E-Sixpack in Sicht

Dieses Kribbeln im Bauch: Der Compex Wireless setzt Muskeln unter Strom. Foto: PD

Dieses Kribbeln im Bauch: Der Compex Wireless setzt Muskeln unter Strom. Foto: PD

Tief in meinem Inneren hatte ich es immer gewusst: Die Zeit vor dem Fernseher ist nicht komplett verloren. Was ich an diesem Abend sah, war nicht weniger als eine Offenbarung, der Heilige Gral aller Sportler. Training ohne Bewegung, fit vor dem TV, Muskeln ohne Schweiss. Das Zauberwort: Elektrostimulation. Das Prinzip, so sah ich im Fernsehbeitrag, ist denkbar einfach: Mit einem Stromimpuls wird der Muskel zur Kontraktion angeregt, der Muskel wächst, der Sportler ist glücklich.

Tönt bequemer als eine Stunde im Kraftraum. Eine Internetrecherche später bin ich wirklich elektrisiert: «Ist das Doping?», fragt Elektrostimulationsgerätehersteller Compex auf der eigenen Webseite. Die Antwort ist vielversprechend: «Die Elektrostimulation ist nicht mit einer Dopingtechnik gleichzusetzen.» Sehr gut. Für mich tönt das wie: «Okay, es ist ein bisschen wie Doping – aber eben nicht so richtig.» Anders gesagt: Genau das Richtige für mich. Ich gehöre zu den Läufern, die froh sind, wenn sie ihr Laufpensum einigermassen über die Runden kriegen.

Das Problem: Alle Muskelgruppen oberhalb der Hüfte sind ein bisschen wie die EU-Osterweiterung – stark vernachlässigte Zonen. Das schreit förmlich nach einem Wundermittel wie Elektrostimulation. Fünf Tage später sitze ich mit einem brandneuen Compex Wireless, dem Ferrari unter den Elektrostimulationsgeräten, auf dem Sofa. Die Einheit besteht aus einem Steuergerät, etwa so gross wie ein Handy, den Modulen, aus denen der Strom fliessen wird, und den Elektroden, die auf die Haut kommen. Kabel gibt es nicht, das Teil funktioniert drahtlos. Frau und Tochter schauen mich mit einer Mischung aus Neugierde und Mitleid an. Mit den Elektroden auf dem Bauch sehe ich ein bisschen aus wie ein Patient bei «Emergency Room».

Die Module sind angeschlossen, auf dem Display wähle ich das Programm «Festigung 1». Das Lesen der Gebrauchsanweisung spare ich mir, das ist verlorene Zeit, gute Geräte lassen sich intuitiv bedienen. Tatsächlich führt einen das Gerät via Bildschirm ganz ordentlich durch die einzelnen Schritte und Programme. Vom Anordnen der Elektroden bis zur Wahl des Trainingsprogramms. Dann also Start. Ein leichtes Kribbeln. Nicht unangenehm. Aber ich will mehr. Ich schraube hoch. Ein Schlag wie aus der Steckdose. Die verkümmerte Bauchmuskulatur zuckt und windet sich wie ein überfahrener Regenwurm auf der Strasse. Die Tochter schaut entsetzt, die Frau entgeistert. Nach zwei Sekunden lassen Schock und Stromstärke nach. Meine Augen sind immer noch geweitet, der Mund offen. Dann der nächste Intervall. Ein weiterer Peitschenhieb auf die Bauchdecke.

Ich bin begeistert, die Tochter immer noch verstört, die Frau will ein Handyfoto von mir machen. Was solche Schmerzen verursacht, denke ich mir, kann nicht falsch sein, das wussten schon die alten Masochisten. Obwohl Schmerz das falsche Wort ist. Es ist eher ein überstarker Reiz, der den Muskel schlagartig zusammenziehen lässt. Und zwar so, wie ich es noch bei keinem Krafttraining erlebt habe. Nach dem zehnten Intervall weicht die Panik einem ungläubigen Staunen. Meine Bauchmuskulatur zuckt, zittert und krampft ganz ohne mein Zutun. Und ohne Schweiss, abgesehen von ein paar Tropfen Angstschweiss. Nach 18 Minuten ist automatisch Schluss. Begeisterung. Bis die selbstklebenden Elektroden wieder vom Bauch runter müssen. Jetzt rächt sich, dass ich noch aus einer Generation komme, in der sich Männer nicht ganzkörperrasieren. Der Schmerz beim Entfernen der Elektroden übertrifft den des Trainings bei weitem. Aber immer noch besser als das Leiden im Kraftraum.

Inzwischen benutze ich den Compex seit über einem Monat. Und es gibt wenig Muskelgruppen an meinem Körper, die vom Strom verschont geblieben sind. Schmerzprogramm am Rücken, Entspannungsmassage am Nacken, Kräftigungsprogramm der Oberschenkel, Straffung am Bauch. Aus den vorinstallierten 23 Trainingsprogrammen lässt sich für jede Körperpartie etwas finden. Schmerzen? Höchstens noch beim Entfernen der Elektroden. Klar, Elektrostimulation ersetzt das Training nicht. Aber es unterstützt es auf angenehme und punktgenaue Art.

Die Bauchmuskulatur, so stelle ich fest, ist straffer geworden, die Rückenschmerzen lassen sich mit dem entsprechenden Programm kurzfristig erfreulich unterdrücken. Nicht zu unterschätzen ist der Zeitaufwand. Das Training eines Muskels dauert locker eine Viertelstunde. Was beim klassischen Bauch, Beine, Po auch eine Dreiviertelstunde macht. Und: Das Training hat seinen Preis. Der Wireless kostet mit 1650 Franken so viel wie ein Jahresabo im Fitnesscenter. Darin inbegriffen sind beim Compex dafür Massage, Physio und Reha. Rund um die Uhr. Fazit: Der Compex macht Spass, das Sofa wird tatsächlich zum Kraftraum. Ein grosser Pluspunkt ist die Bedienerfreundlichkeit: Vor dem Training ist kein Aktenstudium nötig, jeder Schritt wird auf dem Display erklärt und entsprechend bebildert. Schade: Die Box, in der sich das Steuerungsgerät und die Strommodule aufladen lassen, kommt in ihrer Plastikaufmachung etwas gar billig daher.

grütter

Silvan Grütter lebt in Zürich, ist Läufer und Unterhaltungschef der «Schweizer Illustrierten».

20 Kommentare zu «E-Sixpack in Sicht»

  • Christian Duerig sagt:

    Die Entdeckungen der Forscher können Sie nicht wegdiskutieren. Was sogar sehr erfolgreich ist, wird geheim gehalten ! Sprechen Sie mit einem Profi-Fitnesstrainer !

  • Martin sagt:

    Ich habe das MI Sport 500 mal fuer meine Frau gekauft, da sie Nacken Krampf hatte. Gewirkt hat es ueberhaupt nicht. Jetzt haben wir Alternative Kosten in die Krankenversicherung eingeschlossen und der Osteopath macht das jetzt.

    Statt den Compex zu verscherbeln habe ich es selber ausprobiert. Es ist kein Ersatz fuer echtes Training, nur zur Ergaenzung. Und fuer das ist es meiner Ansicht nach zu teuer. Ich erhalte die gleichen Resultate, wenn ich nach der Primaer Aktivitaet in ein Fitnesscenter gehe und gezielte Muskeluebungen mach. Dehnen ist extrem wichtig, da bei den kleinen Schocks die Muskel sich zusammenziehen. sie muessen aber danach wieder gestreckt werden.

    Ich wuerde auf keinen Fall nochmal fuer so etwas Geld in die Hand nehmen. Die Werbung war zu verlockend.

  • stefan sagt:

    herrlich beschrieben und vielen Dank für das Lächeln dass mir beim Lesen übers Gesicht gehuscht ist. habe damals die gleichen Anfänger-Erfahrungen gemacht und fast die Fernbedienung vom Fernseher zerquetscht, als die erste Einheit am Arm befestigt war und ich volle Kanne gegeben habe…. Die Krämpfe haben dann relativ schnell nachgelassen :-)
    Für Compex gibt’s grundsätzlich nur zwei Aussagen von Benutzern – sehr gut oder keine Ahnung – ein „ja, es geht so….“ gibt’s nicht….. entweder es wird eingesetzt und man ist begeistert – oder das Gerät liegt in irgendeiner Schublade und verstaubt vor sich hin…
    es ist wie mit allem – Sinnvoll und am richtigen Ort eingesetzt hilft es am meisten…. noch eine kleiner Tipp. ohne Haare halten die Pads auch länger und sehen nicht gleich aus, wie ein Wachsstreifen im Enthaarungsstudio nach einer Brustbehandlung.

    ach ja – und bitte verwechselt die Shoppingkanalgeräte nicht mit der Qualität von Compex. wäre in etwa gleich, wenn auto-motor-Sport einen Toyota Celica 1600 von damals mit einem Bughatti Veyron vergleichen und einzig feststellen würde, dass der Preis nicht identisch ist…. haben ja beide 4 Räder, Sitze und ein Steuerrad….

    nochmals herzlichen Dank Silvan Grütter für die ehrliche, offene, herrliche Meinung und weiter so..

  • Cybot sagt:

    Auf dem Bild sind ziemlich viele Kabel zu sehen für ein Produkt, das sich „wireless“ nennt. Für mich genau so sinnlos wie eine kabellose Tastatur, die immer nur an der gleichen Stelle auf dem Schreibtisch herumsteht.

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich offeriere Ihnen, Sie für Fr. 1’650.– 3 mal in ihr Fitness-Center zu begleiten. Sie bezahlen natürlich im Voraus und die für Sie wertvollen Tipps erhalten Sie durch die Blume, damit Sie nächtelang wach liegen und überlegen, was er jetzt damit gemeint habe.

  • Adi sagt:

    Wär mal wieder an der Zeit, hier im Laufblog einen sinnvollen Beitrag mit nützlichen Trainings- oder Gesundheitstipps zu lesen. Zuviele Spassbeiträge über Körpergeruch von Mitläufern oder unfreundliche Jogger oder nun diese getarnte Werbung vermiesten mir in letzter Zeit den Outdoorblog. Also bitte liebe Redaktion, schluss mit Klamauk und zurück zum Thema.
    Danke
    A.K.

  • WildeHennne sagt:

    Nach einer jahrelangen Rückenleidensgeschichte mit massiven chronischen Schmerzen wurde mir vom Arzt bei einem stationären Aufenthalt in einer Schmerzklinik so ein Tens-Gerät verschrieben. Nach 30jähriger Leidensgeschichte kann ich jetzt wieder leben.

  • Philib Uster sagt:

    Genialer Artikel – ich habe Tränen gelacht; wie letztmals, als Beda M. Stadler in der Weltwoche über die Strahlenbelastung nach Fukushima geschrieben hat. Besten Dank!

  • susanne beerli sagt:

    Eines von vielen „Wundergeräten“, die auf den Shoppingkanälen Dauerbrenner sind. Ein Muskel wächst leider nicht durch eine leere Kontraktion, wie bei diesem Gerät, sondern wenn er gegen eine gezielte Überbeanspruchung arbeiten muss, wie beim Krafttraining. Also ausser Spesen nichts gewesen, später mal auf Ricardo verscherbeln.

    • Bruno Müller sagt:

      Nein, das funktioniert schon.

      • Susanne Jegerlehner sagt:

        Von wegen „Wundergerät vom Shoppingkanal“. Gute Frau, informieren Sie sich doch, bevor Sie urteilen. Die Compex-Produkte kennt jeder seriöse Physiotherapeut als Unterstützung/Ergänzung des „richtigen“ Trainings. Und, wie in meinem Fall, gibt es auch schwerstkranke Menschen, die zu üblichem Krafttraining nicht mehr in der Lage sind; für solche Fälle ist es eine gute Lösung, um ohnehin schon atrophierte Muskeln nicht völlig abzubauen. Nebenbei wird die ärztlich verordnete Miete von Compex-Geräten von den Krankenkassen teilweise übernommen.

        • susanne beerli sagt:

          Wir reden hier nicht von schwerstkranken Menschen, bei denen die Muskelkontraktion gar nicht funktioniert, sondern von Gesunden. Oder anders gesagt, bei ernstkaften Krafttrainern findet mal solche Shoppingkanal-Wundergeräte nicht. Warum wohl?

  • Daniel sagt:

    Fitness ohne Pogucken im Fitnesscenter oder in der freien Laufbahn? Niemals, das würde ich mir nie nehmen lassen.

    Aber schön wenn euch das Gerät hilft. Mein erster Einsatz war vor ca. 12 Jahren, ein Bauchgürtel. Schon als ich meinen Bauch mit der Gleitcreme einschmieren musste, machte sich bei mir ein Ekel breit. Abgerundet wurde dies durch die wirklich unangenehme Erfahrung, dass das Zusammenziehen wirklich keinen Spass macht. Zumindest mir nicht. Lieber ich mache 45min ein Bauch, Beine Po und Bauch training, anstatt mir dieses Ding nochmals umzuschnallen. Jedem das Seine. Aber das echte Training bringt auch echte Ergebnisse, und nicht nur „Es ersetzt aber kein Training“ Effekte.

  • Aldo Lurati sagt:

    Wer sowas möchte, sollte mal die Preise bei Amazon checken.

  • Robi sagt:

    Dürfte ich den Autor beziehungsweise die Redaktion doch bitten, jeweils am Schluss solcher „Produkebesprechungen“ darauf hinzuweisen ob
    a) das Gerät vom Hersteller/Importeur gratis zu Testzwecken zur Verfügung gestellt wurde oder sogar dem Schreibenden „geschenkt“ wurde oder
    b) das Gerät vom Schreibenden aus eigenem Antrieb zu regulären Konditionen erworben wurde

    Bei Auto-Besprechungen findet man ja jeweils am Schluss den Hinweis, von wem und wohin der Schreibende eingeladen wurde.

    • Silvan Grütter sagt:

      Lieber Robi. Danke für Deine Nachfrage. Ich kann Dich beruhigen: Das Gerät wurde von mir aus eigenen Antrieb bestellt, zwei Monate intensiv getestet und geht dann wieder zurück an den Hersteller. Ohne Auflagen oder irgendwas. Und so, wie das bei Produkten im Hochpreissegment immer der Fall ist.

  • Pascal Halbeisen sagt:

    Kenne solche Geräte von der Physiotherapie nach meiner Kreuzbandoperation zum Aufbau der Beinmuskelatur. Der Effekt ist aber vor allem zu Beginn, für eine nachhaltige Erholung braucht es def. „richtiges“ Trainning. Denke es ist beim Bauch nicht anders.

  • Thomas Mathis sagt:

    Hallo Silvan

    Ich bin seit Jahren überzeugter Compex-Nutzer (als Ergänzung zum normalen Training, insbesondere Erholung) und würde gerne folgendes anmerken:

    – eine Rasur der zu behandelnden Stellen macht auch deshalb Sinn, weil die Stromschläge mit Haaren unangenehmer sind (dann sind es nach meinem Empfingen teilw. wirkliche kleine Schläge)
    – ich finde es sehr wichtig anzumerken, dass das Gerät richtiges Training nicht ersetzt, sondern „nur“ sinnvoll unterstützt
    – es gibt öfters Mal Aktionen wo man den Wireless für deutlich weniger Geld bekommt! Zudem gibt es die Geräte mit Kabel schon ab ca. CHF 300.-
    – beim Kauf sollte man darauf achten, welches Gerät für einen passt (die Programme sind sehr unterschiedlich). Der Wireless beinhaltet natürlich quasi so ziemlich den grössten Umfang
    – Geräte mit Kabel haben den Vorteil, dass man auch auf den Elektroden liegen kann (weil der Druckknopf viel kleiner ist als das gesamte Wireless-Dings). Insbesondere bei den Waden schön, weil man dann auch easy TV schauen kann (je nach Programm)
    – persönlich empfehlen kann ich insbes. den Mi Sport 500, da dieser viele Programme hat und zudem den Mi-Sensor. So stellt er sich vollautomatisch ein und regelt bei bestimmten Programmen auch selbständig die Intensität

  • Interessant, Herr Gruetter – fehlt einzig noch der Hinweis, dass Ihr Artikel durch punktgenaue Produkteplatzierung unterstuetzt wurde. So scheint es zumindest.
    .
    Allerdings habe ich fuer meine Mutter fuer 10% des Kaufpreises einen kleinen Buder Ihres ‚professionellen‘ Topprodukts erstanden, in der Hoffnung, dass damit ihr chronisches Rueckenleiden etwas Linderung findet. Nunja, sie antwortete mir zwar auf die Frage nach der Nuetzlichkeit dieses Produktes mit ‚Jaaha‘ so dass ich mich veranlasst sah, fuer doch relativ viel Geld neue Kontaktpads zu kaufen (die gem. Beschrieb fuer etwa einen Monat hinhalten),
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    Seither liegt das Ding nur noch rum und die erstandene Packung Pads ist noch ungeoeffnet…

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