Die Show am Everest beginnt wieder

Drama für Hollywood: Der Film «Everest» kommt Mitte September in die Schweizer Kinos. Jake Gyllenhaal spielt eine Hauptrolle. (everestfilm.ch)

Top of the Pops: «Everest» kommt Mitte September in die Schweizer Kinos. Jake Gyllenhaal spielt eine Hauptrolle. (everestfilm.ch)

Mein Name ist Everest. Mount Everest. Mit 8848 Metern bin ich die höchste Erhebung der Erde. Mutter des Universums, Berg der Berge, Top of the Pops, King of the Hill, Vater unser im Himmel, Crème de la Crème, Bœuf Stroganoff, der fünfte Beatle – ja, so nannte mich das Fachmagazin «Spiegel» einst. I like!

Mit meiner Berühmtheit kann höchstens das Matterhorn mithalten. Aber im Vergleich zu mir ist das «Horu» ein Gipfel für den armen Mann. In der neuen Hörnlihütte kostet eine Übernachtung im Lager lediglich 150 Franken. Pro Person. Nicht pro Stunde! Wieso sich einige enervieren, das sei zu teuer, kann ich nicht nachvollziehen.

Aber zurück zu mir, dem Dach der Welt, dem Gipfel der Rekorde. Aus der Zeitung habe ich erfahren, dass mich diesen Herbst nur fünf Expeditionen besuchen. Immerhin. Denn nach dem Erdbeben vergangenen Frühling, dem 9000 Menschen zum Opfer fielen und bei dem Zehntausende ihr Hab und Gut verloren, ist das nicht selbstverständlich. Auf einen dieser wenigen Besucher freue ich mich besonders: Nobukazu Kuriki (33) aus Japan. Er will der Erste sein, der nach dem Erdbeben auf mich steigt. Was für eine geniale Idee. Nach dem Erdbeben der Erste auf dem Everest! Klingt doch super, oder?

Unter uns: Kurikis Vorhaben ist eine Werbeaktion. Für ihn selber und für Nepal. Die Meldung ging um die Welt. Kurikis Expedition sei eine positive Botschaft an alle, die unsicher seien, ob eine Reise in die Region sicher sei, liess der Tourismusminister an einer Medienkonferenz in Kathmandu verlauten.

Schon viermal versuchte Kuriki, auf mich, den teuersten aller Sehnsuchtsberge, zu klettern. Letztmals 2012. Damals irrte er ganz allein und ohne Flaschensauerstoff auf meinem Westgrat umher und versuchte eine Route, die erst fünf Menschen geschafft haben, aber auf der schon neun gestorben sind.

Sieben Tage befand sich Kuriki auf über 7000 Meter Höhe. Er kämpfte gegen mich, die Witterung und gegen sein Ableben. Auf 8000 Metern wurde ihm die Luft zu dünn und der Wind zu kalt. All seine Finger waren schwarz gefärbt von den Erfrierungen, ebenso seine Nase. Er konnte in letzter Minute gerettet werden.

Nobukazu Kuriki zeigt Erfrierungen an Fingern und Nase nach seinem Everest-Versuch 2012: Bis auf einen Daumen hat er alle Daumen verloren. Jetzt will er einen neuen Versuch am Everest starten.

Kein Hollywood-Film, sondern Real-Drama im Unterhaltungsstil: Nobukazu Kuriki zeigt Erfrierungen an Fingern und Nase nach seinem Everest-Versuch 2012 (der Outdoorblog berichtete). Bis auf einen Daumen hat der Japaner alle Finger verloren. Jetzt will er einen neuen Versuch am Everest starten.

Speziell war zudem, dass Kuriki aus der Todeszone ständig Fotos und Videos in Realzeit verbreitete – via Twitter (120’000 Follower) und Facebook (130’000 Fans, mehr als Ueli Steck). Wenn der Japaner schrieb: «Meine Finger frieren ab», erhielt er umgehend 10’000 Likes und Tausende Kommentierende drückten ihm die Daumen. Als er später mitteilte, die Finger seien nicht mehr zu retten und sie müssten amputiert werden, erhielt er wieder 10’000 Likes und Tausende Kommentierende drückten ihm die Daumen.

Jetzt hat Kuriki nur noch einen Daumen, den anderen und acht Finger opferte er an seine ersehnte Berühmtheit. Er hält Vorträge, verdient damit gutes Geld und gibt nun selbstlos von seinem Ruhm zurück – als Testimonial für Nepal. Mich stört es nicht. Ich bin der Everest. Der Stoff, aus dem die wildesten Träume sind. Das Voulez-vous-coucher-avec-moi der Alpinisten, die Love Machine, der Beste, den es zu haben gibt.

Was ist Ihre Meinung?

Der Berg aller Berge im Kino: Trailer zu «Everest». Quelle: Youtube/Universal

17 Kommentare zu «Die Show am Everest beginnt wieder»

  • hallo mitenand

    das ist legitim kuriki kann den everest so oft er will den everest versuchen. die möchte gerne alpinisten, die dort nicht hingehören die ärgern mich. das ist einfach kein respekt, erfurcht und achtung vor dem berg. man hat ja auch eine verantwortung gegenüber sich selbst, den angehörigen und den eventuellen rettern zu tragen.

    die zeit der sauberen everest besteigungen der 1970er und 1980er ist vorbei. d.h. die besteigungen von Reinhold messner, Peter Habeler, erhard loretan und jean troillet ist vorbei. der everest ist zum konsumberg geworden, wer zahlt darf rauf, und wird mitgenommen. ( es gibt natürlich auch seriöse anbieter, die nicht jeden mitnehmen)

    ich hoffe, das die sherpas für die möchte gerne alpinisten, nicht ihr leben risikieren müssen.

    gruss von
    raphael wellig

  • Anna sagt:

    Die Faszination der Berge kann grenzenlos sein. Wer das erlebt hat weiss, wovon ich spreche. Dabei sich selber nicht über- und den Berg nicht unterschätzen: das ist die Kunst. Niemand kann ein Berg bezwingen. Er war vor uns da und wird nach uns da sein. Ich behandle die Berge mit Respekt und bin ihnen dankbar, dass sie mich bisher immer gedulded und nie abgeschüttelt haben.

  • Joachim Adamek sagt:

    Manche Leute reisen -zig Mal um die Welt, bis sie begreifen, dass sie nur sich selbst gesucht haben. Ich gönne jedem sein Everest Abenteuer, so lange er sich einigermassen manierlich benimmt, dem Berg und den Leuten vor Ort Achtung entgegenbringt. Der Everest hat schon viele Alpinisten vom Schlage eines Kuriki gesehen. Wohl aus Mitleid hat er ihn überleben lassen. Denn den Japaner gleicht einem Vogel, der sich im Flug verirrt hat.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    das verhalten von kuriki ist interessant. anerkennung möchten zwar die meisten, die frage ist aber, wie weit man geht um sie zu kriegen. in seinem falle finde ich, sehr weit. aus folgenden gründen. er nahm, schon rein statistisch gesehen, ein zu hohes risiko in kauf. der verlust seiner finger scheint ihn nicht wirklich zu stören. er scheint die gabe zu haben, nicht zu hinterfragen, und oder sich selbst zu bemitleiden. was irgendwie schon beinahe ein segen darstellt, weil es den horizont nicht einschränkt. auch scheint es, der bezahlte preis stelle kein handycap – sondern sogar eine chance dar. (und keine alternative aus verzweiflung).
    aus meiner sicht muss man hierfür entweder sau-dämlich oder hoch-intelligent sein.

  • Markus sagt:

    Viel mehr als die Touristen am Everest nerven mich die Möchtegern Alpinisten(nicht die Profis), die glauben sie müssten definieren was gutes bzw. ethisches Bergsteigen ist und was nicht. Man darf nicht vergessen das die 8000er Touristen für eine der ärmsten Gegenden der Welt extrem wichtig ist, deshalb finde ich es gut das viele Leute dorthin gehen und auch viel Geld liegen lassen wo immerhin etwas der Bevölkerung zukommt. Ich muss ja nicht dorthin ….

  • Alan Miller sagt:

    Grossartig.
    Du wirst immer besser.
    Ich drück‘ Dir die Daumen.
    Und: Im Leben ist eben fast alles eine Frage der Perspektive.

    • Dorli Knüsli sagt:

      Herr Miller, Sie sprechen mir aus dem Herzen! Im Gegensatz zu manchen pseudo-lustigen oder staubtrockenen Gastbloggern haben die Artikel von Frau Knecht auch bei ernsten Themen immer einen hohen Unterhaltungswert. Zudem sind sie ausnahmslos gut recherchiert. Möge uns Frau Knecht noch lange erhalten bleiben.

  • Marc Schinzel sagt:

    Einfach saugut, dieser Blogbeitrag. Toller Inhalt, toll geschrieben. Die Profilierungssucht gewisser Leute ist grenzenlos, die Dummheitsskala nach unten offen. Dächte ich nicht dezidiert liberal, wäre ich versucht, eine Volksinitiative zu lancieren, um die Bundesverfassung mit folgendem Satz zu ergänzen: “Die Würde der Berge ist unantastbar“.

  • Urs Kym sagt:

    Everest ist mein Künstlername. Eigentlich heisse ich Tschomolungma (Vorname) Sagarmatha (Familienname).

  • P. Gerber sagt:

    Oh, ich freue mich auf Euch, ich kann noch ganz viel Pipi ertragen. Das friert auch gleich ein und gibt einen schönen Überzug. Und wenns zwischendurch etwas Eiweisshaltiges gibt, um so besser.

  • Hausfrau sagt:

    Treffer, versenkt… der Artikel hat mir doch am frühen Morgen ein böses Lächeln ins Gesicht gezaubert.
    Kann man ohne Finger nur mit Daumen wirklich noch klettern gehen?

    • Marcel sagt:

      Klettern schon, aber nicht mehr twittern ;-)

      • Thomas Vetter sagt:

        Wenn man den Beschreibungen vom Aufstieg auf den Normalrouten glaubt, haelt sich das Klettern stark in Grenzen, wenn man die Fixseile benuetzt.

        • Vincenzo Parilla sagt:

          Für den Aufstieg an den Fixseilen braucht man üblicherweise einen Jumar, wie er das Teil ohne Finger bedienen will ist mir schleierhaft…

      • Beat sagt:

        Ich glaube, es gibt schon länger eine Spracheingabe, die auch direkt in ein e-mail eingebunden werden kann. Da kann er während des Hochkraxeln direkt ins Mobile sprechen. Ob der Filter das Keuchen auch in Realzeit übersetzt weiss ich allerdings nicht. Vielleicht kann einer der 120’000 Twitter-Follower etwas dazu sagen.

      • Christoph Bögli sagt:

        Schön wärs, aber für die Fälle gibts leider diese unsäglichen Spracheingaben..

      • Cybot sagt:

        Zum Tippen auf dem Handy reicht ein Daumen doch völlig. Wenn er es nicht mehr festhalten kann, muss er es halt ankleben, das ist doch wirklich das kleinste Problem.

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