Wenn ein Kapitel im Drehbuch fehlt

Aufgeben liegt nicht drin: Erschöpft im Ziel. (Keystone)

Aufgeben liegt nicht drin: Erschöpft im Ziel. (Keystone)

Zwei Wochen sind seit dem Swiss Olympic Gigathlon 2012 vergangen. Gegen die körperlichen Schmerzen haben die verschriebenen Medikamente geholfen, gegen die emotionalen Wunden ist aber kein Kraut gewachsen. Die Enttäuschung ob des aufgegebenen Teamwettkampfs sitzt mir noch in den Knochen – die sportlichen Pläne für die kommenden Monate liegen seither auf Eis.

Aufgeben hatte ich in meinem Drehbuch nicht vorgesehen. «Ein häufiger Fehler», sagt Mentaltrainer und Ultratriathlet Daniel Meier. Dieses Szenario gehöre zu jedem sportlichen Wettkampf – egal, ob es sich um einen 5-Kilometer-Lauf oder einen mehrfachen Ironman handle. «Es spielt nicht nur die Willensstärke und die Motivation eine Rolle, manchmal machen einem Sportler nicht beeinflussbare Faktoren wie ein Zielschluss, das Wetter oder gesundheitliche Risiken sowie Verletzungen einen Strich durch die Rechnung.» Ausblenden zaubere das Schreckensszenario nicht weg. Sportler sollten sich deshalb vor Wettkämpfen damit befassen. Sie installieren sich damit ein mentales Fangnetz, das sie auffängt, falls alle Stricke reissen.

Seit dem Gigathlonwochenende kenne ich den Weg, der mich von allen Strapazen erlöst: «The easy way out». Würde ich künftig dem bisher für mich unbekannten Weg des geringsten Widerstandes widerstehen können? Meier spricht Klartext: «Diese Option wird künftig in allen Drehbüchern verankert sein.» Und zerstreut sogleich meine wachsenden Zweifel: «Die Fortsetzung aber auch – du wirst nächstes Mal wissen, wie du dich danach fühlst.» Das werde in meine Entscheidung einfliessen.

Enttäuschung hat emotionale Spuren hinterlassen – normal, findet Meier. Das ist nicht nur im Sport so. Es hat mit Erwartungen, Zielsetzungen zu tun. Das ist einfach: Mein Ziel war das Ziel. Meier bohrt aber weiter: Und worum ging es? Darum, an die Grenzen zu gehen und dabei Spass zu haben. Fazit: Mein Ziel habe ich klar verfehlt und damit auch gleich jenes meines Teampartners zerstört – das schmerzt. Als würde Meier mir aber eine wohltuende Salbe in die Hand drücken, realisiere ich mit meiner Antwort, dass ich die Grenze aber durchaus erreicht habe – obschon sie diesmal vor der Ziellinie lag. Mit einem schmerzenden Steissbein und einem Hämatom am Allerwertesten war die Limite am zweiten Gigathlon-Tag bei Kilometer 34 der Radetappe erreicht. Der Spass war schon seit einigen Kilometern auf der Strecke geblieben.

«Es geht für jeden Sportler bei jedem Wettkampf darum, eine Zielformulierung zu finden.» Der Mann, der im vergangenen Jahr einen zehnfachen Ironman hinter sich brachte, muss wissen, wovon er spricht. «Ich mache das während meines Trainings.» Er beziehe dabei die Gegebenheiten des Wettkampfes und seinen eigenen Zustand mit ein. Für den in drei Wochen anstehenden dreifachen Ironman etwa sei er verletzungsbedingt nicht so gut vorbereitet, wie er es sich erhofft hatte. «Eine Zeit anzupeilen wäre deshalb aus mentaler Sicht riskant.» Seine Zielformulierung für die bevorstehenden Strapazen lautet deshalb: «Es gibt nur eine Wettkampfintensität und das ist meine.» Der Winterthurer gewinnt seine Erkenntnisse nicht nur aus Lehrbüchern. Er hat in Gesprächen mit Athleten und während seiner Wettkämpfe die mentalen Hürden und Möglichkeiten verschiedener Menschen kennengelernt. Er weiss, dass es auch fürs mentale «Krafttraining» verschiedene Methoden gibt – die Anwendungen variieren je nach Situation und Sportler.
Hier einige Beispiele aus Meiers mentaler «Apotheke»:

  • Visualisieren: Visualisieren kann verschiedentlich eingesetzt werden. Dabei kann sich der Sportler unter anderem eine positive Situation vorstellen. Meier rät mir etwa, mich daran zu erinnern, wie gut es mir erging während der ersten 20 Kilometer vor dem fatalen Sturz auf den Skates, als ich zuweilen gar die Führungsarbeit in einer kleinen Gruppe übernahm. Die positiven Gefühle motivieren.
  • Selbstgespräche: Für Meier eines der zentralen Hilfsmittel. Er meint damit die Gedanken, die Art und Weise also, wie ein Sportler permanent mit sich selber spricht. Er kann sich damit in eine Negativspirale katapultieren, oder aber sein Selbstvertrauen stärken und sich selbst ermuntern, die Strapazen anzupacken. Meier vermutet, dass ich nach dem Sturz in einer Negativspirale gefangen war und es mental nicht daraus heraus schaffte. Dies liess die letzten zehn Kilometer der Inlinestrecke zur Qual werden.
  • Atemtechnik: Mit raschem Atmen kann sich ein Sportler aktivieren, mit tiefen und langsamen Atemzügen beruhigen. Meier legt mir letzteres ans Herz, wenn ich das nächste Mal die Skates schnüre.
  • Aufmerksamkeitstraining: Es geht darum, die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu lenken. Das mulmige Gefühl, das sich einschleichen könnte, wenn ich die Skates nächstes Mal schnüre, monopolisiere typischerweise meine Aufmerksamkeit. Meier hat ein Werkzeug dagegen: «Konzentriere dich beispielsweise auf die Zielsetzung deiner Trainingsstrecke – im Nu ist die Unsicherheit Geschichte.»

Mentaltrainer Daniel Meier hat mir mentale «Pflästerchen» in die Hände gelegt. Jetzt können nicht nur die Schürfungen und das Hämatom heilen…

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