Eine Politikerin verrennt sich beim Frauenlauf

An den Männern vorbei: Läuferinnen vor dem Bundeshaus beim 28. Schweizer Frauenlauf Bern am 15. Juni 2014. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

An den Männern vorbei: Läuferinnen vor dem Bundeshaus in Bern beim 28. Schweizer Frauenlauf. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Berner SVP-Stadträtin Nathalie D’Addezio wagt sich mit einem ihrer jüngsten politischen Vorstösse in ein ihr wohl unbekanntes Gefilde. Die 35-Jährige hätte das Postulat, in dem sie den Schweizer Frauenlauf Bern als diskriminierend anprangert, sonst kaum verfasst. Sie schreibt darin, dass die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Prüfstand stehe, weil «ein solcher Ausschluss der Männer nicht zeitgemäss» sei.

«Weshalb wird das Büro für Gleichstellungsfragen hier nicht aktiv?», fragt sich die SVP-Frau. Es geht ihr nicht darum, den Frauenlauf abzuschaffen, sie macht sich für einen Männerlauf stark – und hat damit offensichtlich den grundlegenden Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Sportlern nicht verstanden. D’Addezio begeht damit eine politische Peinlichkeit.

Nathalie D'Addezio

Nathalie D’Addezio.

Ja, es sind keine Männer an den weltweit verbreiteten Frauenläufen zugelassen. Für einmal sind die Männer bei einem Sportanlass nur Statisten – sie stehen am Strassenrand und feuern mit Dreikäsehochs an der Hand ihre Liebsten an. Die Männer funktionieren als Sportler aber anders, liebe Frau D’Addezio!

Wer Sport treibt, erkennt das im Training genauso wie an Wettkämpfen. Oft besitzen Frauen nicht dasselbe Selbstbewusstsein wie ihre männlichen Kollegen – das gilt auch im Laufsport. Ich erlebe häufig, dass sich Frauen in geschlechtlich gemischten Sportgruppen nicht gleich wohl fühlen, wie wenn es «ladies only» heisst. Sie fürchten sich davor, neben dem starken Geschlecht nicht zu bestehen, sich zu blamieren oder ganz einfach in den Boden gerannt zu werden.

Nicht umsonst verzeichnet der Schweizer Frauenlauf in Bern eine grosse Anzahl an Läuferinnen, die zum ersten Mal überhaupt am Start stehen und sich dafür just diesen Anlass ausgewählt haben. Sie zeigen Mut mit diesem Schritt und fühlen sich unter ihresgleichen wohler. Im Gegensatz zu gemischten Laufanlässen stehen mit Ausnahme der vorderen Startblöcke nämlich an Frauenläufen Ambitionen und Kräftemessen nicht unbedingt an erster Stelle. Um die traditionellen Klischees zu bedienen, welche die SVP üblicherweise vertritt: Das sind typisch männliche Merkmale.

Liebe Frau D’Addezio, quer über den Erdball dominieren in den Startblöcken meist die Herren, und sie drücken damit der Veranstaltung auch hinsichtlich der Atmosphäre ihren Stempel auf. Mir ist zudem – im Gegensatz zu den Frauen – noch kein einziger Mann begegnet, der sich bei einem Lauf von der Anwesenheit der weiblichen Teilnehmer gestört gefühlt hätte. Entweder lassen die Herren die Damen nämlich weit hinter sich, oder sie lassen sich von ihnen motivieren: Sei es, weil das männliche Ego leidet, wenn eine Frau vorbeizieht, oder weil es für manche Herren eine Augenweide ist, hinter einer durchtrainierten Sportlerin zu laufen.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich doch, dass bei den boomenden Frauenläufen die Männer zwar ausgeschlossen sind, der Grund aber ein Gegenrecht der Herren obsolet macht. Oder?

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