Die Violettwanderung

Diese Woche vom Flumserberg ins Weisstannental (SG)

Einer der besten Anfänge für Wanderer in diesem Land geht so: von Unterterzen am Walensee mit der ersten Gondel auf die Tannenbodenalp auffahren und mit der zweiten auf den Maschgenkamm fortsetzen und dort nach vorn an die Terrassenkante treten und gegen Süden schauen. Die Sicht ist umwerfend: der weite Kessel von Fursch mit Sumpfboden in allen Tönen von Dunkelgelb bis Hellgrün und darüber all die Berge mit dem Kegel des Spitzmeilen. Er kommt einem vor wie der König eines verwunschenen Landes in Violett – davon gleich mehr.

Im Rücken hat der Wanderer gleich noch einmal ein Panorama, dasjenige der Churfirsten und ihrer Fortsetzung bis zum Gonzen über Sargans.

Der Kubus im Märchenland

Der Beginn ist nun leicht. Es gilt den Kessel von Fursch vom Maschgenkamm auf einem angenehmen Weg via die Zigerfurgglen zu umrunden, wobei sich das auf und ab in Grenzen hält. Nach zwei Stunden erreicht man die Spitzmeilenhütte, einen Kubus aus noch neuem Holz, der wirklich etwas ganz und gar Märchenhaftes hat: Rund um die Hütte ist der Verrucanofels violett. Auch das hüttennahe Bächlein zieht sich violett durchs Gelände.

In der Spitzmeilenhütte – oder bei warmem Wetter vor ihr – ist gut essen und trinken. Danach geht es aufwärts in Richtung Schönbüelfurggel, das Gelände wird karg, zur Rechten hat man den Spitzmeilen; oft sieht man aus der Nähe Kletterer, die sich den Kalkturm hinaufarbeiten. Der Wanderer hat es mehr mit der Horizontalen als mit der Vertikalen, er zieht weiter vorwärts durch das Gelände, bis endlich der höchste Punkt des Tages erreicht ist, die Fansfurggla auf 2275 Metern.

Fertig ist hier gar nichts, vielmehr fängt die Anstrengung erst an; dies ist eine Wanderung des endlosen Absteigens. Ruppig sind die Pfade hinab zum Chammhüttli und noch weiter hinab zum Obersiezsäss in seinem Felsrund. Stöcke angeraten. Übrigens: Wer viel wandert, ist vielleicht schon auf Obersiez vorbeigekommen, unterwegs von Weisstannen zum Risetenpass und hinüber ins Glarnerland.

Aber das ist eine andere tagfüllende Unternehmung. Diejenige, um die es in dieser Kolumne geht, besänftigt sich nach Obersiez. Das folgende Stück hinab zur grossen Sennerei auf Vorsiez, auch Alp Siez genannt, spielt sich auf einem Strässchen ab. Wie oft, wenn man viel abruptes Gelände durchzogen hat, freut man sich fast ein wenig über den glatten Hartbelag.

Ostschweizer Zuckerhütchen

Dann Vorsiez. Meist ist hier viel Volk, manche Leute sind mit dem Auto gekommen, man kann einkehren und Käse kaufen. Danach dauert es immer noch eine saftige Stunde bis Weisstannen. Wer nicht mehr wandern mag, für den gibt es zwei Optionen. Erstens: Er ist an einem Sonntag unterwegs und kann die Schlussstrecke per Postauto absolvieren. Zweitens: Es ist nicht Sonntag, dann bleibt nur Autostopp. Aber Laufen ist viel schöner, und das Sprudeln der jungen Seez erfrischt. Riesig die Freude, wenn schliesslich das Dörfchen Weisstannen auftaucht.

Ein Schlussbier in der Gemse, dazu eventuell eine Forelle aus dem Restaurant-eigenen Weiher, so mag diese Wanderung enden. Immer wieder wird man in den nächsten Tagen und Wochen zurückdenken an das Violett um die Spitzmeilenhütte, das anmutet, als habe einer tonnenweise Farbe ausgegossen. Und ebenso stark als Bild im Gemüt eingebrannt der Spitzmeilen, unser Ostschweizer Zuckerhütchen.

++
Route: Maschgenkamm (Gondelbahn ab Unterterzen SBB mit Umsteigen auf der Tannenbodenalp) – Zigerfurgglen – Spitzmeilenhütte – Schönbüelfurggel – Fansfurggla – Chammhüttli – Obersiezsäss – Vorsiez (Alp Siez) – Weisstannen.

Wanderzeit: 7 Stunden.

Höhendifferenz: 590 Meter auf-, 1625 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt und 247 T Sardona, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Weisstannen mit dem Postauto zum Bahnhof Sargans.

Kürzer: Eine gute Stunde weniger braucht man, wenn man für die Strecke Vorsiez–Weisstannen das Postauto nimmt. Es fährt aber nur an Sonntagen.

Charakter: Von A bis Z wunderschön. Sehr anstrengend mit steilem Abstieg von der Fansfurggla bis Obersiez. Hernach Hartbelag bis Vorsiez.

Höhepunkte: Der Rundblick vom Maschgenkamm. Der Kegel des Spitzmeilen aus immer neuen Winkeln. Die Einkehr in der Spitzmeilenhütte. Die genial mit einem Weg versehene Passage von der Fansfurggla nach Obersiez. Die Ankunft in Weisstannen.

Kinder: Weit.

Hund: Weit.

Einkehr: Maschgenkamm. Spitzmeilenhütte, derzeit durchgehend offen. Vorsiez (Alp Siez), derzeit durchgehend offen. Weisstannen, Gemse, Di Ruhetag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

++

1 Kommentar zu «Die Violettwanderung»

  • hago sagt:

    Mir fehlt die Erwähnung, dass man sich im Unesco Weltkulturerbe befindet und (wie z.B. auf Bilder 3 und 7) wunderbar die Glarner Alpenüberschiebung sieht. Statt ab Fansfurggla Richtung Siez hinunterzustechen und von dort der Strasse nach wandern, bietet sich eine ebenfalls schöne Alternative, auf der Höhe weiter Richtung Alp Laui und Alp Calans und erst dort ins Tal nach Weisstannen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.