Das Geheimnis, das Sieger nie kennen werden

Der eigentliche Held des Zytturm-Triathlons.

Wer am Schluss des Rennens unbeirrt seinen Lauf durchzieht, muss eine unglaubliche mentale Stärke haben: Der wahre Held des Zytturm-Triathlons läuft über die Ziellinie. (Fotos: alphafoto.com)

Die Sieger. Durch ihre Verfolger angestachelte Kämpfer. Durch ihr Publikum angefeuerte Helden. Durch ihre Ziele gesteuerte Strategen. Durch ihren Willen gestählte Draufgänger. Ich ziehe den Hut vor den Leistungen von Roger Fischlin am Zytturm-Triathlon in Zug. Für 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Rad und 10 Kilometer Laufen benötigte Mister Gigathlon nur gerade 1 Stunde 52 Minuten und 54 Sekunden. Sorry Roger, viel mehr Respekt zolle ich aber einem anderen Mann: Der Unbekannte trug am Zytturm-Triathlon die Startnummer 446. Seine Zeit? 3 Stunden 29 Minuten 24 Sekunden. Er ist der wahre Held dieses Anlasses. Keine Verfolger stachelten den 73-Jährigen auf den letzten Metern vor dem Ziel an. Die jubelnden Massen hatten sich längst verzogen, als er einlief. Und ich weiss, wie sich das anfühlt.

Zug war eine Zwischenstation auf meinen Weg an den einwöchigen Gigathlon. Nach einer trainingsreichen Woche, sollte der Triathlon das Pünktchen auf das i setzen. Der Gigathlon wird wegen meines gesundheitsbedingten Trainingsrückstandes besonders meinen Willen fordern. Die Wettkampfsituation mit bereits müden Muskeln sollte dafür ein mentaler Prüfstein sein – so der Plan. Wie hart es tatsächlich sein würde, konnte ich mir allerdings nicht vorstellen.

Ich bin alles andere als eine Wasserratte, so lief die Schwimmstrecke erwartet dürftig: Ich stieg als eine der letzten Frauen aus dem Zugersee. Mit Humor suchte ich meine Motivation hoch zu halten und begann eine Liste mit den Vorteilen ein Feld von hinten anzuführen.

Positiver Punkt 1: Die vom Massenstart im Schwimmen bekannten Fusstritte und Ellbogenhiebe kassiert man nicht, wenn man fast zuhinterst schwimmt.

Die Wechselzone war zwar athletenleer, trotzdem scharten sich die Zuschauer um die Abgrenzung – die Spitze der Männer, inzwischen bereits in Fischlins Händen, würde hier bald vom Velo steigen und in die Laufschuhe wechseln. Mein innerer Stier nahm erstmals den Kampf gegen den Schweinehund auf.

Positiver Punkt 2: Ich fand mein einsames Velo auf den ersten Blick, während andere im Räderwald mit der Suche wertvolle Sekunden verlieren.

Leicht bedrückt stieg ich in den Sattel und nahm die 40 Kilometer rund um den See in Angriff. Weit und breit war kein anderer Teilnehmer in Sicht. Einzig die von den Helmen abgefallenen Startnummernetiketten erinnerten mich ab und an auf dem Asphalt daran, dass ich einen Wettkampf bestritt. Die Hände der Streckenposten und Verkehrskadetten steckten bereits in ihren Hosentaschen. Schon bald fehlte mir das Rudel, denn es motiviert, sich zumindest gedanklich ans Hinterrad eines Mitstreiters zu heften, um über sich hinaus zu wachsen und durchzuhalten.

Positiver Punkt 3: Es bestand keine Gefahr, mitten in einem zu lange andauernden Überholmanöver von einem Schiedsrichter wegen Windschattenfahrens bestraft zu werden.

Die ersten Kilometer schienen endlos. «Was soll das überhaupt?», schrie mein innerer Schweinehund. Ich mochte ihm nur halbherzig kontern und ging mit ihm einen Kuhhandel ein: Noch bis zur Kilometermarke 10, dann würde ich entscheiden, ob ich den Wettkampf fortsetze. So hielt ich mich und ihn hin – 20, 30 Kilometer lang. Vorbei an einer Zuschauergruppe in einem Bushäuschen, die mir entgegenschrie: «Kommen noch viele?» Ich mühte mir ein halbwegs freundliches «Nein, ich bin wohl eine der Letzten» ab und trat regelrecht flüchtend in die Pedalen.

Und endlich! Zug kam näher, die endlos anmutenden Kilometer lagen fast hinter mir. Damit rückte aber auch die Entscheidung näher, wie es in der Wechselzone weitergehen würde. Der Schweinehund verhandelte bereits: «Du hast ein gutes Schwimmtraining im See und eine Radeinheit hinter dir – lass es gut sein.» Und eigentlich hatte er doch Recht… Die Entscheidung fiel erst, als ich mein Velo hinstellte – ich würde mich nicht kneifen lassen. Jetzt kam doch erst meine Paradedisziplin! Schnürte die Schuhe und lief los – entgegen kamen mir jene Läufer, die noch wenige Hundert Meter vom Ziel entfernt waren. Ich zwang mich nicht hinzusehen. Am Streckenrand trieben klatschende Zuschauer sie zum Schlussspurt und stellten verdattert fest, dass eine kleine Läuferin noch in die Gegenrichtung unterwegs war. «Hopp, hopp – auch du schaffst es!» Auch wenn mir das Mitleid peinlich war, ob Einbildung oder Realität: Ihr Applaus schien dabei lauter zu werden.

Positiver Punkt 4: Das Mitgefühl lässt die Anfeuerungsrufe der Zuschauer lauter werden.

Am Ziel des Zytturm Triathlons.

Der innere Stier hat gewonnen: Am Ziel des Zytturm Triathlons. (Foto: alphafoto.com)

Nach einigen Kilometern begann ich mich wieder wohl zu fühlen, atmete die frische Luft tief ein, genoss die Sonne in meinem Gesicht – und da war er vor mir, der Mann mit der Nummer 446! Sein Gang verriet den Kampf, denn er mit sich austrug und zeugte von eisernem Willen. Ich lief einige Schritte neben ihm her. Fragte, ob alles in Ordnung sei. Seine kurze aber freundliche Antwort machte deutlich, dass er keine Gesellschaft wünschte: «Ja, aber muss mich jetzt durchkämpfen.» Ich lief vorbei – zurück in meine Einsamkeit. An kaum einem anderen Tag, hätte ich seine Situation besser verstanden. Ohne es zu wissen, wurde der Unbekannte zum Verbündeten in meinen Kampf gegen den Schweinehund. Sein Wille, seine Entschlossenheit kombiniert mit seinem fortgeschrittenen Alter. Auf den restlichen Kilometern diente er mir als Vorbild.

Positiver Punkt 5: Die Erkenntnis, dass nicht nur an der Spitze, sondern auch hinten Vorbilder unterwegs sind.

Ich packte in der Wechselzone bereits meine Siebensachen, als ich aus der Ferne den Senior dem Ziel entgegenlaufen sah – wenige Meter hinter ihm das «Besenfahrzeug». Ich bedaure, nicht an der Ziellinie gestanden und meinem Helden auf den letzten Metern applaudiert zu haben. Das tut meinem Respekt aber keinen Abbruch. Seit Zug bin ich überzeugt, die unglaubliche mentale Stärke jener, die zuhinterst einlaufen, wird für die Sieger immer ein Geheimnis bleiben.

Weitere Fotos des Zytturm Triathlons bei: alphafoto.com.


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