Die Begehung der Crema Catalana

Diese Woche vom Scex Rouge/Glacier 3000 via Teufelskegel zum Sanetsch-Stausee (VD/VS)

Man kann in und um den Waadtländer Ferienort Les Diablerets wunderbar wandern. Da ist der Wildbachweg zum Wasserfall Cascade du Dar. Der Aussichtsberg La Palette und der Lac Retaud unterhalb. Oder auch die Passage vom Col de la Croix vorbei an den Gipspyramidchen zum Lac de Bretaye.

Habe ich alles gemacht, war alles schön. Noch mehr Begeisterung löste die folgende Route aus – sie führt über einen Gletscher, dessen Kruste unter den Füssen knackt, als gehe man auf einer Crema Catalana. Ein Teufelskegel am Rand eines Abgrundes wird besucht. Zudem wandern wir über Felsen so glatt wie riesige Fischbäuche zu einem alpinen Stausee. Und das Beste: Das ist alles normales Bergwanderterrain – wir brauchen weder Helm noch Seil, weder Pickel noch Steigeisen.

Ecclestone mischt mit

Von der Bushaltestelle auf dem Col du Pillon nehmen wir die Seilbahn, nehmen eine zweite Seilbahn, erreichen den Scex Rouge auf knapp 3000 Metern. «Glacier 3000» wurde der Berg samt Anlagen von den Marketingleuten getauft; Formel-Eins-Tycoon Bernie Ecclestone ist einer der Investoren. Die Gruselhängebrücke Peak Walk by Tissot führt luftig zu einem Nebengipfelchen als Mutprobe für Turnschuhträger. Das Panoramarestaurant hat Mario Botta entworfen. In den Hang gebaut ist die Rodelbahn auf Schienen namens Alpine Coaster. Wie ein vorsintflutliches Monster überwacht all diese Dinge das Oldenhorn, das aussieht wie aus Kohle gebacken.

Bequem wie wir sind, nehmen wir die Sesselbahn den Coaster entlang abwärts. Unten beginnt die Tour über den Glacier de Tsanfleuron. Das Eis füllt die Hochebene und ist eher schmutzbraun als blauweiss. An manchen Stellen der brüchig-spröden Oberfläche sammelt sich in den Fussabdrücken Schmelzwasser. Bei alledem ist der Weg glitschig. Vor Spalten braucht man sich nicht zu fürchten, Stangen markieren den sicheren Pfad, dies ist eine Familienroute.

Endlich, wir sind nun im Wallis, La Quille du Diable, der Teufelskegel, ein schwarzer Zahn, der die Geländekante markiert. Wir treten vor und linsen hinab. Fast 1000 Meter tiefer ein Kessel in Grün, darin das Seelein von Derborence. Im Refuge l’Espace können wir den Tiefblick mit einem Tee oder so kombinieren. Die Single Malts kommen diesmal nicht infrage.

Den rot-weissen Markierungen nach beginnt der Abstieg über die vom entschwundenen Gletscher glattgeschliffenen Felsen mit eingelagerten Tümpeln. Die Rundsicht bleibt grandios, wie wir überhaupt auf dieser Wanderung Gipfel sonder Zahl sehen, solche der Romandie und Frankreichs, aber auch bernische und freiburgische.

Voilà ein Ferienziel!

In der Hütte von Prarochet ist wieder Gelegenheit einzukehren. Danach geht es weiter abwärts, irgendwann endet das Reich der Schmirgelfelsen, die mit Schleifspuren verziert sind. Die Sanetsch-Passstrasse kommt in Sicht und hernach der Stausee, an dem wir vorwärts halten bis zur Staumauer, der Auberge du Sanetsch und der Seilbahn. Sie trägt uns hinab nach Gsteig. Nun, nicht ganz, unten müssen wir eine Viertelstunde laufen, bis wir im Ort sind. Komfortable Sache: Von Gsteig gibt es Busse hinauf zum Col du Pillon, wo wir starteten, und nach Les Diablerets.

Erstaunlich – kaum vier Stunden unterwegs gewesen und doch so viel gesehen wie auf mehreren Wanderungen zusammen! Wie gesagt, Les Diablerets lohnt den Besuch. Wer noch kein Ferienziel hat, voilà!

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Route: Bergstation Scex Rouge/ Glacier 3000 (zwei Seilbahn-Sektionen ab Col du Pillon, dorthin gelangt man per Bus von Les Diablerets oder Gsteig) – (fakultativer Ausflug über den Peak Walk by Tissot zu einem Nebengipfelchen und retour) – Talstation Alpine Coaster (diesen kurzen Abstieg kann man sich sparen, indem man die Sesselbahn parallel zum Coaster nimmt) – markierter Weg zum Quille du Diable/Teufelskegel (Zweitname: Tour St-Martin) – Bergweg hinab zur Cabane de Prarochet – Sanetsch-Strasse – Stausee – Auberge du Sanetsch – Seilbähnlein hinab Richtung Gsteig. Von der Talstation muss man bis ins Dorf noch einmal 15 Minuten gehen.

Wanderzeit: 3 3/4 Stunden plus 15 Minuten von der Sanetsch-Seilbahn-Talstation nach Gsteig hinein.

Höhendifferenz: 95 Meter auf-, 850 abwärts.

Wanderkarte: 272 T Saint-Maurice, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden. Wichtig: Die Strecke vom Alpine Coaster über den Gletscher zum Quille du Diable variiert. Sie wird vor Ort von Leuten ausgesteckt, die auf Spalten achten; hält man sich an diese Markierungen, ist das sicher. Man ziehe also nicht die GPX-Route heran, sie ist für diesen Abschnitt nicht verlässlich.

Retour: Busse von Gsteig über den Col du Pillon nach Les Diablerets oder nach Gstaad.

Kürzer: Wer vom Alpine Coaster zum Quille du Diable (Restaurant) und retour geht, braucht dafür bloss knappe zwei Stunden. Kaum Höhendifferenz. Aber grosse Gletscherwelt. Wegen des nässenden Gletschereises braucht es doch gute Schuhe, manche Partien sind glitschig und sehr feucht.

Charakter: Zuerst easy über einen flachen Gletscher. Danach normale Bergwanderung. Keine ausgesetzten Stellen. Grossartige Bergwanderung, Abenteuerflair.

Höhepunkte: Der Gang über den Gletscher. Der Tiefblick vom Quille du Diable auf den grünen Talboden von Derborence. Der Abstieg zur Cabane de Prarochet über glattgeschliffene Felsen.

Kinder: Normale Anforderung einer Bergwanderung. Vorsicht bei der ungesicherten Kante beim Quille du Diable; das Herantreten an den Abgrund ist aber fakultativ.

Hund: Mag der Hund Gletschereis unter den Pfoten? Wenn ja, alles gut.

Einkehr: Restaurant Botta auf Glacier 3000. Refuge l’Espace bei der Quille du Diable. Cabane de Prarochet. Auberge du Sanetsch, 12 Gault-Millau-Punkte.

Seilbahn am Ende: Die Sanetsch-Seilbahn ist bisweilen überlastet, dann muss man warten.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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4 Kommentare zu «Die Begehung der Crema Catalana»

  • Max Wartenberg sagt:

    Habe die Wanderung letztes Jahr gemacht und teile voll Ihre Beurteilung. Allerdings sind wir am Ende nicht nach Gsteig runter, sondern mit dem Postauto (ab Staumauer) nach Sion, ein zusätzlicher Zeitaufwand, der sich in meinen Augen rechtfertigt, denn man erlebt eine der spektakulärsten Postautorouten der Schweiz (finde sie noch eindrücklicher als Derborence).
    Vielleicht lässt es sich nachholen als Schluss einer Wanderung auf der andern Talseite des Sanetschpasses, nämlich von Pas-de-Maimbré (oberhalb Anzère) über den Col des Audannes, durch Grand Gouilles und über den unteren Teil des Arpeligrates zur Passhöhe runter. Vor 2 Jahren gemacht, T3, anspruchsvoll aber lohnenswert.

  • Lichtblau sagt:

    @Maria: Crema Catalana hat, im Gegensatz zur Crème Brulée, eine karamellisierte, „knackige“ Oberfläche. Mit Crème Brulée würde ich eher ein Waten durch eine Sumpflandschaft verbinden. Also mir hat der sehr bildhafte Vergleich Thomas Widmers sofort eingeleuchtet.

  • Thomas Widmer sagt:

    Liebe Maria. Ich kenne die Crema Catalana nur aus der Schweiz, aber ich kenne sie besser als die gebrannte Creme. Daher… Und die Katalanen sollen sich bedanken, dass man an sie denkt; ist ja nicht negativ. Besten Gruss.

  • Maria sagt:

    WarumCrema Catalana und nicht Crème Brulée?
    Die stolzen Katalaner würden keine grossen Freudensprünge machen, wird seine Crème mit solch beispielsreichem Text verglichen. Ich hoffe trotzdem, dass sie gute Erinnerungen, ohne negative Aspekte, von der katalanischen Gastronomie haben.

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