Die Augenerfrischung

Diese Woche im Saanenland von Feutersoey zum Arnensee (BE)


Vor vielen Jahren fuhren wir von Les Diablerets mit der Gondel in die Höhe. Ab der Bergstation Isenau hielten wir auf den Berg La Palette, die Aussicht war gewaltig. Tief unter uns lag ein blaues Gewässer. Was das für ein See sei, fragte ich unwissender Ostschweizer. Das sei der Arnensee, sagte mir einer meiner Mitwanderer, der aus der Gegend stammte. Der Arnensee gehöre bereits nicht mehr zum Waadtland, sondern zum Kanton Bern.

Viele Jahre später ist es endlich so weit, es soll zum Arnensee gehen, den ich nie mehr vergessen habe, wie könnte ich auch. Mein Grüpplein und ich, wir starten bei verhangenem Himmel in Feutersoey; das Dorf ist per Postauto von Gstaad erreichbar.

Steil auf den Tuxberg

Der Weg zum See dauert gut zwei Stunden und zerfällt, wie ich feststelle, in drei Teile. Teil eins ist anstrengend, der Weg auf den Tuxberg, mal durch den Wald führend und mal durch Wiesen, ist einigermassen steil. Teil zwei schafft Erleichterung, wir laufen geradeaus und abwärts, leider auf einem Strässchen. Hartbelag, stelle ich wieder einmal fest, tut meinem gealterten Rücken nicht gut. Teil drei ist angenehmer: wieder – schematisch gesagt – Wald und Wiese.

Dann der Arnensee, ein Stausee, wir erreichen ihn linker Hand der 140 Meter langen Dammkrone. So selbstverständlich wie er sich in sein Tal schmiegt, scheint er schon immer da gewesen zu sein. Dass er schön ist, eine Augenerfrischung, scheinen auch andere gemerkt zu haben, der Parkplatz ist ziemlich voll.

Apropos Verkehr: Schade, dass der Arnenseebus nicht mehr fährt wie einst; wer hinaufläuft, muss auch wieder hinunterlaufen. Wobei: Es gibt für den Rückweg durchaus eine Variante. Wir können retour Richtung Tuxberg etwas höher im Hang gehen, via Hindere Walig und Schneeweid; auch so brauchen wir bis Feutersoey wieder zwei Stunden. Oder aber diese Fortsetzung: Wir ziehen am See vorbei, steigen auf zur Alp Seeberg, zum Col de Voré, zum Col des Anderets und landen kurz darauf in Isenau bei besagter Gondelbahn; wer das macht, braucht für die ganze Strecke ab Feutersoey fünf Stunden und steigt mehr als 1000 Meter auf.

Saudische Paradiesfantasie

Fertig Varianten diskutiert, gehen wir zurück in die Gegenwart. Wir sitzen schon bald auf der Terrasse des Restaurants, das leicht erhöht über dem See liegt. Man kann in ihm baden. Man kann vor Ort ein Patent lösen und fischen. Oder man mietet ein Boot. Und wem das alles nicht zusagt, der umrundet ihn auf bequemen Kieswegen in einer Stunde.

Beim Essen ist Gelegenheit, die Gäste zu mustern. Unter ihnen ist eine Familie aus Saudiarabien oder ähnlich, die zwei Frauen sind verschleiert bis auf einen Augenschlitz. Ihre Augen sind die meiste Zeit dem See zugewandt – und mir fällt ein, dass arabische Menschen diesen Ort wohl noch viel schöner finden als wir hiesigen. Der Koran, das heilige Buch des Islams, ist aus der Wüste geboren. Trotzdem oder genau deswegen schildert er das Paradies als grünen Garten mit nie versiegendem Wasser. Der Arnensee samt Umland kommt Paradiesfantasien ziemlich nahe.

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Route: Feutersoey, Dorf (die Haltestelle liegt an der Buslinie Gstaad – Col du Pillon – Les Diablerets) – Tuxberg – Gschwänd – Gritteli – Arnensee, Restaurant.

Wanderzeit: 2 Stunden. 492 Meter aufwärts, 78 abwärts.

Zurück: Retour auf demselben Weg. Oder etwas oberhalb: Restaurant am See – Unders Stüdeli – Hindere Walig – Schneeweid – Tuxberg; ab hier wie auf dem Hinweg. Für diese Variante zurück insgesamt 2 Stunden.

Variante: Zum Arnensee wie oben. Dann weiter: Alp Seeberg – Col de Voré – Châlet Vieux – Col des Anderets, Isenau/La Marnèche (Gondelbahn hinab nach Les Diablerets). Total 5 Stunden, 1035 Meter aufwärts, 400 abwärts. Sehr schön der Blick auf den See von oben.

Wanderkarte: 263 T Wildstrubel und 262 T Rochers de Naye, 1:50’000. Für die Variante nach Les Diablerets zusätzlich 272 T St-Maurice.

GPX-Datei: Hier downloaden. Die Langvariante nach Les Diablerets hier.

Charakter: Die Wanderung zum Arnensee ist nicht anstrengend, gute Schuhe (Wanderschuhe) empfehlen sich trotzdem wegen einiger coupierter, wurzeldurchsetzter Stellen. Idyllisch. Empfehlenswert besonders bei durchzogenem Wetter und unter der Woche, dann hat es am See nicht so viele Leute.

Höhepunkte: Der See. Die Einkehr am See. Das Fussbad am See. Der Rundweg um den See.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Restaurant am Arnensee. Bei gutem Wetter reservieren, Telefon 033 736 30 00. Bis 30. Oktober, Mo/Di ab 17 Uhr geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Die Augenerfrischung»

  • Roland Heer sagt:

    Wunderbar und höchst anregend, fast beinahe just annähernd zur Wiederholung verleitend, dieser Ihr ultimativer Vorschlag für eine wohl kaum zu übertreffende Traumteerwanderung mit landesüblich gehörigem Parkplatzanschluss zum guten Ende! Und dazu vor Ort als ultima ratio ausgerechnet noch ein richtiger Stausee inbegriffen, Mannomann – Sie werden immer besser, sprich urtümlicher. Wer kann es sich leisten, die Klassiker von Ihnen nicht nachgewandert zu haben? Haben Sie davon noch mehr im Repertoire? Ich bin kürzlich die Rosengartenstrasse hochgewandert – müssten die Sie sich und uns Lesenden nicht auch noch antun?
    In der Hoffnung, via Sie weitere heisse Tipps in Sachen unberührte Natur und richtig entlegene Gegenden zu erhalten, grüsse ich Sie sehr rotgesockt und in strammen Knickerbockern!

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