Swing when you’re running

Robbie Williams, Diana Krall oder Frank Sinatra machen und machten Musik zum Davonlaufen, und zwar im besten Sinn.
Von Ohrwürmern begleitet, läuft es sich besser aus dem Grau. Foto:  Sascha Kohlmann (Flickr)

Von Ohrwürmern begleitet, läuft es sich besser aus dem Grau. Foto: Sascha Kohlmann (Flickr)

Auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt, eine übergrosse Tasse Gewürztee, ein fesselndes Buch. Sonntagsmusik. Vor Stunden wollte ich die Laufschuhe schnüren. Wollte und tat es nicht. Ich weiss nicht, weshalb die Sonne nicht scheint – «stormy weather».

Die übers Flachland geschwappte Nebelsuppe war nicht genug. Es ist nass-kalt. Das Grau hat sich regelrecht in meinen Knochen festgesetzt. Widerlich. Ich kann mich nicht aufraffen. Die rotgoldenen Herbstblätter wehen am Fenster vorbei.

Ihr Schauspiel macht dem Thriller in meiner Hand Konkurrenz. Die Windböen flirten mit dem Laub. Erst zickig, dann widerstandslos lassen sich die Blätter auf das regennasse Gras fallen. Entspannung pur – relaxez-vous!

Der Sturm fegt weiter, holt die nächsten Blätter von den Ästen. Lässt sie tanzen, wirbeln, swingen – «hey there cutes, put on your dancing shoes and come dance with me!»

Das Spektakel wirkt ansteckend – erst verhalten, dann ungehalten wippen meine Füsse im Takt – «hey there cute, put on your running shoes». Der Rhythmus swingt mich aus der Lethargie, setzt sich gegen die Kälte durch. Das ist meine Chance, jetzt oder nie! Die Musik gibt mir Schützenhilfe und würde mich auf diesen Lauf begleiten. Ich greif zur Jacke, nehme meine Mütze, lasse das Grau an der Türschwelle zurück und mache mich auf.

Zugegeben, die Sonnenseite der Strasse gibt es an diesem Tag nicht wirklich. Na und? Der Rhythmus hat mich im Griff, lässt meine Füsse durch die verlassenen Strassen tanzen. Und alleine bin ich ohnehin nicht – denn egal, was dieser Tag noch bereithalten würde, mein vierbeiniger Begleiter folgt mir wie mein Schatten.

Mit jedem Takt verliert das durchdringende Nass an Einfluss auf mein Gemüt. Die schmetternden Trompeten der Musik aus jener Zeit, als sich die Welt in einer Aufbrucheuphorie befand und alles möglich erschien, lassen mich das Trübsalblasen vergessen. Das Herz voller Songs ist selbst der Mond in Reichweite.

So weit ist es zum nahegelegenen Gehölz glücklicherweise doch nicht. Die halbleeren Baumkronen geben ein tristes Bild ab, Nebelschwaden hängen zwischen den Stämmen, der Duft des nassen Laubs in der Luft. Ein sichtlich angewiderter Spaziergänger mit hochgeschlagenem Kragen und tiefliegendem Schirm stampft uns entgegen. Der Swing prägt den Laufstil, macht uns zum Dschungel-VIP und andere offenbar neidisch: Der Blick des Spaziergängers verrät Skepsis und Bewunderung ob der fabelhaften Laune bei diesem Hundewetter – ich wäre gern wie du.

Ich summe die Ohrwürmer der Entertainer des vergangenen Jahrhunderts, nehme Geschwindigkeit auf, tolle übermütig durch die Felder, lasse mich berauschen – wozu braucht es Champagner oder sonstige Drogen? «I get a kick out of you».

Was für ein Tag, welch‘ selten gute Laune, ein Lächeln im Gesicht – als wäre ich verliebt.

Nein, um den Unterschied zu machen, braucht es nicht einmal einen Tag.

Es braucht lediglich den richtigen Takt! Das ist meine Art, um dem Grau zu entfliehen – und Ihre?

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