Das Leben ist brutal vergänglich

(Foto: Natascha Knecht)

Auf dem Gipfel des «Pigne de la Lé» (3396 Meter) im Val d'Anniviers. (Foto: Natascha Knecht)

Jammern ist definitiv nicht meine Disziplin. Aber heute sitze ich da, meine Gedanken fahren Achterbahn, ich weiss nicht, ob ich mich schämen soll. In den vergangenen drei Monaten bin ich sehr dünnhäutig geworden. Meine Verletzung Anfang Dezember hat mich wochenlang sportlich ausgebremst. Die Bewegung und der Ausgleich fehlten. Ausserdem fürchtete ich anfangs, meine alpinistischen Ziele, die ich mir für dieses Jahr vorgenommen hatte, müsse ich streichen. Dann folgte auf einmal eine ehrgeizige Phase, etwa nach dem Motto: Nichts und niemand hält mich davon ab, mich bis im Frühling wieder fit zu trimmen. Immerhin war das weder mein erster Knochenbruch noch mein erster Bänderriss. Ich weiss also, wie das geht. Dass der Riss der Syndesmose eine ernsthaftere Sache ist (ein Band, das Schien- und Wadenbein im oberen Sprunggelenk verbindet), war mir allerdings nicht bewusst.

Massive psychische Blockade

Somit kam das eigentliche Problem unerwartet am Tag als ich den Gips loswurde und glaubte, es gehe jetzt endlich mit dem Training los. Bald merkte ich: Gar nichts geht. Nach einer Stunde Skifahren auf der Piste hatten meine Oberschenkel gebrannt, sie waren übersäuert, kraftlos, nutzlos. Und mein Gelenk war so geschwollen, dass ich den Fuss kaum aus dem Schuh ziehen konnte. Geholfen hat die Sportphysiotherapie. Vier lange Wochen später konnte ich wieder in die Kletterhalle. Doch statt Freude herrschte Frust. Die nötige Kraft und Körperspannung fehlten, um in meinem üblichen Schwierigkeitsgrad zu klettern. Ich bewegte mich mit Ach und Krach durch Anfängerrouten. Und es kam noch schlimmer: Ich getraute mich nicht mehr, schwierigere Routen vorzusteigen, hatte Panik zu stürzen und mich erneut zu verletzen. Dasselbe auf den Ski. Das Fussgelenk schwoll zwar nicht mehr stark an, aber ich fuhr wie gelähmt im Schneckentempo. Eine massive psychische Blockade hat sich in mein Hirn geschlichen. Enorm anstrengend! Ich fragte meinen Arzt, ob ich nebst Physiotherapie auch noch eine Psychotherapie haben könne. Er meinte, ich solle geduldig bleiben.

Erst Freude, dann Leiden

Vor einer Woche riss mein Geduldsfaden. Um meine Blockade im Kopf zu lösen, brauche ich Erfolgserlebnisse. Jetzt und sofort. Also nahm ich Ferien und ging in die Berge. Erst zwei Tage Eisklettern, meine Lieblingsdisziplin im Winter. Und siehe da: Es lief wie am Schnürchen. Zwar konnten wir die gewünschte Route nicht durchsteigen, weil in diesem 300-Meter-Eisfall über Nacht ein gigantisches Stück ausgebrochen war. Doch das störte mich nicht mal, es lag ja nicht an meiner Unfähigkeit, es war die Laune der Natur – und zum grossen Glück waren wir nicht drin, als es donnerte. Wir fanden anderes Eis und am Ende verpuffte ich meine letzte Kraft beim Dry-Tooling. Ich fühlte mich glücklich und motiviert für meine erste Skitour diesen Winter.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf. Vier Tage auf Fellen durchs Gebirge ziehen. Wie lange hatte ich davon geträumt? Nach einem Tag merkte ich: Meine Ausdauer ist bedeutend untrainierter als meine Kraft. Statt Genuss wurden die Touren mehr ein Leiden. Ich schwitzte, schnaufte, biss. Es schneite, wurde mit dem Temperatursturz sibirisch kalt, in der Höhe bis 25 Grad minus mit scharfem Nordwind. In den Hütten ging ich inklusive Tourenhosen und Mütze ins Bett, warm bekam ich trotzdem nie. Am dritten Abend war ich fix und fertig, entdeckte Wunden von leichten Erfrierungen auf meinen Wangen und auf der Nase und befürchtete, dass ich am nächsten Morgen den weiten Weg ins Tal nicht mehr schaffe. Komischerweise gings dann aber problemlos, mein Körper und Geist hatten zwischen den Schnarchern im Massenlager regeneriert. Es war Wochenende, die Hütte voll, wir lagen eng nebeneinander, meine müden Glieder tauten dank der Körperwärme von fremden Menschen wieder auf. Ich hätte noch einen Gipfel mitnehmen können, aber es stürmte wieder, also liessen wir einen erneuten grossen Aufstieg aus.

Richtig gehudelt hat mich der Besuch im Spital

Zurück nach Hause kam ich mit gemischten Gefühlen. Auch weil ich unbedingt noch ins Spital wollte. Ein guter lieber alter Bekannter liegt auf der Intensivstation: Krebs im Endstadium, Bestrahlung und Chemotherapie wurden bereits abgebrochen. Gemeinsam hatten wir über die Jahre hinweg einige Bergtouren unternommen. Unvergesslich. Das letzte Mal sah ich ihn an Weihnachten: Ich hatte den Gips am Bein und er fuhr mich mit dem Auto nach Hause. Wie schnell diese Krankheit einen solch starken Mann ausser Kraft setzen kann! Ob er mich am Spitalbett erkannt hat, ist schwer zu sagen. Er kann nicht mehr sprechen, aber er reagierte als ich ihm sagte, wer da ist und als ich mich verabschiedete. Ein Bild, das sich eingebrannt hat. Ich bin tief traurig und hoffe fest, dass er trotz der hohen Morphium-Dosis keine Schmerzen spürt und wünsche den Angehörigen viel Kraft in dieser schweren Zeit.

Dieser Spitalbesuch hat mich gehudelt und auf den Boden der Realität gebracht. Wie bin ich drauf? Mache ich mir wirklich Sorgen, dass ich meine geplanten Touren nicht bewältigen kann? Ich lechze nach einem sofortigen sportlichen Erfolgserlebnis? Ist das wirklich wahr? Einerseits beschämt mich meine Ungeduld und Dünnhäutigkeit der vergangenen Wochen und Monate. Die Berge warten, egal wie lange es bei mir dauert. Andererseits erachte ich es jetzt umso wichtiger, so viele schöne Erlebnisse wie möglich zu sammeln, solange man gesund ist. Einfach sachte. Das Leben ist brutal, aber auch brutal vergänglich.

31 Kommentare zu «Das Leben ist brutal vergänglich»

  • hallo mitenand

    hier noch ein tibetisches sprichwort:

    „es ist besser nur einen tag als tiger gelebt zu haben, als 1000 jahre als schaf.“
    macht euch gedanken…

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • hallo natascha

    du machst das genau richtig.
    es ist gut, das du in die berge gegangen bist, und es probiert hast. ich verstehe dich, schöne erfolgerlebnisse immer wieder
    zu erleben. es wird auch für dich sehr schön sein, im späteren leben, im hohen alter auf diese erlebnisse retour zu schauen. und
    diese erlebnisse werden steigende zinsen im alter haben.

    ich bin aus dieser phase raus… weil ich schon mit 8 jahren, seit 40 jahren in den bergen unterwegs bin…
    ich kann gut zwei monate ohne berge sein… heute steht für mich im vordergrund, mit wahren freunden einen super tag, und
    spass in den bergen zu haben.

    ich wünsche natascha weiterhin viele schöne touren.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Bewegender Artikel, der nur allzu nachdenklich macht. Wir sollten viel öfter den eigenen Blickwinkel auf die Dinge der Welt verändern, um zu erkennen wie gut es uns eigentlich geht – vor allem hinsichtlich unheilbarer Krankheiten. Nimm den Verwandten im Herzen und in der Seele mit in die Berge und ruf dir beim nächsten Bänderriss ins Gewissen, wie stolz er auf deinen kämpferisches Naturell wäre. Alles Gute.

  • Aschi sagt:

    Guter Beitrag. Den Sinn im „jetzt“ finden statt ihm nachzujagen ergibt Glück.

  • Joachim Adamek sagt:

    @Natascha: Mag sein, dass Messner nie auf die Idee gekommen wäre, Grönland zu durchqueren, wenn er damals noch höhere Berge hätte besteigen können und er sich nicht diese dummen Erfrierungen im Wettkampf eingefangen hätte. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich den großen Plan. Im Gegenteil, ich erlebe Tag für Tag, dass das Leben ein mühsames, elendes Tasten ist. Aber Erfahrung und Übung helfen mit der Zeit weiter und lassen viele Schwierigkeiten, denen man begegnet, leichter bewältigen. Deswegen kam mir heute morgen Reinhold Messner in den Sinn. Du weisst sicherlich besser als ich, wie viele Misserfolge und Rückschläge dieser Mann im Leben bislang hat wegstecken müssen. Misserfolge und Rückschläge halten — er bekennt es offen — wertvolle Lehren parat. Schau Dir die jungen Senkrechtstarter an, die es in jeder Epoche auf allen Gebieten gibt. Die meisten leiden oftmals sehr an ihrer Oberflächlichkeit, weil sie spüren, wie wenig Tiefe sie imgrunde besitzen, die man nicht anders als mühsam erlangt.
    Wer die grenzenlose Weite erfolgreich durchqueren will, muss — um noch einmal auf meinen Beitrag heute morgen zurückzukommen — ein bestimmtes Ziel vor Augen haben. Das muss man allerdings zuerst in sich selbst finden. Gelassenheit, Humor, Selbstkritik und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sind hier sicher hillfreich. Das wird jedoch nichts daran ändern, dass Du durch das Schlimmste stets alleine durchmusst. Deine Erfahrung als Berggängerin kann Dir hierbei zweifellos zugute kommen. Es gibt einen einfachen, äusserst hilfreichen Trick, wie man gefährliche Abgründe relativ sicher passieren kann. Du hast ihn sicher schon im ersten Lebensalter gelernt: Die Augen sollten dann unbedingt nach vorne schauen, andernfalls droht ein Kontrollverlust, der schlimmste Folgen haben kann.

  • Aschi sagt:

    Bemerkenswerter Beitrag. Glück definiert jeder andres, so soll es auch sein. Im „jetzt“ einen Sinn zu finden ist speditiv und weniger mühsam als ihm nachzujagen.

  • Gaëlle sagt:

    Ueli Steck hat in seinem 8000er-Bergsteigen-Buch so schön beschrieben, wie er eine Gruppe von drei über 80-jährigen Japanern in Nepal getroffen hat. Die Japaner erklärten, früher hätten sie des öfteren 8000er in Angriff genommen, aber in den letzten Jahren reichte es halt nicht mehr, jetzt begnügten sie sich mit 6000ern. Ueli Steck bewunderte zutiefst diese Haltung der Akzeptanz und fragte sich, ob er eines Tages auch diese mentale Stärke hätte, mit kleineren und einfacheren Bergsteiger-Sachen den gleichen Seelenfrieden zu finden wie mit seinem Extremsport.

  • Rosche sagt:

    Schöner Beitrag… Man hat immer das Gefühl, dass es einen selbst nicht erwischt. Fängt bei mir auch schon im Kleinen an: was muss ich mich zwingen, bei Fieber und auch die 2-3 Tage danach nicht Laufen zu gehen, obwohl das Risiko eines bleibenden Herzmuskelschadens besteht. Völlig idiotisch. Jedem Kollegen rate ich immer eindringlich ab, Laufen zu gehen, kaum triffts mich, habe ich die schönsten Begründungen dafür (MIT Fieber bin ich schlussendlich aber noch nie gelaufen).

    Noch ganz Allgemein zur „Verbissenen-Hetze“: Viele hier denken etwas gar kurz. Sie können sich gar nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, bei einem Marathon, Ironman oder was weiss ich über die Ziellinie zu laufen, wenn mans nicht selbst erlebt hat. Da kann man noch so lange auf Youtube Filmchen schauen und all die emotionalen Momente im Ziel angucken. Schon nur für diesen veritablen Höhepunkt lohnt es sich, sonntags halt auch bei Schneetreiben den 35km-Lauf hinzulegen und dabei nicht allzu glücklich auszusehen. Spätestens nach der Dusche ist nach solch einer Einheit sowieso JEDER glücklich und wird es noch viel stärker sein, wenn man ein paar Wochen später über die Ziellinie humpelt…

  • Otto Liebschitz sagt:

    Genehmigen Sie sich ein Bierchen, kommen Sie runter und haben Sie wieder Freude an den kleinen Dingen. So wird man zufrieden. Alles Gute.

  • Syndesmose ist echt mühsam und ich kann nur jedem raten die Übungen aus der Physio über die vermeintliche Heilung hinaus zu machen!
    Ansonsten schöner Beitrag. Gesund sein ist ein Segen…man vergisst es zu oft!

  • Logi sagt:

    Weshalb muss alles immer auf Leistung ausgelegt sein?
    Geniesst doch einfach jede Minute die ihr in der Natur verbringen könnt.
    Ja setzt euch Ziele aber wenn diese nicht erreicht werden „So what“?

    Ich durfte das bei einer Kollgein beobachten. Alles verbissen und somit den Weg ins Kader der Gleitschirmflieger gekommen.
    Allerdings immer gestresst und unglücklich. Dann der Absturtz, Reha.

    Jetzt geniesst sie jede Bergtour und jede Minute draussen ohne Leistungsdruck.

    Also Cool down take it easy, geniesst es auf dem Bike, am Seil oder am Gleitschirm so wie ich es auch tue und das schönste ist doch eh am Ende mit Freunden gemeinsam im Tal das „Abenteuer Bier“ zu geniessen.

    • Hans sagt:

      Ich kann es einfach nicht mehr hören bzw. lesen: Alle die auch nur ein bisschen ambitioniert Sport treiben sind verbissen, unglücklich, abgemagert und Geniessen ihren Sport nicht. Sind sie schon mal auf die Idee gekommen, dass mir das Spass macht? In der Marathonvorbereitung die langen 38km Läufe am Sonntagmorgen, wenn der Rest der Stadt noch schläft oder die Rennvelo-Tour über 200km mit Enegry-Gel in der Tasche und Isodrink im Halter. Erweitern sie doch mal ihren Horizont und versuchen sie sich vorzustellen, dass es Leute gibt, die nicht nur das selbe wie sie gut finden. „im Tal unten“ würde ich übrigens dann höchstens ein Alkoholfreise Bier trinken und keine Bratwurst dazu essen. Ich sollte also einen Gang zurückschalten, nur weil das für sie persönlich stimmt? Wie wäre es denn, wenn sie in Sachen Toleranz mal einen Gang hochschalten würden?

      • Luise sagt:

        Das sportliche Herausforderungen Spass machen können verstehen nur die, welche das am eigenen Leib spüren. Es tut dann aber brutal weh, wenn man mit Schmerzen im Rollstuhl sitzt und zur Unbeweglichkeit verdammt ist. Und ja, tolerant sind eben nicht alle. Ich nerve mich auch oft über faule Leute.

      • Logi sagt:

        Oha, da hat einer der Tolleranz fordert aber selbst sehr wenig.

        Von mir aus kann jeder so ehrgeizig sport betreiben wie er will nur wenn er sich dann schlecht fühlt, weil er seine Ziele nicht erreicht hat, dann sollte schon der Sinn der Sache hinterfragt werden.

        Es ist Freizeit, Hobby und wie ich geschrieben habe dürfen Ziele, auch ambitionierte, gesetzt werden.
        Es ist auch OK bei nicht erreichen des Zieles zu hinterfragen, weshalb wurde es nicht erreicht und was sollte in Zukunft besser gemacht werden damit es erreicht wird.

        NUR wenn ich z.B. am Gleitschirm nur 60km weit geflogen bin und mein Ziel 80km nicht erreicht habe, dann bin ich trotzdem Glücklich weil ich einen tollen Flug hatte und mich darüber freue und das ist der Punkt.

        Du Hans wirst das aber verutlich nicht verstehen genau so wie die du die Metapher „Bier“ nicht verstanden hast denn von mir aus kann jeder Trinken was er will von Isostar bis Kammilentee ist mir doch egal, ich bin tollerant auch gegenüber der Bratwurst.

      • Cybot sagt:

        Es gibt auch noch etwas zwischen 200km-Touren und Rumsitzen und Bratwurst essen. Irgendwann wirst auch du die frühere Leistung nicht mehr erreichen, die Frage ist, ob du dann deine Ziele anpassen kannst oder verzweifelt versuchst, der verlorenen Jugend hinterherzurennen. Das ist der Unterschied zwischen ehrgeizig und verbissen.

  • Joachim Adamek sagt:

    Mir ist neulich von Ludwig Wittgenstein ein schöner Aphorismus in die Hände gefallen: “Ich suchte einen Menschen und fand einen Asketen, ich beobachtete den Asketen und entdeckte einen Artisten.” — War es Zufall, dass Messner eines Tages in der grenzenlose Weite eine Herausforderung entdeckte? Viele verpassen nicht wenig im Leben, weil sie zu lange falschen Zielen nachlaufen oder den Wink des Abenteuers übersehen.

    • Lieber Herr Adamek

      Wie soll man wissen, welche Ziele die falschen und welche die richtigen sind? Ich denke nicht, dass es Zufall war, dass Messner eines Tages in der grenzenlosen Weite eine Herausforderung entdeckte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits alles erreicht, was ein Bergsteiger und Bergabenteurer erreichen kann. Welche bergsteigerischen Ziele hätte er sich noch setzen können? Sollte ich jemals soweit sein, werde ich mir auch ganz neue Ziele vornehmen, weit weg von den Bergen. Das weiss ich schon lange. Vielleicht werde ich mit einer ganz neuen Sportart beginnen und ganz Neues lernen, bewusst wieder Anfängerin sein und mich stetig steigern. Vielleicht werde ich auch etwas ganz Unsportliches starten. Zum Beispiel Malen oder so. Alles ist bei mir möglich. Selbst die Durchquerung der Wüste Gobi.

      Lieber Gruss
      Natascha Knecht

  • Dilek Demirel sagt:

    Ein sehr aufschlussreicher Blog-Eintrag, der wiedermal zeigt, dass gegenüber dem grassierenden Carpe-Diemismus reicher Länder und dem Schweizer Sport-Narzissmus im Speziellen Skepsis angesagt ist. Wir alle müssen mit unserer Vergänglichkeit und physischen Verletzlichkeit fertig werden, besser aber auf spirituelle Weise als unseren lieben guten geduldigen Körper zu malträtieren. Für mich ist ein lächelnder Buddha im Lotussitz ein viel erbaulicherer Anblick als all die ausgemergelten, verbissenen Gestalten, welchen man hierzulande in Massen beim Spaziergang im Freien über den Weg läuft.

    • Hans sagt:

      Ein schöner Kommentar, der mir wieder vor Augen führt, wie sehr doch der einfache Mensch alles verallgemeinern und schubladisieren muss, damit er sich in unserer komplexen Welt zurechtfinden kann. Ihr Kommentar strotzt nur so von Narzissmus und der Überzeugung, ihr Handeln sei dem der Anderen weit überlegen.

    • Lucky_Looser sagt:

      Mit dem „grassierenden Carpe-Diemismus“ bin ich sehr einverstanden.

      Der Lotussitz hingegen ist eine veritable Tortur für den Körper. Der Körper ist nicht fürs (lotus)sitzen gemacht.

      Beim Anblick der „ausgemergelten, verbissenen Gestalten“ wünsche ich Ihnen viel Gleichmut.

  • Welschfreundlich sagt:

    Die Ungeduld hat nichts mit Dünnhäutigkeit zu tun, sondern ist ganz normal, wenn man jung ist. Ich kann es gut nachfühlen, wie man sich fühlt, wenn so viel Geplantes plötzlich in Frage gestellt ist.
    Ich wollte diesen Winter Ski fahren, Schnehschuh wandern, doch mit einer falschen Bewegung beschädigte ich kurz vor Weihnachten den Innenmeniskus (der bereits ohne es zu spüren vorgeschädigt war), sodass ich mich einer Arthroskopie unerziehen musste, wo mir fast der gesamte Meniskus entfernt werden musste. Nun schaue ich die Berge von unten an, schone so gut wie möglich das Bein und übe mich in Geduld. Die Physiotherapie beginnt morgen und ich freue mich auf die möglichen Übungen.

    Die letzten drei Sommer nach meiner Pensionierung nutzte ich voll für Touren und hatte stets im Hinterkopf, schöne Fotos zu schiessen, um bei einem nicht mehr Können die Touren im Geiste nochmals durchleben zu können. Für mich bleibt es bis zum Saisonbeginn zu hoffen, längere Touren in Angriff nehmen zu können. Wenn nicht, muss ich mich mit kürzeren zu frieden geben, oder öfter in Hütten Zwischenhalt machen.

    Natascha wünsche ich von ganzem Herzen eine vollständige Rehabilitation, auf dass sie wieder viele, beglückende Touren machen kann. Es gibt nämlich nichts Schöneres, als auf einem Gipfel zu stehen und die Bergwelt ringsum zu geniessen!!

  • jörgi sagt:

    Unser Leben ist nun mal vergänglich, manchmal brutal schön und unübertrefflich gut, manchmal aber auch abgrundtief brutal und unverständlich schwer. Die Vergänglichkeit gehört zu unserem Leben. Du stehst noch in der Jugend deines Alters. Die Verletzung wird dich stärker machen und du wirst sportliche Aktivitäten inskünftig bewusster erleben. Nutze jeden Tag und versuche das Beste daraus zu machen. Schau nach vorne, denke positiv, das Glas ist immer halbvoll….
    ;-)

  • Nina sagt:

    Lebt nicht letztlich der bewusst, der mit vermeintlich Wenigem zufrieden sein kann? Gesundheit ist mitunter eines der wertvollsten Güter, die wir besitzen oder eben verlieren können. Das ewige Streben nach Höherem und Mehr (v.a. im Bergsportbereich) kann soweit gehen, dass es zu einem Hinterherhetzen von irgendwelchen auswechselbaren Zielen wird. Wenn sich dann der Geist nur noch am „ich-kann-das-und-dies-nicht-mehr“ fertig macht: Prost! Alles schon durchgemacht… und zum Glück auf die Welt gekommen: Büebli, 5 1/2 Wochen und v.a. gesund. Letzteres ist das absolut Wichtigste. Beyond dem ist alles zweit-, dritt-, viert-etc.-ranging. Finde ich.

    • Beat sagt:

      Gratuliere zum Sein! Lebe hier in Indonesien mit wirklich Armen Leuten zusammen. Die Leute haben nichts ausser sich selber, sie kennen kein Bier trinken, keine Vereine, kein Weggehen, keine Restaurants, kein Shoppen, kein Internet, keine Kartoffeln, keine Gewürze, keine Krankenkasse, kein Sport, aber sie leben und haben Kinder. UND für ihre Kinder tun sie ALLES, damit sie in die Schule gehen können und ihnen mal was zurückgeben. Deshalb, die Kinder sind das wichtigste, was wir haben. Und wenn ich hier mit den Kindern spiele, so sind sie genau so ehrgeizig, hoffnungsvoll, zielstrebig, neugierig wie alle Kinder auf der Welt. Die Basic ist gleich. Die Ausgangslage ist gleich. Mein Credo bleibt gleich, versuche immer heraus zu finden was du kannst…Und wenn du am Schluss hoffnungslos mit Krebs im Spital liegst, so hast du Bilder geschaffen, die DIR helfen.

  • mel sagt:

    ein sehr schöner, emotionaler blogbeitrag, der mich auch gleich zum nachdenken gebracht hat – bin ich doch unfallbedingt in einer ähnlichen situation wie natascha. ich glaube man muss schlussendlich versuchen, das positive daraus zu ziehen: statt frustriert über fehlende kraft oder kondition zu sein, lieber dankbar, dass man überhaupt noch die möglichkeit hat, zu gehen, zu schnaufen etc. wenn mich mein unfall etwas gelehrt hat, dann das, dass wir viel zu vieles als selbstverständlich ansehen, statt jeden „erfolgreichen tag“ in vollen zügen zu geniessen!

  • Philipp Rittermann sagt:

    vielfach wird einem erst dann bewusst was man hat, wenn man es verliert.

  • Luise sagt:

    Liebe Natascha,
    toll, dass du wieder eisklettern kannst und Touren realisieren, auch wenns hart ist. Es könnte auch anders sein, wie du an deinem kranken Bekannten siehst. Es ist eben wirklich nicht selbstverständlich, gesund und stark zu sein. Ganz ohne religiös angehaucht zu sein: Ich bin dankbar für alles, was ich noch machen kann. Ich hatte letzten Juni einen Bergunfall, der mich über Monate ausbremste. Ein Wunder, dass ich noch lebe. Es ist hart, wieder anzufangen, weil nichts mehr so ist wie vorher. Ich bin nicht mehr die Gleiche wie vor dem Unfall und werde es nie mehr sein. Aber Kondiditon, Kraft und Ausdauer wieder aufbauen macht unheimlich Freude, auch wenns nie mehr zu Höchstleistungen kommen wird. Es tönt blöd, aber manchmal lehrt uns das Leben Demut und ja, alles ist vergänglich.

  • Lucky_Looser sagt:

    „Andererseits erachte ich es jetzt umso wichtiger, so viele schöne Erlebnisse wie möglich zu sammeln, solange man gesund ist.“

    Das habe ich mir mit 40 auch gesagt. Leider erlitt ich dann aber eine Verletzung, von der ich mich immer noch nicht erholt habe.

    Der Wunsch nach vielen schönen Erlebnissen kann ich nachvollziehen. Wir brauchen schöne Erlebnisse, ob aber schöne Erlebnisse das eigentliche Ziel, der eigentliche Sinn des Lebens sein können?

    Irgendwo hab ich mal die folgenden Zeilen aufgeschnappt:

    Die Suche nach Glück macht unglücklich (oder süchtig).
    Die Suche nach Sinn macht glücklich.

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