Viele Laufstile sind lächerlich und schlecht

Ein Beitrag von Thomas Renggli*

British long-distance runner and marathon world record-holder Paula Radcliffe runs shortly after the start of the Vienna city marathon, in Vienna, Austria, on Sunday, April 15, 2012. (AP Photo/Ronald Zak)

Selbst ihr Laufstil war nicht perfekt: Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe. Foto: Keystone

In der Theorie tönt alles einfach und plausibel: Beim Laufen ist der Kopf aufrecht und möglichst entspannt zu halten, die Schultern bleiben locker, die Ellbogen bilden einen 90-Grad-Winkel, die Arme werden in Laufrichtung am Oberkörper entlang geführt. Überflüssige Bewegungen sind zu vermeiden. Der Körperschwerpunkt sollte ruhig gehalten werden und die Schrittlänge nicht zu gross sein.

So weit, so gut. Die Realität sieht anders aus: Es gibt praktisch ebenso viele Laufstile wie Läufer, und die perfekte Lauftechnik gibt es ebenso wenig wie die perfekte Läuferfigur. In der Regel verflüchtigen sich die Weisheiten der Trainingslehre ohnehin dann, wenn sich Müdigkeit und Sauerstoffdefizit bemerkbar machen. Selbst bei Spitzenläuferinnen sieht nicht immer alles aus wie im Lehrbuch: Die Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe war (auch) wegen ihrer ruckartigen Kopfbewegungen nie zu übersehen (siehe Video hier), und Emil Zatopek, der vielleicht grösste Läufer aller Zeiten, wurde wegen seiner Schwerfälligkeit und den rudernden Armbewegungen «die Lokomotive von Prag» genannt. Er sehe aus wie ein «Mann, der auf einem Laufband mit einem Oktopus kämpft», hiess es über den tschechoslowakischen Volkshelden (siehe Video hier).

In die Weltrekordbücher oder auf den Olymp bringen es die wenigsten Hobbyläufer. Die Variationen ihrer Laufstile sprengen die Vorstellungskraft aber ebenfalls. Der Weg ist das Ziel. Doch gelegentlich tut allein das Zuschauen weh. Nach einer intensiven Feldstudie in der zürcherischen Agglomeration lassen sich die Joggingfreunde in folgende Untergruppen einteilen:

Die Watschelgänger: Sie erinnern an die Lauf-Enten auf dem Bauernhof – und führen den Fuss nach dem Abstoss «auswärts» nach vorne. Vor allem bei mehreren Läufern mit dem gleichen Stil wirkt das wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen.

Die Charlie Chaplins: Sie erheitern die Gemüter, aber gefährden die eigene Gesundheit. Der V-Stil mag sich im Skispringen durchgesetzt haben, beim Joggen ist er aber das falsche Stilmittel. Wer ihn loswerden will, muss konsequent an seiner Fuss-, Bein- und Rumpfmuskulatur arbeiten. Das bewusste und saubere Aufsetzen der Füsse (auch im Alltag) kann ebenso zielführend sein wie ein breiterer Schritt. Doch wie bei allen anderen Stilauswüchsen gilt: Das Ausmerzen der Fehlbelastung erfordert Geduld und muss sachte angegangen werden.

Die Sonnenanbeter: Die Schönwetterjogger(innen) tragen die Nase weit oben und bewegen sich in gemässigtem Tempo und mit hohlem Kreuz der Sonne entgegen. Ihr Ziel ist einfach: mit geringstem Kraftaufwand die optimale Körperbräune zu erlangen. In den vergangenen Wochen waren sie kaum zu sehen, doch sollte der Sommer 2016 doch noch stattfinden, frequentieren sie unweigerlich die Seepromenaden und Stadtparks. Weil die oberflächliche Ästhetik ihnen wichtiger ist als der Trainingseffekt, können sie zu Verkehrsbehinderungen werden.

Die Crawler: Laufen fordert vor allem die Bein- und Rumpfmuskulatur. Doch die Arme sind als Taktgeber wichtige Instrumente (vgl. Zatopek). Sie sollten allerdings nicht vor dem Körper nach links und rechts pendeln. In der freien Wildbahn begegnet man immer wieder Joggern, die den Waldweg mit dem 50-Meter-Bassin und die Finnenbahn mit der Seeüberquerung verwechseln. Das Rudern ihrer Arme erinnert eher an einen Ertrinkenden als an einen Dauerläufer. Das wäre nicht weiter schlimm, doch auf schmalen Laufwegen kann der übertriebene Armeinsatz zu gefährlichem Dichtestress und akuter Gefahr fürs Nasenbein führen. Schlimmer sind nur noch Nordic Walker mit ihren Stöcken.

Die Super-Mamis (oder Super-Papis): Sie verdienen den allergrössten Respekt und eine Goldmedaille von Pro Familia. Denn sie kombinieren das Lauftraining mit der Kinderbetreuung. Die Verwendung eines Hochgeschwindigkeits-Kinderwagens kann auch als Übung für den (späteren) Rollatorgebrauch verstanden werden. Und trotzdem bleibt ein fahler Nachgeschmack. Denn je schneller die Läuferin (oder der Läufer), desto durchgeschüttelter das Kind. Dem Nachwuchs droht ein Schleudertrauma.

Welchen Laufstil pflegen Sie?

thomas_renggli*Thomas Renggli ist Sportjournalist, Ex-Steilpass-Blogger, Marathonläufer (PB: 2:53:41) und Verfasser des Buchs «Lauffieber» (Fona-Verlag).

19 Kommentare zu «Viele Laufstile sind lächerlich und schlecht»

  • Werner Kieser sagt:

    Hominide sind keine Lauftiere – im Unterschied beispielsweise zu Pferden. Der Fuss aller Affenarten – somit auch der Menschen – ist mit seinen 26 beweglichen Knochen ein Greiforgan; anders als das Huf des Pferdes, das aus drei Knorpeln besteht und die Schläge auf die Gelenke beim Laufen abfedert. Dass eine Milliardenindustrie „Jogging“ als gesund anpreist ändert nichts an den physiologischen Tatsachen.

  • Fisch sagt:

    Da gehen Sie mal ins Hallenbad. Was da alles schwimmt – ohne Stil und Hoffnung. Sieht sowas von lächerlich aus und ist total ineffizient. Aber die meisten davon halten sich für gute Schwimmer. Vorwärtskommen ist ja nicht die Hauptsache, gell Frosch.

  • Sandro Piras sagt:

    Enttäuschender Artikel. Vor allen Rundumschläge mit ein paar Sätzen die lustig sein sollten. Wenig Tipps. Schade. Interessant wäre gewesen, da wir alle ein bisschen anders gebaut sind z.B. schon nur die Beine (O-Beine, X-Beine), ob die Lauftechnik anhand des Körperbaus angepasst werden muss.

  • peter sagt:

    Auch wenn Renggli glaubt – dass es den optimalen Laufstil gibt – er liegt falsch. Das beweisen – dutzende von Olympia und WM Medaillen die nie an den Besten mit dem besten Laufstil gingen. Kann man mit dem Watschelgang schnell sein – Ja – fragen Sie Stanley Floyd – der lief damit eine 10.07 auf 100 m. Arme nicht in Laufrichtung bremst erheblich. Kurze Schritte und hohe Kadenz sind besser – vor allem aber den Körper – Schwerpunkt treffen – dann kommt man richtig vorwärts.

  • Dan sagt:

    Herr Rengglis Beobachtungen decken sich sehr mit meinen und darum musste ich doch sehr schmunzeln (bin Volksläufer und mache so 3-4 kleinere Läufe pro Jahr; also völlig ohne Ambitionen).
    Was man da so an Laufstielen so sehen bekommt…. Oft denke ich mir dabei dann vor allem, ob das den Leuten nicht mehr Schaden zufügt als es ihnen gut tut.
    Da wird man von LäuferInnen überholt, die taumelnd, keuchend, sich quälend und mit den unmöglichsten Bein- und Fuss-Stellungen unterwegs sind. Auch Laufen will gelernt sein und fordert ein gewisses Mass an Technik und Disziplin. Vor allem auch zur Schonung der eigenen Gelenke.

  • Hassan Lahned El Latif sagt:

    Dann gibt es noch die MuKi oder Vaki Jogger die mit dem Kind im Kinderwagen oder diejenigen wo sich vom eigenen Hund abschleppen lassen, sofern dieser an einer Leine läuft.

  • Matthias Schärer sagt:

    Einmal mehr macht sich der Herr Renggli über Jogger lustig. Das scheint für Läufer ein wichtiges Abgrenzungsritual zu sein. Auf meiner Jogging-Laufstrecke im Wald und in einer Flusslandschaft begegne ich dem Reversed-Müllwagen-Laufstil der Läufer: alle Paar Meter wieder ein ausgepresstes Gel-Säckli. Hauptsache die Zeit und der Laufstil stimmt.

    • Martin Tanner sagt:

      Bin überzeugter Nichtjogger und betätige mich stattdessen tänzerisch, deshalb: Wozu braucht man beim „Seckle“ ein Gel-Säckli?

      • Hotel Papa sagt:

        Design-Food für den gestressten Metabolismus von Langstreckenläufern.

      • Matthias Schärer sagt:

        Das ist die Kurzform der Ernährung an Wettkämpfen. Wenn sie allerdings ins Trainingsgelände verfrachtet wird, sieht das einfach nur bescheuert aus.

      • Thomas Vetter sagt:

        Naja, diese Gels sind halt einfach zu verdauende Nahrung. Glaube kaum, dass es wirklich wichtig ist fuer gefuehlte 99% der Leute, da diese sowieso nie in den Bereich kommen wo die paar Sekunden noch eine Rolle spielen (man macht es ja aus Spass, oder doch nicht?). Aber eben… das sind halt dann die gleichen Leute, die waehrend dem Laufen Wasser trinken, fast daran ersticken (die 5 Sekunden Zeit sparen warens aber wert!) und die halb leere Flasche dann wegwerfen (weil zu schwer! Macht ja voll langsam!). Oh well. Falsch platzierter Ehrgeiz halt.

    • Marcel sagt:

      Es gibt einen Unterschied zwischen Jogger und Läufer???

      • trix sagt:

        Yep Marcel. Ich musste mich da auch belehren lassen. Der Unterschied ist: der Laeufer ueberquert auch rote Ampeln, waehrend der Jogger stehen bleibt und aufs gruene Maennchen wartet.

    • Cybot sagt:

      Er schreibt doch gar nicht nur gegen Jogger, er kritisiert ja sogar einen Marathon-Weltmeister. Ich würde ja sagen, wenn einer mit einem „schlechten Stil“ Weltmeister wird, dann ist vermutlich einfach die Definition des „guten Stils“ falsch, denn dieser führt ja offensichtlich nicht zu besseren Erfolgen.

  • Stephan sagt:

    Rennen ist eine unwürdige Fortbewegungsart!

  • Marcel sagt:

    wie heissen denn die, die immer so ausschauen, wie wenn sie nächsten vornüber stürzen (oder grosszügig ausgelegt, wie wenn Sie im Fotofinish noch die Nase vorn haben wollen)? Sind üblicherweise dieselben, bei denen die Füsse nach dem Abstoss eher zufällig nach hinten aussen „wegspringen“.

  • martin sagt:

    Nicht so recht gewusst was schreiben? Interessanter als ein paar pauschale Rundumschläge wären Tipps zur Verbesserung der Lauftechnik gewesen, da hätten Sie doch sicher mehr auf Lager gehabt. Vor allem zum „Watschelgang“ gäbe es einige Tipps (nur schon mal sich von einem Kollegen von hinten mit der Kamera filmen zu lassen! Die meisten wissen nämlich gar nicht dass sie so laufen).

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.