Hildegard Fässler: «Wenn andere zum Apéro gehen, schnüre ich meine Joggingschuhe»

Diese Woche berichtet im Running-Blog: «Promi-Läuferin» *Hildegard Fässler, SP-Nationalrätin:

SP-Nationalrätin Hildegard Fässler am Parlamentarierlauf in BernNormalerweise jogge ich zwei- bis dreimal pro Woche mit der Lauftreff-Gruppe in meiner Nachbargemeinde Buchs SG: Am Mittwochabend eine Stunde. Und am Sonntagmorgen 1 ¾ Stunden mit 350 Höhenmeter Berglauf. Wenn das ausnahmsweise mal nicht geht, etwa während der Session in Bern, laufe ich einfach, wann ich kann.

Es macht mir nichts aus, alleine zu joggen. Einzig im Winter bin ich ungern allein im Dunkeln unterwegs. Ich habe auch kein Problem, mal am Morgen, mal am Abend zu laufen. Nach dem Aufstehen kann ich gut nur ein Glas Wasser trinken und gleich losrennen – selbst wenn ich spät ins Bett gekommen bin. Das Joggen in der Gruppe liebe ich, weil ich da einfach hinterherlaufen kann und mir keine Strecke ausdenken muss.

Joggen ist für mich wichtig, ich bin ein wenig süchtig. Wenn ich ein paar Tage hintereinander keine Zeit finde, bekomme ich Entzugserscheinungen. Klar, ich brauche das Laufen, um körperlich fit zu bleiben. Aber mir geht es vor allem um die geistige Fitness: Es ist für mich eine Form von Psychohygiene, die mir ermöglicht, Probleme zu verdauen und zu verarbeiten, gerade nach langen Sitzungen mit harten Verhandlungen. Laufen macht mich sofort wieder fit. Angefangen habe ich damit vor 29 Jahren. Früher als Mathematiklehrerin entwarf ich dabei ganze Prüfungen im Kopf.

Ideal am Joggen finde ich, dass ich es überall tun kann, ich brauche dazu einzig das richtige Schuhwerk. Das habe ich sogar dabei, wenn ich ins Ausland reise: Wenn andere nach getaner Arbeit zum Apéro gehen, schnüre ich meistens meine Joggingschuhe.

Weil ich kommenden November am New York Marathon starten kann, trainiere ich momentan nach Programm. Das bedeutet: Bis zu fünf Trainingseinheiten pro Woche.

Ich zähle mich nicht zu den schnellen, spritzigen Läuferinnen. Meine Marathon-Bestzeit beträgt 3 Stunden 40 Minuten. In New York erhoffe ich mir 4 Stunden 15. Ich merke natürlich, dass ich älter geworden bin. Trotzdem: Strecken bis zu einem Halbmarathon schaffe ich ohne spezielle Vorbereitung, aber für New York trainiere ich jetzt konsequent. Es ist meine erste und wohl auch einzige Teilnahme in New York. Während der Amtszeit von George W. Bush wäre ich da nicht hingereist.

Ich bin schon etliche Marathons gelaufen und gerate auch an meine Grenzen. Aber in der Masse geht das gut. Da treffe ich auf andere, die entweder auch leiden oder denen es gerade gut läuft. Das Leiden während eines Marathons zeigt sich bei mir so: Ich fange an, Kilometer zu zählen, Prozent- und Bruchrechnungen zu machen, wie viel ich noch vor mir, wie viel ich schon hinter mir habe. Bei einer solchen Krise wird das Weiterlaufen reine Kopfsache. Plötzlich kommt dann die Kraft wieder. Wenn ich das Ziel erreicht habe, denke ich nach zehn Minuten: Ich hätte gut noch schneller oder länger laufen können.

Ernährung ist für mich nur ein theoretisches Thema, sonst hätte ich keinen Plausch mehr. Vor einem Marathon esse ich zwei Abende nur Spaghetti. Während des Laufs vertrage ich anfangs isotonische Getränke, am Schluss nur noch Wasser. Dieses Jahr lief ich den K21 am Davoser Alpine-Marathon. Da bekam ich einen Hungerast, darum lief es leider nicht so gut.

Übertraining kenne ich nicht. Und – «Holz alange» – Verletzungen auch kaum. Einmal stolperte ich bergauf und brach mir den Arm. Ich hatte schon eine Muskelzerrung im Oberschenkel, hin und wieder spüre ich eine gereizte Achillessehne.

Parallelen zur Politik? Beides braucht Ausdauer. Und zur Mathematik? Beides ergibt am Schluss ein Resultat.

*SP-Nationalrätin Hildegard Fässler, 1951 in Frauenfeld geboren und in Steckborn TG aufgewachsen, wurde von ihrer St. Galler Kantonspartei für die Nachfolge des abtretenden Bundesrats Moritz Leuenberger vorgeschlagen, die SP-Fraktion hat sich  jedoch gegen ihre Nomination entschieden. Fässler studierte Mathematik an der Universität Zürich, ist seit 1997 im Nationalrat, von 2002 bis 2006 leitete sie dort die SP-Fraktion. Sie wohnt seit 1981 mit ihrem Ehemann in Grabs SG.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

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