? Schliesslich gilt: Was den Profi stärker macht, hilft auch dem Hobbyläufer auf die Sprünge. In Fitness- und Bodybuilder-Kreisen blüht der Anabolika-Schwarzmarkt – und setzt die Konsumenten lebensbedrohlichen Gefahren aus. Herzinfarkte, Leber- und Nierenschäden sind die häufigsten Nebenwirkungen. Wie sieht es in der Laufszene aus? Werden chemische «Schnellmacher» wie Epo oder Asthmamittel auch von Hobbyläufern konsumiert?

Der renommierte Zürcher Sportarzt Bernhard Sorg relativiert: «An echte Dopingmittel kommt man nur unter besonderen Umständen heran.» Grundsätzlich stuft Sorg die Laufgemeinde aber als sehr empfänglich für (legale) Pillen und Pulver ein: Schmerzmittel wie Voltaren, Ponstan oder Aspirin seien beliebte Substanzen, um die Übersäuerung und Ermüdung der Muskeln zu verlangsamen und zu reduzieren. «Sie optimieren die Leistung», sagt Sorg.

Die Pharmaindustrie profitiert 

Auch bei Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln werde mit der grossen Kelle angerichtet. Hier ist allerdings die Pharmaindustrie der grosse Profiteur. Der Läufer dagegen tappt in die Marketingfalle. Zu diesem Schluss kam auch die bayrische Verbraucherzentrale: Normale Lebensmittel liefern bei einer ausgewogenen Ernährung alles, was der Körper braucht. So müsse zum Beispiel niemand, der viel Sport treibt, einen Vitaminmangel befürchten. Denn ein möglicher Mehrbedarf an Vitaminen wird in der Regel problemlos durch mehr Essen ausgeglichen.

Auch eine Extraportion Eiweiss in Pulverform sei für den Muskelaufbau nicht notwendig: Wer viel trainiert, braucht 1,2 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht. Diese Menge wird aber laut Verbraucherzentrale über eine normale Ernährung erreicht. Vor allem Fleisch, Milchprodukte, Eier und Hülsenfrüchte enthalten viel Eiweiss.

Diese Erkenntnis bestätigt Sportmediziner Sorg: Die meisten Pulver, Pillen und Nahrungsergänzungen hätten vor allem eine Wirkung: «Sie verteuern den Urin.»

Was ist Ihre Meinung?

thomas_renggli*Thomas Renggli ist Sportjournalist, Ex-Steilpass-Blogger, Marathonläufer (PB: 2:53:41) und Verfasser des Buchs «Lauffieber» (Fona-Verlag).

5 Kommentare zu «Pillen, Pulver, teurer Urin»

  • Heinz Walser sagt:

    „Wer viel trainiert, braucht 1,2 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht“… ist nichtssagend, weil nicht gesagt wird, was viel ist. Genügend sei 2 x 1 oder 3 x 1/2 Std./Woche, habe ich gelesen. Also wäre alles, was darüber ist viel: z.B. 1 oder gar 6 Std. und mehr/Tag! Bestimmt variert da der Eiweiss-Bedarf enorm.

  • Mike Gerber sagt:

    Ok, wer viel trainiert braucht also nur genau 1.2 Gramm Eiweiss pro Körpergewicht, egal wie hoch die Intensität ist und egal wie oft man pro Woche (oder pro Tag) trainiert. Mich würde mal interessieren, woher man diese Zahl nimmt und es dann noch pauschalisiert. Jemand mit 85kg Körpergewicht und einem Körpefettgehalt von 10% hat einen höheren Eiweissbedarf als jemand mit 85kg und einem Körperfettgehalt von 15%. Schaltet doch mal den Kopf ein liebe Leute (oder macht so Aussagen bezogen auf die „Trockenmasse“), eure Fettpolster benötigen nämlich gar keine Nährstoffe, weil sie keinen Energieumsatz erzeugen!

    • Tom Haeme sagt:

      Oho, fühlt sich jemand auf den Schlipps getreten?!
      Das Herumtragen von Fettpolster benötigt durchaus Energie. Und bei gleichhohem Gewicht müssen sogar weniger Muskeln gleichviel Gewicht herumtragen… aber erhöhen Sie halt 5% auf die 1.2 Gramm Eiweiss pro KG Körpergewicht. 150g Fleisch oder 2 Eier am Tag reichen immernoch locker…
      Item: Wer viel trainiert, ist deswegen noch kein Profisportler. Aber wer kein Profisportler ist, braucht definitiv keine Proteinshakes. Ausser halt für mentales Doping… Der Placeboeffekt von Proteinpulver ist ähnlich stark wie der Gestank der Fürze

      • Dominik sagt:

        Ein Hühnerei hat zwischen 12 und 13g Eiweiss. Da müssten Sie entweder ein extremer Spargeltarzan sein, oder aber sich von Strausseneiern ernähren um auf die benötigte Proteinmenge pro Tag zu kommen :-)

        Oder sind Sie etwa ein Profisportler und können hier aus der Praxis plaudern?

        • thomas sagt:

          Die durchschnittliche deutsche Mischkost enthält ungefähr 100 Gramm Eiweiß (pro tag, für herrn walser)… das reicht schon sehr weit für den 80 kg wiegenden sportler, selbstverständlich weniger für einen 150 kg schweren bodybuilder

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.