Mettmen gibts noch

Vor Jahren kletterte ich in London im Westway Sports Centre an Betonklötzen mit Kunstgriffen, die im Freien unter einem Autobahnkreisel stehen. Dabei wünschte ich mir sehnlichst, ich wäre in Mettmen, im Klettergarten mit den Felsklötzen aus griffigem, festem Quarzporphyr im Widerstein oberhalb der Mettmenalp. Das erste Mal kam ich mit meinen Eltern nach Mettmen wegen der Heidelbeeren. Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, und wir füllten grosse Kessel mit Beeren für Konfitüre. In der Nacht schliefen wir unter kratzenden Wolldecken im Berghaus. Mit unseren eigenen Kindern kamen wir nach Mettmen für die ersten Kletterübungen, und seit Jahren kommen wir immer wieder in den Klettergarten, kaum ist der Schnee weg – und im Herbst, solange die Sonne noch über den Grat scheint. Die Routen kennen wir auswendig, «Nur Fliegen ist schöner», «Chiron», «Zaubertrank» und so weiter.

Heute ist ein wolkenloser Tag, und, oh Wunder, wir sind allein. Suchen den Schatten, denn Schatten gibt es immer irgendwo rund um die 18 haushohen Felsblöcke. Nicht hoch ist das, kann aber auch mal schön steil sein. Der Kletterführer GLclimbs von Ruedi Jenny und Felix Ortlieb verzeichnet über hundert Routen in den Graden 2 bis 8a – viel Schönes im Bereich 5c bis 6c. An Wochenenden im Frühling und Herbst sind die Felsen oft umlagert von Familien mit Oma, Opa, Eltern und Kindern, und alle klettern oder hüten zwischendurch das Baby oder den Hund.

Rundum von Alpweiden umgeben

Die Routen hat in jahrelanger harter Arbeit vor allem der Glarner Kletterer und Künstler Felix Ortlieb mit seiner Frau und Freunden perfekt eingerichtet. Alte Rosthaken wurden durch solides Material ersetzt, neue Linien erschlossen. Legendär sind seine von Hand gezeichneten und liebevoll gestalteten Routenbüchlein, die heute Liebhaberobjekte sind. Auch die Topografien in seinem Glarner Kletterführer GLclimbs sind von bestechender Klarheit, für Mettmen genügen Fotos mit farbigen Linien. Ein Foto zeigt den Autor im tiefsten Winter splitternackt an einer mit Eiszapfen gespickten Wand hängen – die Felsen von Mettmen, so vermittelt das Bild, sind eine Welt mit eigenen Gesetzen. Landschaftlich und atmosphärisch ist Mettmen sicher einer der schönsten Klettergärten der Ostschweiz.

Die Routen sind familienfreundlich abgesichert. Trotzdem brauste einmal ein Heli der Rega heran und flog einen Verletzten ins Spital – einen ehemaligen Extremkletterer, der seiner Tochter das Abseilen hatte beibringen wollen und sich dann ins falsche Seil gehängt hatte. Da ist man doch froh, dass die Felsklötze nicht allzu hoch sind und rundum von Alpweiden umgeben, auf die man nicht so hart fällt.

Nur von Murmeltieren beobachtet

Wann das Klettern in Mettmen begonnen hat, weiss ich nicht. In den Sechzigerjahren führten die SAC- und Naturfreundegruppe Kletterkurse durch, doch wir jungen Wilden fanden es unter unserer Würde, uns mit solchem Kleinkram abzugeben. Das Sportklettern hat die Perspektive verschoben: Nicht die Wandhöhe oder die Meter über Meer sind heute das Ziel, sondern der Schwierigkeitsgrad und die interessante Felsstruktur.

An dem Prachtstag, an dem wir ganz allein klettern, beobachtet nur von zwei Murmeltieren, fragen wir uns, ob Mettmen allmählich aus der Mode gekommen sei wie andere einstige Topgebiete.

Vielleicht liegts daran, dass noch bis Ende Jahr am neuen Berghotel beim Stausee gebaut wird, also der gemütliche Abschluss des Klettertags mit Kaffee und Nussgipfel auf der Sonnenterrasse ausfällt. Schliesslich sehen wir doch noch ein Paar, das auf einer leichteren Felsplatte klettert. Es winkt uns zu, und wir sind beruhigt. Mettmen gibts noch.

5 Kommentare zu «Mettmen gibts noch»

  • lisa sagt:

    Und zum Abschluss eines schönen Klettertages kann man ganz gemütlich,auf der idyllischen Gartenterasse des Naturfreundehauses, mit fantastischer Aussicht, einen Kaffee und selbst gebackenen Kuchen geniessen. Auch ohne des noch nicht fertig gebaute Berghotel, kann man sich auf Mettmen gut Verpflegen und auch Uebernachten. …..!

  • Raphael Raphael Wellig sagt:

    hallo emil

    danke für den schönen beitrag.

    die routen sind bestens abgesichert. ein grosses danke an die grossartige arbeit an die erschliesser.
    das gebiet ist für kinder und familien ein optimales gebiet. die jugend ist unsere zukunft, und Sie muss gefördert werden.

    ich wünsche allen viel spass in mettmen.

    gruesse von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Ivo sagt:

    Alleine in Mettmen kann ich kaum glauben. Ich kenne diesen wunderschönen Klettergarten nun sicher 15 Jahre. Das letzte mal als ich dort war liegt 5 Jahre zurück. Warum? ganz einfach der war jeweils derart überlaufen das man für die Routen anstehen musste wie an einem Dienstag Abend im Gasi. Das hat mir dann gereicht.

    • lisa sagt:

      Ja die Juniwochenenden sind immer noch sehr gut besucht. Aber an den Wochentagen und auch jetzt in der Ferienzeit,hat es für alle genug Platz und man kann absolut nicht mehr von überlaufen sprechen. Versuch es doch wieder einmal,ich meine es lohnt sich. Lisa,Naturfreundehaus Mettmen

  • Urs Kyburz sagt:

    Für eine JO mit Kindern und Jugendlichen jeden Alters ist das Gebiet perfekt:
    http://idnu.ch/wordpress/mettmenalp-das-perfekte-familienklettergebiet/

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