Verborgene Baumwelten

Faszination Wald: In «Herr der Ringe» werden die Bäume um Hilfe gebeten - und erhört. (Warner Bros)

Faszination Wald: In «Herr der Ringe» werden die Bäume um Hilfe gebeten – und erhört. (Warner Bros)

Als Kind war ich sicher, dass ich nie Joggerin werde. Nie! Damals in den 70er-Jahren kam der Laufsport in Mode, und einmal schaute ich heimlich die Sendung Aktenzeichen XY. Da joggte eine Frau im Wald, wurde von einem Unhold ins Gebüsch gezogen, vergewaltigt und am Ende getötet. Ich war schockiert. Aber der Wald wirkte weiterhin magnetisch auf mich, viele Nachmittage gingen wir dort auf Entdeckungsreise.

Dann kamen die 80er-Jahre und es hiess, der Wald sterbe. Borkenkäfer und saurer Regen gehörten zu den nationalen Themen. Ebenso der wirtschaftsorientierte Raubbau. Darauf folgte die Forderung nach einer nachhaltigen Förderung dieses bäumigen Ökosystems, am liebsten in Form von wildem Wucherwuchs.

Inzwischen bin ich gleichwohl Joggerin geworden – und der Wald lebt noch. In den Naherholungszonen sieht er gar so gesund und aufgeräumt aus, als würden die Förster regelmässig mit dem Staubsauger durchputzen. Spaziergänger, Hündeler, Walker, Jogger. Jeder findet Erholung zwischen Erlen, Eichen und Tannen. An Borkenkäfer denkt kaum noch einer, wenn er im Wald joggt. Eher an Zecken.

Nun aber hat in meiner langjährigen Liebesbeziehung mit dem Wald eine neue Phase angefangen. Er ist für mich nicht mehr, was er bisher war. Ich sehe in ihm nicht mehr nur Bäume, die dastehen, weil sie nichts anderes können, als dastehen. Ich habe «Das geheime Leben der Bäume» entdeckt, ein Buch des Försters Peter Wohlleben*. Er öffnete mir die Augen für die «verborgene Welt des Waldes» und konnte mir, einer bekennenden Nicht-Esoterikerin, glaubhaft machen, dass Bäume fühlen und gar miteinander kommunizieren.

Jogge ich nun an einer Buche vorbei, weiss ich, dass diese ein Familienleben mit ihren Jungen führt. «Mit Erziehungsmethoden, die rabiater sind als in einer Kita», wie Wohlleben dem «Stern» sagte. Die Buchen-Eltern lassen ihren Nachwuchs im Halbschatten ihrer Kronen spriessen, damit diese nicht übermütig werden und zu schnell wachsen. Denn wer gross und stark werden will, braucht einen dicken Stamm und den bekommen Buchen durch besonders langsames Wachstum.

Natürlich gibt es auch unter Buchen-Kindern unartige oder verspielte. Statt geduldig gegen den Himmel zu wachsen, kriechen sie entdeckungsfreudig über den Waldboden, während die Geschwister mit geradem Stamm grösser werden und ihnen das Licht nehmen – und damit die Nahrung. Der Frechdachs hat jetzt keine Chance mehr. Er verhungert und stirbt.

Buchen pflegen ein strenges, aber auch fürsorgliches Sozialleben. Wird etwa eine Eltern-Buche gefällt, versorgen die Kinder den Baumstumpf weiterhin mit Nährstoffen, manchmal mehrere hundert Jahre lang. Ihre Wurzeln sind miteinander verwachsen. Ist der Borkenkäfer, oder ein anderer Schädling im Anmarsch, warnen sich manche Baumarten über Geruchsbotschaften. Oder sie geben sich durch den Waldboden Bescheid. Dieser ist voller Pilzfäden, die von den Bäumen wie eine Internetleitung genutzt werden, um Informationen zu verbreiten und zu empfangen. Wohlleben nennt es, das «Wood Wide Web».

Buchtipp:
Outdoor Bäume*Peter Wohlleben, «Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt» (Ludwig, 2015)

8 Kommentare zu «Verborgene Baumwelten»

  • Cornelia sagt:

    Zu diesem Thema kann ich nur den Film „Das Geheimnis der Bäume“ von Luc Jacquet empfehlen! Sehr sehenswert..!

  • Wenn Sie auch die spirituellen Aspekte der Natur und speziell der Bäume erkunden wollen, lohnt sich ein Blick auf das Druidentum, Stichwort: OBOD

  • Danke für den Artikel!!!
    Jetzt gehen die Bäume gleich pfuusen, werfen die Blätter ab und kuscheln sich im Wurzelstock ein….
    Die könnten uns echt was beibringen….
    Wie? – Kinderleicht! Hab ich in meinem Buch „Sprechen mit Bäumen“ beschrieben. Gibts in jeder Buchhandlung.
    (Aber dass mir dann bloss nicht der Sekten-Hugo auf den Druidensack geht :-)))

    Liebe Grüsse
    Ben (Der Typ vom SHV, der dir den Flug beim Besch vermittelt hat)

  • Christoph Bögli sagt:

    Leider sind die meisten Wälder viel zu aufgeräumt, letztlich weil diese längst nur noch Kultur- oder Nutzland darstellen. Mit richtigen Wäldern hat das was man in der Schweiz so sieht meist wenig bis nichts gemein. Die typische besenreine Monokultur ist darum ein eher deprimierender Anblick. Richtige Buchenurwälder etwa kann man hingegen in ganz Europa an einer Hand abzählen – und sind damit so selten, dass diese paradoxerweise oft sogar als „unnatürliche“ Wälder betrachtet werden, weil diese so wenig mit dem normalen Waldbild zu tun haben und dort sogar der Borkenkäfer noch seine Rolle spielen darf..

    • Dieter Neth sagt:

      Das mag bei Ihnen drüben in Zürich (?) so sein, aber ist beileibe nicht Standard. Genutzt wird der Wald auch hier bei uns am Ostende des Kettenjuras im Solothurner Niederamt, aber ausserhalb der Waldsträsschen wird es seeehr schnell seeeehr mühsam mit Durchkommen. Manchmal scheint es als ob mehr Bäume am Boden liegen als stehen, Brombeeren überall und dann der Jungwuchs! Von den Felsen gar nicht zu reden. Aber im Jura gibt es ja nur Hügel! Einen Buchenurwald haben wir zwar keinen, aber die zahllosen uralten Eiben, die Stechpalmen, Sommer und Winterlinden Eichen und Kiefern und eingestreuten Eschen nebst den überhandnehmenden Akazien wirken ziemlich urig, man muss sich halt mal von den breiten Wander-und Joggingautobahnen runterwagen. Das gilt generell beim Reisen. Runter von Autobahn und Hauptstrassen sowie Bahnlinien und staunt, wenn sich der Dichtestress in Nichts auflöst. Auch hier in der Schweiz!

      • Christoph Bögli sagt:

        Natürlich gibt es das noch – bloss ist es halt eine verschwindend geringer Teil der gesamten Waldfläche. Und manches mag für den Laien auch irreführend sein, ein paar wuchendernde Brombeeren machen noch lange keinen naturbelassenen (Ur-)Wald..

  • Zora sagt:

    Weiterer Buchtipp:
    Clemens G. Arvay; Der Biophilia Effekt. Heilung aus dem Wald. edition a, 2015

  • Roland k. Moser sagt:

    Wenn Sie mit den Bäumen richtig kommunizieren wollen, müssen Sie nicht durch den Wald joggen, sondern sich im Wald mal hinlegen.

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