Alle Jogger an Deck!


Laufen bedeutet absolute Freiheit. Einerseits im Sinne von Selbstbestimmung: Ich wähle den Weg, gebe das Tempo vor, die Dauer, ich bestimme die Tageszeit, die Umgebung sowie die Gesellschaft – sofern ich eine wünsche, und ich entscheide, ob ich die Schuhe bei Regen, Wind oder Hitze schnüre. Andererseits schüttle ich mit jedem Schritt den Alltagsstress, den Herzschmerz und die Konflikte ab. Zurück bleibt Raum, Platz für innerliches Sändeln. Kaum sonst im Leben habe ich die Musse, meine Gedanken durch die Finger rinnen zu lassen – sie aufzugreifen oder einfach zu verwerfen. Dieses Gefühl von Freiheit ist existenziell – für mich jedenfalls. Es macht mich umweltverträglich.

Die Vorstellung einer Reise auf einem Kreuzfahrtschiff ist für mich deshalb beängstigend – egal wie gross der Kahn ist. Ich sah mich bereits an Seetagen gleich einem wilden Tier in Gefangenschaft hin und her tigern, fauchend den Trip meiner Mitreisenden vermiesend. Bevor das Schiff ablegte, schloss ich mit mir selbst einen Kompromiss: Das Laufband im Fitnessraum musste als Ventil reichen – kombiniert mit einem Hörbuch und der Aussicht auf den Ozean, erschien mir die Lösung ganz passabel.

Blick auf ein ungewöhnliches Trainingsgelände: Die MS Westerdam. Foto: Barek (Wikimedia)

Blick auf ein ungewöhnliches Trainingsgelände: Die MS Westerdam. Foto: Barek (Wikimedia)

Doch alles kam anders: Ich entdeckte auf der Westerdam, einem mittelgrossen Kreuzfahrtschiff, die absolute Freiheit in Gefangenschaft! Der erste Morgen auf See brach an. Jetlag geplagt und mässig motiviert, schwang ich mich bei Tagesanbruch aus dem Bett. Das Laufband wartete. Auf dem Weg hoch aufs Sportdeck war es das goldene Licht des Sonnenaufgangs, das mich innehalten liess. Es graute mir davor, den Tag eingesperrt und klimaanlagegekühlt zu beginnen.

Ich entschied mich für das kleinere Übel: kleine Runden auf dem obersten Deck, bei pustendem Wind – dort, wo sich um diese Zeit keine Menschenseele herumtrieb. Die Sonne machte aus Wasser Gold, der Wind zerzauste mein Haar, die Meeresluft roch nach Freiheit, in der Ferne die Küste Alaskas. Wie ein Hamster im Rad drehte ich wohl meine Runden, physisch gefangen auf diesem schwimmenden Koloss. Mitten im Pazifik schenkte diese Weite meinem Geist aber absolute Freiheit.

Fünf Tipps fürs Kreuzfahrtlaufen:

  1. Nutzen Sie den allfälligen Jetlag. Ihnen gehört bei den frühmorgendlichen Runden das Schiff bei Sonnenaufgang.
  2. Nutzen Sie den Wind auf See. Egal woher er weht, laufen Sie auf einer Runde mal mit mal gegen ihn. Versuchen Sie das Tempo zu halten, Sie absolvieren dadurch automatisch ein gesundes Intervall.
  3. Sie trainieren gleichzeitig Körperspannung und Rumpfstabilität, denn egal woher der Wind weht, kämpfen Sie mit jeder Faser dagegen an oder Sie müssen dafür sorgen, dass der Seiten- oder Rückenwind Sie nicht von Deck fegt.
  4. Zeichnen Sie auf hoher See Ihr Training per GPS auf. «Ihr» Tempo wird Ihre Freunde beeindrucken. Die nötige Rechnung, um ihre tatsächliche Geschwindigkeit zu eruieren, fordert Ihre schiffsfaulen Hirnwindungen wohltuend.
  5. Ein Kreuzfahrtschiff ist ein schwimmendes Schlaraffenland. Laufen Sie Ihre Reserven leer, damit Sie ungehemmt reinhauen können.

5 Kommentare zu «Alle Jogger an Deck!»

  • Bea sagt:

    Genau das mache ich mitlerweilen 2x jährlich.
    Ferien machen auf einem Kreuzfahrtschiff mit täglichem Training auf dem Schiff.
    Runden laufen am Morgen wenn alle anderen noch schlafen und Nachmittags nach dem Ausflug
    ab ins Fitnessstudio. GPS funktioniert nicht wirklich, benötige jeweils nus 2 Minuten für einen km,
    stelle somit täglich neue Rekorde auf :-). Solche Ferien sind einfach nur toll und weiter zu empfehlen.

  • Rosche sagt:

    Gibt sogar Eliteläufer, die nur so trainieren können :) Man google z.B. nach Zach Miller.

  • Thomas Schneider sagt:

    Das gab’s schon auf unserer Karibik-Kreuzfahrt vor 20 Jahren und hiess „Walk a mile with a smile“. Im Rahmen verschiedener Fitness-Aktivitäten konnten Punkte gesammelt werden, die dann gegen T-Shirts und ähnliche Artikel eingetauscht werden konnten.

  • Tim Weser sagt:

    In der Tat versuche ich mir gerade einen entsprechenden GPS-Track vorzustellen. Sähe sicher lustig aus, so seltsame, verschobene Linien mitten auf dem Meer.

  • Reisender sagt:

    Auf meiner einmonatigen Reise mit dem Frachtschiff nach Südamerika gehörte dies zum Tagesablauf. Richtung Bug gegen den Wind, zurück mit dem Wind, rundum das blaue unendliche Meer, ein herrliches Gefühl. Wenn ich mich richtig erinnere dauerte eine volle Runde über Steuer- und Backbord über eine Minute. Zu anderer Tageszeit bei nicht optimaler Frischluft die Treppe hinauf über 12 Decks, schön anstrengend. Ein Monat auf einem Frachter mit 11 Mitreisenden und kein Internet etc, nur E-Mail ohne Anhang, ist ein spezielles Erlebnis.

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