Denken beim Umlenken

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

Young woman rock climbing, Germany

«Vertrauen ist gut, Kontrolle besser»: Beim Klettern ist dieser Allgemeinplatz angebracht. Foto: Getty Images

Am Ende der Kletterroute sicherte ich mich und fädelte das Seil in den Ring der Umlenkung. Bevor ich meine Sicherung löste, schaute ich hinab zu meinem Freund, ob er bereit sei, mich abzulassen. Er hatte sein Sicherungsgerät vom Seil gelöst, sich hingesetzt und biss in ein Sandwich. Mein Blick hinab hatte mir einen 20-Meter-Sturz im freien Fall erspart.

Mein Freund ist ein guter Kletterer, sein Fehler war ihm überaus peinlich. Er entschuldigte sich immer wieder, er habe geglaubt, ich seile mich selbstständig ab, er müsse mich nicht ablassen. Ich beruhigte ihn. «Ist ja nichts passiert!»

Tatsächlich geschehen beim Sportklettern erstaunlich wenige Unfälle. Mit durchschnittlich drei Todesfällen pro Jahr kann man kaum mehr von einem Risikosport sprechen. Ein wahrer Risikosport wäre gemäss Statistik das Bergwandern mit 64 Todesfällen im vergangenen Jahr. Früher sagten wir gelegentlich salopp: Wenn man nicht abstürzen könnte, würde niemand klettern. No risk, no fun! Das Gegenteil ist wahr. Sportklettern ist ein Massensport geworden – trotz oder wegen des geringen Risikos. Bohrhaken in kurzem Abstand, solide Umlenkungen, perfektes Material, gute Kletterkurse, regelmässiges Training – alles hat zur Sicherheit beigetragen.

Andere Länder, andere Klettersitten

Und doch: Ein Restrisiko bleibt. Beim Sportklettern ist es häufig ein Fehler oder ein Missverständnis beim Sichern – wie in meinem Fall, der aber zum Glück kein Unfall geworden ist. In Finale Ligure haben wir vor Jahren bei der Rettung eines Schwerverletzten mitgeholfen. Der Unfall geschah, weil sein Sicherungspartner wie in meinem Fall geglaubt hatte, er seile sich selber ab, und die Sicherung gelöst hatte. Der junge Kletterer hat den Unfall überlebt. Von zwei anderen gleichgearteten Fällen erinnern nur noch Täfelchen am Einstieg an die verunglückten jungen Menschen. Dass alle drei aus dem gleichen Nachbarland stammten wie mein Freund, hat mir zu denken gegeben. Als ich dort in einem bekannten Gebiet kletterte, ist mir aufgefallen, dass es keine richtigen Umlenkungen am Ende der Routen gab, deshalb wurde nicht umgelenkt, sondern alle seilten sich ab. Ich will das nicht kritisieren, es gehört dort zum Stil, den man einfach kennen muss. Wie auch im Peak District in England, wo es weder Haken noch Umlenkungen noch sonst was gibt.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wie man sichert, umlenkt oder auch nicht, ist eine Sache der lokalen Kultur. In den USA war ich in einem Klettergebiet, wo Ablassen verboten ist. Umlenkkarabiner oder -ringe können mit der Zeit durchschleifen und gelegentlich auch brechen, informieren dort grosse Plakate.

Selbst in Kletterhallen, sagt eine Statistik des Deutschen Alpenvereins, gehören Ablassunfälle zu den häufigsten – hier meist wegen Unaufmerksamkeit oder falscher Bedienung des Sicherungsgerätes. In der Halle wie auch draussen beobachte ich oft Kletterer, die sich, ohne sich mit ihrem Partner, ihrer Partnerin zu verständigen, ins Seil hängen oder gar die Mutigen spielen und wie Bungeespringer ins Seil springen.

Angst, sagt man, sei ein guter Indikator für Gefahr. In gewissen Fällen mag das stimmen, in anderen ist es gerade umgekehrt. Klettere ich zwei Meter über dem Haken in schwierigem Gelände, so kann ich vor Sturzangst ins Zittern kommen, obwohl ein Sturz kein Drama wäre. Hänge ich mich ins Seil nach der Umlenkung, bin ich völlig entspannt. Dabei ist das vielleicht der gefährlichste Moment der Kletterei. Auch der zuverlässigste Kletterer, die bestens ausgebildete Kletterin kann beim Sichern einmal kurz abgelenkt sein oder in Gedanken gerade anderswo. «Vertrauen ist gut, Kontrolle besser» ist zwar ein Gemeinplatz, aber beim Klettern doch nicht fehl am Platz.

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13 Kommentare zu «Denken beim Umlenken»

  • Chris Rohrer sagt:

    Ein kurzes „Zu!“ oder „Block!“ des Kletternden/Abseilenden vor dem Lösen der Selbstsicherung ist „good practice“ und rettet Leben.

  • Martin sagt:

    Die Statistik besagt, dass die meisten Fussgänger auf dem Fussgängerstreifen tödlich verunfallen. Folglich sollte man den Fussgängerstreifen meiden! Oder ist es einfach, weil die allermeisten Fussgänger den Fussgängerstreifen benutzen. Vielleicht eher!!
    Die Anzahl Tote von Wanderern und Kletterern zu vergleichen und daraus Schlüsse zu ziehen ist wohl kaum seriös. Zudem nur von einem Jahr. Hier einige Infos vom BFU: tödlich verunfallte Wanderer 2000 – 2012: 587. Tödlich verunfallte Kletterer: 2000 – 2012: 66. Rund 10x weniger also. Anzahl aktive Wanderer gemäss ASTRA: 2.7 Mio. Es gibt wohl kaum 250’000 aktive Kletterer. Wo ist nun die Chance grösser das man tödlich verunfallt?
    Übringens, Hauprisikogruppe beim Wandern sind die Senioren (70+): 2000 – 2012: 149 Tote. Statistik in Ehren!

    • Ernesto sagt:

      Senioren verunfallen oft, wenn sie noch „Nachholbedarf“ haben und gewisse Touren noch machen möchten. Seit kurzem verzichte ich auf exponierte oder längere Wege und klettere nur noch in der Halle. Zufrieden bin ich mit dem in jüngeren Jahren Erreichten und will bewusst nicht stets dem gleichen Hobby frönen, es gibt noch viele andere. Der Kopf altert auch, das merke ich.

  • Wild sagt:

    Salu,
    Ich persönlich löse mich nie vom Seil als sicherer.
    Wenn gefällt wird gebe ich 2 – 3 m seil aus und bleibe bereit. Das ermöglicht mir eine schnelle Reaktionszeit wenn er einen Sitztest machen will.
    Wenn es aber kommuniziert wird ist auch das lösen des Seils kein Problem.
    Wer nämlich grundsätzlich eine lastübergabe, d.h. Block macht seine Nabelschnur entlastet sieht sofort ist mein sicherer bereit und hält nein Knoten. Danach entspannt Nabelschnur lösen und ablassen..

    Schönen Tag noch

  • daniel sagt:

    wir beprechen jeweils vor der route, ob ablassen oder abseilen. von ablassen dann doch auf abseilen wechseln ist uns erlaubt. von abseilen auf ablassen wechseln erlauben wir uns nicht. damit haben wir gute erfahrung gemacht. die kurze absprache vor dem einsteigen erinnert uns an den job und verhindert gemeint zu haben.

    ps: behaupten, wer hier schuld sei und mit wem niemehr klettern zu gehen trifft nicht den kern der sache. mit solchem denken wird das selbe mit dem nächsten partner auch passieren.

  • Raphael Raphael Wellig sagt:

    hallo mitenand

    gar keine frage: beide sind schuld. eine seilschaft muss, und sollte eingespielt sein, und immer mit den gleichen seilkommandos kommunzieren. ich möchte mit keinem von beiden klettern. das sind ja anfänger fehler.

    ich wünsche allen viel spass.
    beste grüsse von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Michael sagt:

    Eigentlich ist der Vorsteiger schuld. Wenn man nicht vor dem Klettern Seilkomandos abspricht bzw. wenn man nicht miteinander vertraut ist, passieren Fehler. Wenn er Stand macht, und das nach unten kommuniziert, ist es normal das er ausgesichert wird. Er sichert sich ja im Stand selbst. Wenn er dann abgelassen werden will, muss er dies auch kommunizieren bevor er sich aus seiner Selbstsicherung löst.

  • Matthias Zuber sagt:

    Was ich länger je mehr in Klettergärten beobachte, ist das „falsch“ gebrauchte Seilkommando „Stand“.
    Das Kommando „Stand“ heisst, Vorsteiger hat sich einen Standplatz gebaut, ist sicher und kann aus dem Seil genommen werden. Mit diesem Kommando klettern wir seid Jahren MSL’s.
    In der Klettergärten hat dieses Kommando nichts zu suchen, weil genau dies der Sicherer anleit, den Kletterer aus dem Seil zu nehmen und eben solche obig geschilderte Situationen passieren.

  • Christoph Bögli sagt:

    „Risikosportarten“ sind nicht jene, in denen besonders viele Unfälle geschehen bzw. die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls hoch ist, sondern jene, in welchen die Schäden meist massiv bis letal sind, falls ein Unfall geschieht (selbst wenn die Wahrscheinlichkeit dafür minimal ist).
    Im Klettern wie Bergsteigen, Tauchen, Fallschirmspringen, etc. wurden gerade aufgrund des hohen Schadenspotentials die Sicherheitsmassnahmen beständig erhöht und die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls damit verringert. Trotzdem, wenn dort was passiert, dann geht es schnell mal übel aus, sprich das Schadenspotential und damit das Gesamtrisiko bleibt hoch. Im Gegensatz zu Tennis oder Joggen, wo es zwar ständig zu Zerrungen und Misstritten kommt, aber selten jemand in den Tod stürzt oder gar „verschwindet“..

  • Stefan Moser sagt:

    Piloten kennen es, langsam machen es sogar auch Chirurgen und beim Klettern kommt es immer mehr: Die Checkliste. Natürlich muss man keine Liste mitnehmen. Aber Standards verwenden. Ein gegenseitiger Blick auf den Knoten und Sicherungsgerät vor dem Losklettern, eine mündliche Bestätigung, dass man gesichert wird beim ersten Einhängen der Express und am Stand genau Drei Kommandos: Ich bin oben und fädle (oder lass mich runter); Du kannst das Seil anziehen (oder mich reinnehmen) und erst wenn man Zug auf dem Seil spürt das Aushängen der Selbstsicherung. Und schon klettert man auch ohne Helm relativ sicher. Aber den Kletternden aus dem Seil zu nehmen ohne klares Kommando (Du bist draussen oder Seil frei) ist ein absolutes und tödliches No-Go.

  • Markus sagt:

    Kommentar 1: In der beschriebenen Situation setzt man sich doch ins Seil, mit der Nabelschnur noch eingehängt aber nahe genug an der Umlenkstelle, so dass die Nabelschnur lose ist. Erst nach dieser Kontrolle löst man die Nabelschnur.

    Kommentar 2: Es fällt mir auf, dass in der Schweiz selten mit Helm geklettert wird (siehe auch Bild zu diesem Artikel). Es scheint teils fast verpönt, mit Helm zu klettern. Ein Schädel-Hirn Trauma kann aber gerade bei einem an sich harmlosen Sturz passieren, wenn man mit dem Kopf blöd aufschlägt. In anderen Ländern (zB Australien), ist es völlig normal nur mit Helm zu klettern. Für mich unverständlich, dass man das in der Schweiz anders sieht.

  • Roland K. Moser sagt:

    „…Er hatte sein Sicherungsgerät vom Seil gelöst, sich hingesetzt und biss in ein Sandwich. Mein Blick hinab hatte mir einen 20-Meter-Sturz im freien Fall erspart…“
    Ich bin auch schon geklettert. Mit der Gestalt wäre ich zum letzten Mal im Leben unterwegs gewesen.

    • Christoph Bögli sagt:

      Das ist schon ziemlich bizarr. Erfahrung, selbstständiges Sichern und Abseilen, etc. hin oder her, der Partner sollte trotzdem immer bereit und aufmerksam sein um falls nötig zu sichern oder helfen. Sich da einfach in eine Sandwich-Pause zu verabschieden, während der andere 20m weiter oben in der Wand hängt, ist entsprechend mehr als nur grenzwertig..

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