Was ist eigentlich «Flow»?

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Wenn die Konzentration ganz auf eine Sache gerichtet ist und die Welt um einen herum aus der Wahrnehmung verschwindet, dann ist der Flow-Zustand erreicht. Foto: Paolo Cipriani (iStock)

«Flow-Bikes, Flow-Felgen, Flow-Klamotten, Flow-Magazine, Flow-Sisters, Flow-Brothers, Flow-Country, Flow-Valley und Flow-Trails…» – mit dieser beliebig weiterführbaren Liste dokumentieren die Mountainbiker und Autoren Harald Philipp und Simon Sirch in ihrem Buch «Flow – Warum Mountainbiken glücklich macht», wie inflationär der Begriff «Flow» von der Mountainbikepresse, Werbe- und Marketingexperten, Bloggern und Mountainbikern benutzt wird. Flow zieht eben immer. Und Flow zieht ganz speziell, wenn es um Freizeit-Erlebnisse geht, die als Therapieraum für alltagsgeplagte Realitätsflüchtlinge furchtbar angesagt sind.

Flow bzw. die Rede darüber ist Teil einer «riesigen mentalen Sammlungsbewegung, deren trendigste Speerspitze altasiatische Versenkungs- und Beruhigungstechniken bilden». Von Yoga und Meditation über das zenbuddhistische «ichi-go, ichi-e» – eine Formel, die das Leben im Moment beschreibt – ist es ein kleiner Schritt zum Flow. Um diesen für Frau und Herrn Jedermann erlebbar zu machen, werden in den Alpen längst nicht nur touristische Konzepte erdacht. Zum Beispiel in Form von Bikeparks und Mountainbike-Tourenstrecken wird auch eine Infrastruktur erschaffen, die Flow in gut verdaulichen Dosen konsens- und konsumfähig macht. Flowtrails schiessen überall wie Pilze aus dem Boden. Im Bemühen, den krisengebeutelten Tourismusdestinationen ein tragfähiges Sommergeschäft zu bescheren.

Erforschtes Phänomen

Flow ist allerdings keine Entdeckung neueren Datums. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi von der Universität von Chicago hat erstmals ein Phänomen beschrieben und theoretisch ergründet, das Menschen wohl schon immer gefühlt haben: Sei es bei der Jagd, im Krieg, in der Musik, in der Kunst und auch beim Sport. Csikszentmihalyis Ideen entstanden in den 1960er-Jahren, als er Künstler bei ihrer Arbeit beobachtete, «die sich ihrer Kunst Tag und Nacht widmeten. Sobald sie jedoch ihr Werk fertiggestellt hatten, schienen sie jedes Interesse daran zu verlieren. (…) Mir wurde klar, dass irgendetwas in der Aktivität selber lag, was sie bei der Stange hielt.»

Es bedarf keines Geniestreichs, den letztzitierten Satz als eine Analogie zum Sport zu verstehen. Downhiller, Freerider und Tourenfahrer kennen den Zustand schliesslich allzu gut, «in dem sich das Ego auflöst und die Zeit zu fliegen beginnt. Jede Handlung, jede Bewegung, jeder Gedanke folgt unausweichlich auf das Vorausgegangene. Das ganze Sein ist aufgesogen, und das Können auf die Spitze getrieben.» Genauso fühlt sich in den Worten Csikszentmihalyis an, was er als Flow bezeichnet. Ausgehend von einem «Zustand, bei dem man in eine Tätigkeit so vertieft ist, dass nichts anderes eine Rolle zu spielen scheint», entwickelte der Psychologe die «Theorie der optimalen Erfahrung». Kern dieses Gedanken ist: Die Momente, in denen «Körper und Seele bis an die Grenzen angespannt sind in dem freiwilligen Bemühen, etwas Schwieriges und Wertvolles zu erreichen», lassen sich zwar nicht erzwingen, aber willkürlich herbeiführen. Anders gesagt: Die Erfahrung des Flow eignet sich bestens als Krücke auf der Suche nach dem Glück.

Was aber folgt dem Flow? Was machen die Menschen – die Tourenfahrer und Freerider – mit und aus dieser Erfahrung? Ist sie stark genug, Menschen zu ändern, anzustacheln, zu bewegen? Oder ist es so, dass die Wirkung des Flow mit dessen Ende verpufft? Das wäre schade. Dann nämlich reihte sich das Phänomen Flow lediglich in die Reihe der Erweckungsangebote ein, die sich in der weichen Ideologie der persönlichen Entwicklung erschöpfen.

Haben Sie während des Mountainbikens schon Momente erlebt, die dem beschriebenen Flow-Phänomen nahekommen? Wo glauben Sie, ist dieser Zustand einfacher zu erreichen – auf Naturtrails oder auf speziell gebauten Mountainbike-Pisten?

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1 Kommentar zu «Was ist eigentlich «Flow»?»

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