Haltung bewahren

Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen.

Cherix, Muskelberg Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann Eine Serie in acht Teilen . 25.11.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas)

Die Furcht vor Haltungsfehlern bei Übungen ist allgegenwärtig.
(Bild: Urs Jaudas)

Man lernt als Mann ja so einiges im ­Leben: das Öffnen von Bierflaschen auf jede erdenkliche Art, die richtige Ausführung von krachenden Handschlägen und: Bauch einziehen. Denn damit lassen sich über viele Jahre unerwünschte Veränderungen in der Körpersilhouette recht gut kaschieren. Wer sein Becken gleichzeitig dazu noch nach vorne schiebt, hat schon fast einen Waschbrettbauch.

Nun musste ich unter den strengen Augen von Coach Sara Steinmann umdenken, eine andere Haltung einnehmen. Das heisst: Brust raus, Schultern zurück, Hüfte nach hinten schieben, die Knie leicht beugen und nach hinten schieben, das Schienbein geht senkrecht zum Boden, Rücken gerade halten. «Hip Hinge» heisst das Ganze. Unter aufrechten Männern ist es auch als berühmt-berüchtigtes Entenfüdli bekannt. Als ich mich zum ersten Mal in der grossen Spiegelwand des My Gym so sah, fühlte ich mich, na ja, in meiner Würde als Mann doch etwas angegangen. Mittlerweile, nach über einem Monat Training, gehört das Entenfüdli aber zu meinem Alltag. Denn nur so lassen sich viele Übungen ohne drohenden Rückenschaden ausführen.

Ängstliche Blicke zum Coach

Haltung ist im Fitnessraum die Basis des Erfolgs. Es kann zu Beginn ziemlich frustrierend sein, wenn die simpelsten Aktionen Anlass zum Meckern geben – so wie bei mir. Hantel aufheben – sofort bekomme ich zu hören: «Achtung, runder Rücken!» Liegestützen: «Achtung runder Rücken und Hallo! . . . mit der ganzen Brust nach unten!» Meine Angst vor Haltungsfehlern ist so ausgeprägt, dass ich mittlerweile selbst beim Griff nach der Wasserflasche ängstlich zum Coach ­rüberblicke.

Der Beweglichste bin ich nicht, wie man an dieser Stelle schon mehrere Male lesen konnte. Meine Interpretation des Brüggli – also auf dem Rücken liegend, Becken nach oben drücken, auf Händen und Füssen abstützend – ist akut einsturzgefährdet. Lange redete ich mir auch ein, dass ich wenigstens zu den Cleveren gehören würde unter den Klimmzugstangen dieser Welt. Aber meine Auffassungsgabe für neue Übungen und meine Reaktionszeit sind höchst medioker. Interessanterweise stören mich meine Defizite im Fitnessraum nicht mehr so stark. Am Anfang dieses Projekts hatte ich mich noch unablässig selbst psychisch runtergemacht.

Ich habe längst begriffen, dass Fitness ganz anders funktioniert als beispielsweise Fussball. Während es auf dem Rasen um die lineare Kausalität von Siegen und Verlieren geht, tastet man sich beim Muskeltraining kontinuierlich Richtung Fortschritt. Besonnen und diszipliniert belastet man da ein Muskelgrüppchen, dehnt dort ein Bändchen. Es ist ein nie endendes Zerren, Drücken und Stossen. Eruptive Gefühlsäusserungen sind da fehl am Platz, Jubelchoreografien völlig verpönt. Ich habe bis jetzt auf jeden Fall noch niemanden gesehen, der nach dem erfolgreichen Stemmen einer 24 Kilogramm schweren Kettlebell mit ausgebreiteten Armen Richtung Ecke gerannt ist und dort Roger-Milla-mässig ein ausgelassenes Siegestänzchen abgehalten hat. Dabei hätte ich das bei meiner jüngsten Session am liebsten getan. «Mit 24 Kilogramm drei Zehnerserien Squats sind wirklich langsam echt gut.»

Ich wollte Coach Sara so sehr glauben. Ich nickte demütig und dachte: ­Irgendwann müssen einfach mal diese Emotionen raus. Falls ich es tatsächlich mal mit 28 Kilogramm schaffen werde, kann ich für nichts mehr garantieren.

Outdoor Cherix* Yann Cherix, Teamleiter «Züritipp», mag jegliche Art von Ballsportarten, Tschutten ist ihm die liebste. Ein Fitnesscenter hat er aber noch nie von innen gesehen. Mit 38 Jahren realisiert er nun, dass er ziemlich ausser Form ist.

8 Kommentare zu «Haltung bewahren»

  • MrT sagt:

    …ja, als sich mit 33 meine ehe verabschiedete, sah ich auch zum ersten mal einen Gym von innen… Das hat sowohl meine Fitness massiv verbessert, als auch zu einer viel interessanteren Beziehung als je zuvor…

  • Udo Läubli sagt:

    Wir hatten einmal einen Chef. Der versuchte auch immer Haltung zu bewahren. Wenigstens äusserlich. Also lief er immer mit hohlem Kreuz durch die Bürogänge. (Wie mit einem Stab im Rücken). Er meinte wohl, das verleihe ihm Autorität. Im Gegenteil, es wirkte eher ‚clownesk‘. Aber dieses Clownhafte versuchte er mit Pedanterie zu kompensieren.

  • Ludovik sagt:

    Tschutten ist auch meine liebste Sportart. Da kann ich in lockerer Haltung an der Seitenlinie herumhängen. Und die Verteidigung anspornen. Sonst hätte ich als Flügelstürmer noch weniger zu tun.

  • trix abdelmejid sagt:

    ..mit grossem Vergnuegen lese ich ihre Beitraege (und bin natuerlich froh, muss ich das alles nicht machen :-)
    Bravo und weiter so!

  • Entenfüdli = Hohles Kreuz?

    • Mascha T sagt:

      Entenfüdli plus Bauchnabel nach innen ziehen ungleich hohles Kreuz (angespannte Bauchmuskulatur = stabilisierter Rücken) ;)

      • Roland K. Moser sagt:

        Er schreibt eben „…Hüfte nach hinten schieben, …“. Deshalb die Frage.

        • Ludovik sagt:

          Hüften rhythmisch von vorne nach hinten, und umgekehrt, schieben – entspannt sicher auch. Sogar Mediziner meinen, das sei eine sehr gesunde Sportart, und wirkt sogar gegenseitig. Ohne Aufenthalt in einem Gym, also praktisch gratis.

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