Lauft gegen den Terror

Sport überwindet kulturelle Unterschiede, Generationsgrenzen und Religionsgräben: Läufer am Paris Marathon 2009. Foto: Josiah Mackenzie (Flickr)

Sport überwindet kulturelle Unterschiede, Generationsgrenzen und Religionsgräben: Läufer am Paris Marathon 2009. Foto: Josiah Mackenzie (Flickr)

Ich bin fassungslos und unglaublich wütend. Deshalb lesen Sie hier keinen Text über Grossfirmen, die sich aus der Verantwortung stehlen, wenn es darum geht, in die Gesundheit der Gesellschaft zu investieren – obschon mich auch dies ärgert. Dieser Ärger erblasst angesichts des Zorns über die Attentate in Paris. Fassungslos vor dem Ausmass an Brutalität, an Menschenverachtung und Herzlosigkeit. Wütend über die Feigheit dieser Menschen, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Sie lechzen nach Heldentum und Ruhm – indem sie schwer bewaffnet nichts ahnende, eingesperrte Menschen regelrecht exekutieren. In wenigen Minuten haben sie mehr als hundert Unschuldige getötet, Hunderte verletzt und das Leben Tausender verändert – mit Feigheit, nichts als Feigheit.

Fassungslosigkeit und Wut. Das verspüren in diesen Tagen nicht nur die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer in Paris. Diese Emotionen haben vor kaum einer Grenze Halt gemacht. Das hat aber nicht nur mit Empathie zu tun. Die Terrorakte am 11. September 2001, am Boston Marathon oder gegen «Charlie Hebdo» sowie die jüngsten Attentate in Paris sind Angriffe auf unsere Grundrechte. Sie treten die Menschenwürde, das Recht auf Leben, auf die Religions- und Medienfreiheit mit Füssen. Die Täter heben Gräben aus zwischen Kulturen, schüren Feindschaft in von grosser Solidarität geprägten Monaten, verhärten Fronten zwischen Nationen und säen Angst.

Sie fragen sich, was dieser Text im Outdoorblog zu suchen hat? Ganz einfach: Diese Grundwerte sind im weiteren Sinne die Basis jeder Sportart. Fussballer aller Nationen kicken frei von politischen Zwängen gegeneinander. Läufer aller Farben zollen sich grossen Respekt, wenn sie sich mit ihren Kontrahenten über 42,195 Kilometer messen. Sport überwindet mühelos und inzwischen mit einer grossen Selbstverständlichkeit kulturelle Unterschiede, Generationsgrenzen und Religionsgräben. An den grossen Marathons dieser Welt habe ich erlebt, wie Menschen verfeindeter Nationen sich gegenseitig Mut machen, nicht aufzugeben, und oft gemeinsam die Ziellinie queren. Nicht selten fallen sie sich dann sogar in die Arme. Auf den Fussballfeldern vieler Länder trainieren Muslime mit Christen und Weisse mit Dunkelhäutigen. Die Fans von Roger Federer, derzeit wohl der berühmteste Schweizer, sind quer über den Erdball verteilt. Fussballstars wie Thierry Henry, Kaká oder Zinédine Zidane geniessen den Respekt ganz Europas und sind Muslime. Einer der erfolgreichsten Leichtathleten ist der Brite Mo Farah, mit vollem Namen Mohamed Farah. Der gebürtige Somalier ist ebenfalls Muslim und sorgt für frenetische Standing Ovations in unzähligen europäischen Stadien.

Sport lernt Kindern gegenseitigen Respekt. Er zeigt ihnen, dass sie ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Glaubens siegen können – auch Seite an Seite mit Andersgläubigen. Ob auf dem Spielfeld, den Fairways eines Golfplatzes oder auf der Laufbahn, sie erfahren, dass Fairness und Achtung keinen Unterschied zwischen Hautfarben ausmachen und keine Glaubenskämpfe kennen. Im Gegensatz zu den Feiglingen von Paris, die mit ungleich langen Spiessen zu Ruhm kommen wollen, kennen Sportler keine Feigheit und gehen damit in die Geschichtsbücher ein. Sie stellen sich grossen Herausforderungen, kämpfen dabei aber gegen ebenbürtige Gegner – und zwar egal auf welchem Leistungsniveau. Denn was würde mein Sieg in einem Halbmarathon bedeuten, wenn meine Gegner zum ersten Mal Laufschuhe trügen? Nichts! Würden sich Mo Farah oder Haile Gebrselassie in die Liste der Sporthelden einreihen, wenn sie sich nur mit meinesgleichen gemessen hätten? Nein! Sie würden als armselig belächelt.

Menschen liessen in Paris ihr Leben – wir können die armseligen Täter nicht belächeln. Wir ballen vor Wut die Fäuste. Unser Zorn darf aber nicht zum Nährboden des Hasses werden. Ein Glück, dass sich eine geballte Faust nicht nur zum Zuschlagen eignet. Sie ist auch das Symbol der Freiheit, der Einigkeit, der Solidarität: Liberté. Égalité. Fraternité.

In diesem Sinne findet eine Woche nach den Attentaten von Paris, am Freitag, den 20. November 2015 um 19 Uhr ein Lauftreff am Flughafen Zürich statt – zum Gedenken an die Opfer und im Kampf für eine respektvolle, menschenwürdige und friedliche Welt.
Mehr Infos über Facebook.

11 Kommentare zu «Lauft gegen den Terror»

  • Ähem sagt:

    Liebe Frau Wertheimer, mit allem Respekt, aber ich glaube, Sie interpretieren viel zu viel in den Sport hinein und haben Erwartungen, an denen der Sport nur scheitern kann.
    Ja, Sport KANN Menschen verbinden – muss aber nicht. Ich erinnere mich dunkel, dass ein Fussballspiel in Südamerika schon einen Krieg ausgelöst hat. Und der alltägliche Irrsinn bei unterklassigen Fussballspielen ist auch nicht zu unterschlagen.
    Ich fürchte, Sie sind da etwas blauäugig. Der Laufentreff gegen den Terror ist wie Stricken gegen die Atombombe. Gut gemeint, aber hilft nix. Denn Sie werden nur Leute erreichen, die sowieso dagegen sind.

    Und übrigens – „Sport LEHRT Kindern gegenseitigen Respekt.“

  • Roland K. Moser sagt:

    „…Ich bin fassungslos und unglaublich wütend…“
    Ich auch! Aber nicht, weil es passiert ist.
    Sondern weil ich immer vor dem Islam gewarnt habe, und deswegen auch immer angegriffen wurde.

  • Anh Toàn sagt:

    Hätten alle Menschen auf dieser Welt einen Porsche, gäbe es keine Terroristen. Wer weiss von einem Terroristen, der Porsche fährt? Das ist, weril Porsches „Sport“-wagen sind.

    Stephan Lichtsteiner, der sich Gedanken macht, ob bei so vielen Secondos in der Fussballnati, die Schweizer sich noch mit dieser identifizieren können, ist halt kein Sportler.

  • maia sagt:

    Das ist jetzt aber schon eine sehr verklärte Sicht von Sport – oder?
    Haben Sie wirklich noch nie von Doping, Korruption, Gewalt, Rassismus, Sexismus im Sport gehört? Es gibt ja wohl auch Gründe, warum sich Mo Farah eben nicht mehr Mohamed nennt.

    • maia sagt:

      Nicht etwa dass ich falsch verstanden werden: Ich meine, vielleicht hat Mo Farah auch Angst vor Ausgrenzung, Beschimpfung usw. usf.

  • Anh Toàn sagt:

    „Ich bin fassungslos und unglaublich wütend. “

    Meine Frau sagt, ist man wütend, sagt man besser nichts.

  • Anh Toàn sagt:

    Ist ein Selbstmordattentäter „feige“?

    Man soll Terror verurteilen, ich bin nur der Meinung, dass der Unterschied zwischen „Helden“ und „Feiglingen“ der persönliche Standpunkt ist. Wilhelm Tell ist ein Schweizer Held, für die Habsburger war er wohl ein „Feigling“.

    Ich würde gut finden, wenn es keine Helden und keine Heiligen mehr gäbe. Wir alle gleich heldenhaft und feige, gleich heilig und sündig, wären. Dann gäbe es keinen Ruhm und kein Paradies für Selbstmordattentäter.

    Ich verurteile Heldentum in aller Schärfe. Helden sind Egoisten, die rücksichtlos über Andere hinweggehen, für ihren Ruhm, ihre Unsterblichkeit, Ihren Platz in der Geschichte.

  • Anh Toàn sagt:

    Wie weit muss ein Mensch rennen, wie hoch muss er springen, damit er ein Sportler genannt werden kann? – Bob Dylan hätte gesagt, die Antwort kenne nur der Wind.

  • Anh Toàn sagt:

    „Sport lernt Kindern gegenseitigen Respekt. Er zeigt ihnen, dass sie ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Glaubens siegen können “

    Also den Anderen besiegen zu wollen ist Respekt?!?

    Ich habe gemeint, Respekt sei, den Anderen als Gleichwertig zu betrachten, früher verstand man darunter den Oberen ihren höheren Wert zu bezeugen, man musste die Eltern, den Chef, den Offizier respektieren.

    Sport im Sinne von Wettkampf lernt das Gegeneinander, nicht das Miteinander, sei es als Einzelner gegen Einzelne, sei es als Mannschaft gegen andere Mannschaften. Wer schneller ist, höher springt, weiter rennt, ist besser. Der CH-Verteidigungsminister war der CH Sportminister.

    • Anh Toàn sagt:

      „Sportler kennen keine Feigheit“

      Also Sportler sind bessere Menschen. Wann ist ein Mensch ein Sportler? Wie weit muss er laufen, wie hoch springen? Ist er ein Sportler wenn er gut ist, und kein Sportler, wenn er böse ist?

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