Nur die Ruhe – und mehr Spass am Pass

Muskeln statt Motoren: Teilnehmer am Radtag Stilfserjoch 2013. (Fotos: stelviopark.bz.it)

Muskeln statt Motoren: Teilnehmer am Radtag Stilfserjoch 2013. (Alle Fotos: stelviopark.bz.it)

Die Schweizer Alpenpässe sind alle vom Schnee befreit und geöffnet. Für Pässefahrten durch alpine Landschaften schlägt mein Velofahrerinnenherz mehr als für alle anderen Strecken – endlich ist es wieder soweit!

Vor sechs Jahren radelte ich über meinen ersten Alpenpass. Um sieben Uhr früh startete ich mit zwei Velokurierkollegen in Zürich, um zehn Uhr abends sprangen wir bei Locarno in den Lago Maggiore. Dazwischen lag der Pass, von dem ich wusste, dass er in den Süden führt: der Gotthard. Diese Pässefahrt war ein tolles Erlebnis, und von da an gehörten die sommerlichen Pässetouren fix ins Programm.

Am Wochenende sind grosse Pässe tabu

Mit den Pässen, die ich befuhr, stiegen die Ansprüche: nie im Leben würde ich mehr von Norden her über den Gotthard fahren. Viel zu viel Verkehr pustet dort seine Abgase in die Bergluft, und der Lärm widerhallt auch noch in den Galerien. Definitiv kein Vergnügen, sage ich heute. Meine Pässe wähle ich jetzt gezielt aus. Am Wochenende, wenn die Töfffahrer die Täler mit ihrem Lärm jenseits aller Grenzwerte bedröhnen, sind die grossen Pässe für mich tabu. Ich will ja in erster Linie geniessen, nicht mich ärgern. In Frage kommen schmale, sehr kurvige Strassen oder solche, die für den motorisierten Verkehr gesperrt sind – der Pragelpass etwa, die Vorderi Höchi oder die grosse Scheidegg.

Mit der Erfahrung steigen die Ansprüche: Das Stilfserjoch ist der zweithöchste asphaltierte Gebirgspass der Alpen.

Mit der Erfahrung steigen die Ansprüche: Das Stilfserjoch ist der zweithöchste asphaltierte Gebirgspass der Alpen.

Der Gotthard übrigens ist ab diesem Sommer bis 2019 zwischen Göschenen und Andermatt für Bergauffahrende gesperrt. Leider nicht etwa für den motorisierten Verkehr, obwohl es für den einen Tunnel gibt, sondern für Velofahrer. Der Grund sind Sanierungsarbeiten in der Schöllenenschlucht. Velofahrer müssen im Bus nach Andermatt. Seltsam, dass es ausgerechnet für die platzsparendsten Verkehrsteilnehmer keinen Platz hat, für Autos und Busse aber schon. Immerhin gibt es an einigen Juli- und Augustwochenenden Ausnahmen, und bei der Sanierung soll auch die Verkehrsführung für Velos verbessert werden. Dass der Gotthard von Norden danach angenehm zu befahren ist, ist aber unwahrscheinlich.

Ein Wunsch an die Verkehrsministerin

Würde ich am nächsten Velorennen drei Wünsche an Doris Leuthard gewinnen, so wäre einer ganz bestimmt: unsere Pässe sollten nicht für Velos gesperrt werden, sondern für lärmige Spassfahrten. Töfffahrer, die den Lärm ihrer Maschine fürs Selbstwertgefühl brauchen, sollen doch bitte Kopfhörer anziehen. Die sind ja erst noch im Trend. Weniger weit geht die Vision des Vereins Freipass: Sein langfristiges Ziel ist, an jedem Sommerwochenende einen Pass für den nichtmotorisierten Verkehr freizuhalten.

Je grösser der Erfolg, umso besser die Chancen auf weitere Radtage: Familienkutsche am Stilfserjoch.

Je grösser der Erfolg, umso besser die Chancen auf weitere Radtage: Familienkutsche am Stilfserjoch.

Ganz soweit sind Freipass und die anderen Beteiligten noch nicht. Nach jahrelangem Lobbying erreicht der Verein diesen Sommer wiederum zwei je für einen Tag lärmbefreite Alpenpässe. Am 7. September findet am Albulapass ein SlowUp statt, und am 27. September wird der Klausenpass in Ruhe befahrbar sein. Im nahen Ausland gibt es auch ein paar Gelegenheiten für Genuss-Passfahrten: etwa am 30. August am Stilfserjoch oder zwischen 22. Juni und 14. September an verschiedenen Anlässen in den französischen Alpen (1jour1col und les cols reservés).

Je grösser der Erfolg dieser Anlässe, umso besser die Chancen auf weitere. Erfolg wird letztlich am Umsatz der dortigen Restaurants und Hotels gemessen, darum: Gehen Sie hin, geniessen Sie die Passfahrt mit zahlreichen Gleichgesinnten und geben Sie Geld aus. Auf dass uns künftig mehr Pässe freistehen – jedes Wochenende einer oder auch mehr.

Nie wieder von Norden: Die Autorin und ihr erster Alpenpass, der Gotthard, im Jahr 2008.

Nie wieder von Norden: Die Autorin und ihr erster Alpenpass, der Gotthard, im Jahr 2008. (Foto: zVg)

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